Verschwörungstheorien sind in den USA nichts Neues. Nun aber bietet die Kombination aus Corona-Pandemie und Präsidentschaftswahlkampf Verschwörungstheoretikern eine nie da gewesene Bühne. Zu fragwürdiger Berühmtheit gelangte in den vergangenen Wochen die QAnon-Bewegung, deren Mitglieder sich gerne in T-Shirts mit aufgedrucktem Q auf Wahlkampfveranstaltungen des US-Präsidenten Donald Trump zeigen. Dort feuern sie nicht bloß ihren bevorzugten Kandidaten an, sondern, wie sie glauben, den Retter der Menschheit.

Das Weltbild, das sich die QAnon-Jünger zusammengesponnen haben, basiert auf dem sogenannten Deep State, der Vorstellung von einem Staat im Staat: Altbekannte Feindbilder der amerikanischen Rechten wie Hillary Clinton, George Soros, Oprah Winfrey oder die Rothschild-Familie sollen die Weltpolitik kontrollieren und einen satanistischen Kinderhandelsring betreiben. Donald Trump führe hinter den Kulissen einen Kampf gegen das Böse und werde dieses auch besiegen: Die QAnon-Bewegung wartet auf den "Sturm", wenn der Pädophilenring auffliegt und seine Akteure verhaftet und hingerichtet werden.

Kryptische Nachrichten

Ausgangspunkt für diese wüsten Fantasien ist eine Pressekonferenz des Präsidenten aus dem Jahr 2017. Jetzt sei die Ruhe vor dem Sturm, sagte Trump kryptisch und wollte sich auch auf Nachfrage der Journalisten nicht erklären. Wenige Tage später tauchten rätselhafte Nachrichten auf der Internetplattform 4chan auf, die eine baldige Verhaftung Hillary Clintons prophezeiten. Absender der Botschaften war Q, dessen Identität auch drei Jahre später ungeklärt bleibt. Clinton wurde nicht verhaftet, doch Q begann, eine Anhängerschaft um sich zu scharen, die ihren Namen von Q und dem Wort "anonym" ableitet. Bei Q musste es sich um einen oder mehrere Eingeweihte handeln, die an Trumps Seite für das Gute kämpften, waren die Leser der Botschaften überzeugt.

Seither hat Q mehr als 4500 teils unverständliche Posts verfasst. Seine Bewunderer interpretieren sie mit religiösem Eifer und teilen ihre Erkenntnisse mit anderen. Heraus kommt ein wirres Gerede über Satanismus, Menschenhandel und die nahende Apokalypse. Dass Q mit seinen Vorhersagen politischer Ereignisse meist falsch liegt, stört die Fans nicht - das seien nötige Täuschungsmanöver.

Wie viele Amerikaner tatsächlich an den Deep State glauben, lässt sich nicht abschätzen. Influencer in der Szene haben teilweise mehrere hunderttausend Follower auf YouTube oder Facebook. Andererseits gaben bei einer Umfrage des nichtstaatlichen Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center zwei Drittel der Befragten an, noch nie von QAnon gehört zu haben. Die Mehrheit der Informierten waren politisch links der Mitte angesiedelt und somit kaum selbst Anhänger der Verschwörungstheorie.

Auch den Einzug in die Politik hat QAnon noch nicht geschafft. Zwar zählte die Plattform MediaMatters, dass mehr als 60 aktuelle oder frühere Kandidaten für die Kongresswahlen Sympathien für QAnon bekundet hatten. Die wenigen von ihnen mit realistischen Wahlchancen haben sich mittlerweile davon distanziert.

Trump retweetet

Wie Donald Trump zu all dem steht, ist unbekannt. Dutzende Male hat er Posts von Accounts retweetet, die in Verbindung mit QAnon stehen, explizit geäußert hat er sich dazu nie. Sein Sohn Eric Trump nannte in einem Interview mit Fox News das Sperren von QAnon-Accounts auf Social Media eine Verletzung der Meinungsfreiheit. Ansonsten ist das Umfeld Donald Trumps sparsam mit Kommentaren. Die ehemalige Pressesprecherin des Weißen Hauses, Sarah Huckabee Sanders, versicherte bloß, dass Trump jede Gruppe verurteile, die Gewalt anstacheln wolle.

Das Gewaltpotenzial, das von QAnon ausgeht, ist jedenfalls groß genug, um vom FBI als terroristische Gefahr bezeichnet zu werden. Twitter sperrte im Juli tausende QAnon-Accounts wegen der Gefahr, dass "Schaden in der Offline-Welt" entstehen könnte. Nicht immer bleibt es dabei, dass die Anhänger Beschimpfungen und Gewaltdrohungen gegen ihre vermeintlichen Feinde online posten. Die USA verzeichnen bereits mehrere Verbrechen - darunter ein Mord in New York -, deren Täter von ihrem Glauben an die Weltverschwörung angetrieben wurden.

Corona als Verschwörung

Indirekt richtet QAnon auch mit Desinformation auf Social Media Schaden an. Während der Corona-Pandemie vermischten die Algorithmen von Facebook und Twitter QAnon-Content schnell mit anderen Fake News. Die verschwörerischen Meldungen tauchten plötzlich in unzähligen Feeds auf, die per se nichts mit QAnon zu tun hatten. Die Theorien der Bewegung zum Coronavirus sind krude: Einmal ist die Pandemie eine Intrige des Deep State, ein anderes Mal ist sie ein geplantes Ablenkungsmanöver des Präsidenten, sodass er seinen heimlichen Kampf ungestört fortsetzen kann.

Auch wenn QAnon noch ein Minderheitenprogramm ist, Verschwörungstheorien sind es in den USA schon lange nicht mehr. Das Pew Research Center veröffentlichte Ende Juli eine Studie, der zufolge ein Viertel aller Amerikaner glaubten, Corona sei von den Mächtigen der Welt geplant worden. Damit sind sie in diesem Bereich auf einer Wellenlänge mit QAnon. Und wer einer Verschwörungstheorie Glauben schenkt, ist auch anfälliger für eine andere.