60 Jahre sind seit der großen Unabhängigkeitswelle afrikanischer Staaten - dem "Afrikanischen Jahr" - vergangen. Im August 1960 entließ die Kolonialmacht Frankreich innerhalb von drei Wochen acht Staaten in die Unabhängigkeit. Insgesamt 17 Länder feiern heuer ihren 60. Unabhängigkeitstag. Doch Armut und soziale Ungleichheit prägen noch immer viele Regionen. Was bleibt von der damals erlangten politischen  Freiheit?

Statue von Patrice Lumumba in Kinshasa, Dem. Rep. Kongo. Er war der erste  demokratische gewählte Regierungschef, ein afrikanisches Freiheitsidol und scharfer Kritiker der ehemaligen Kolonialherren. Wenige Monate nach seiner Inauguration wurde er ermordet. - © APAweb / AFP, Amaury Paul
Statue von Patrice Lumumba in Kinshasa, Dem. Rep. Kongo. Er war der erste  demokratische gewählte Regierungschef, ein afrikanisches Freiheitsidol und scharfer Kritiker der ehemaligen Kolonialherren. Wenige Monate nach seiner Inauguration wurde er ermordet. - © APAweb / AFP, Amaury Paul

Es sollte in die Geschichtsbücher eingehen, das Jahr 1960, Jahr der Freiheit für 18 Kolonien bzw. 17 Länder: Kamerun, Togo, Madagaskar, Somalia (Britisch-Somaliland und Italienisch-Somaliland), die Demokratische Republik Kongo, Benin, Niger, Burkina Faso, Côte d'Ivoire, den Tschad, die Zentralafrikanische Republik, die Republik Kongo, Gabun, der Senegal, Mali, Nigeria und Mauretanien.

Willkürliche Grenzen

Zwar war die Freiheit von vielen lang ersehnt, doch weder Bevölkerung noch Politik waren darauf wirklich vorbereitet. Oft fehlte es an personeller Infrastruktur, die Eliten waren klein und politisch unerfahren. Hinzu kam, dass die Staaten, für die die Afrikaner nach all den Jahren der Ausbeutung und der Fremdherrschaft endlich selbst Verantwortung übernehmen konnten, meist Staaten mit von den Kolonialmächten willkürlich gezogenen Grenzen waren. Diese nahmen weder auf naturräumliche, religiöse, sprachliche, ethnische oder kulturelle Grenzen Rücksicht, noch entsprachen sie den Linien alter Königreiche. Viele der Konflikte Afrikas, wie wir sie heute kennen, gehen auf diese problematische Grenzziehung zurück.

Aber nicht nur die Menschen waren kaum auf das "neue Leben" vorbereitet, auch eine florierende und diversifizierte Wirtschaft aufzubauen, gelang vielen Staaten nur schwer - was angesichts der Tatsache, dass einige von ihnen bankrott in die Unabhängigkeit entlassen wurden, nicht sehr überrascht. Die Loslösung aus den kolonialen Wirtschaftsstrukturen - die Kolonie liefert Primärprodukte aus der Landwirtschaft und dem Bergbau und importiert dafür Fertigwaren von der Kolonialmacht - fällt bis heute schwer.

Flucht der Ressourcen

Globalisierungskritiker nennen dies als einen der Hauptgründe dafür, dass Afrika den anderen Kontinenten wirtschaftlich nachhinkt. Der Vorwurf: Die direkte Beherrschung wurde im "Neokolonialismus" durch indirekte Abhängigkeiten - militärisch, wirtschaftlich, technologisch, kulturell - abgelöst. "Natürlich ist auch das Weltsystem dafür verantwortlich, dass sich vieles auf dem Kontinent so entwickelt hat, wie es sich entwickelt hat", sagt der Afrika-Wissenschafter Walter Schicho von der Universität Wien. Gewinne und Ressourcen seien "abgesaugt" worden, anstatt sie in Entwicklung zu investieren. Ein "unabhängiges Wirtschaften und eine unabhängige Politik" habe die globalisierte Welt nicht erlaubt, betont der Experte.

Ressourcen gäbe es auf dem "Schwarzen Kontinent" genug. Oft wird im Zusammenhang mit diesem Rohstoffreichtum vom "Fluch" der Ressourcen gesprochen, denn meist profitieren von den Einnahmen nur Eliten und Interessensgruppen bzw. in weiterer Folge internationale Konzerne, während die Zivilbevölkerung leer ausgeht.

"Ein richtiges Bewusstsein, im Interesse seines Staates zu agieren, das gibt es in den wenigsten afrikanischen Ländern", erklärt der Universitätsprofessor. Anstatt von Kolonialherren wurden die neuen Nationen nach ihrer Unabhängigkeit also von ihrer eigenen, korrupten Elite und Despoten ausgebeutet - und werden es teils heute noch.

Wirtschaftsstrukturen

Und der Westen? "Die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit gewissen Akteuren war schon immer wichtiger als demokratisches Verhalten und Menschenrechte", so Schicho. Das gelte bis heute, merkt er mit Blick auf die Verhandlungen über das EU-Budget und den EU-Aufbaufonds an, bei der einige Staaten - darunter Österreich - für niedrigere Beiträge in den Haushalt Kompromisse bei der Rechtsstaatlichkeit in Kauf genommen hätten.

Auch in der Entwicklungshilfe rückten wirtschaftliche "Partnerschaften", die die viel zitierte "Win-Win-Situation" kreieren sollen, in den vergangenen zehn Jahren immer mehr in den Fokus. Die Skepsis darüber, wer von der Kooperation am Ende wirklich profitiert, hält sich allerdings hartnäckig. Denn, so Kritiker, oft sei schon bei den Verhandlungen die afrikanische Seite die "schwächere", weil gut ausgebildetes Personal - im Gegensatz zum Westen - nicht in der Vielzahl vorhanden ist.

Bis heute ist es nur den wenigsten afrikanischen Staaten gelungen, eine stabile Nation zu schaffen. Ethnische und religiöse Konflikte oder Bürgerkriege sorg(t)en in einigen Regionen für zusätzliche Instabilität, während die grassierende Korruption mitverantwortlich ist für die weitverbreitete Armut. Entscheidend für die - auch nach 60 Jahren der Unabhängigkeit - große Ungleichheit, scheinen aber allen voran globale Wirtschaftsstrukturen zu sein.

 >>> Im Folgenden ein Überblick über das "Afrikanische Jahr" (bitte umblättern) <<<