Dass es gefährlich sein kann, sich mit TikTok-Nutzern anzulegen, hatte Donald Trump schon vor einigen Wochen erfahren müssen. Damals hatte der US-Präsident bei seiner groß angekündigten Wahlkampfveranstaltung in Tulsa in einer nur zu einem Drittel gefüllte Halle sprechen müssen, nachdem es in dem zumeist von Kindern und Jugendlichen genutzten Online-Netzwerk zahlreiche Aufrufe gegeben hatte, sich für eines der Gratis-Tickets zu registrieren, dann aber nicht hinzugehen.

Entsprechend vorsichtig geht der Präsident nun auch mit der zum chinesischen Software-Riesen ByteDance gehörenden App um. So hatte Trump, der schon seit längerem davor warnt, dass Daten amerikanischer Bürger mit Hilfe von TikTok in die Hände ausländischer Behörden fallen könnten, zwar am Samstag angekündigt, das Online-Netzwerk aus den USA zu verbannen. Doch bereits zwei Tage später ist von einem Verbot, das drei Monate vor den Präsidentschaftswahlen zahlreiche junge Menschen verprellen könnte, keine Rede mehr. Stattdessen soll das US-Geschäft des rasant wachsenden und mittlerweile mehr als eine Milliarde Nutzer zählenden sozialen Netzwerks abgespalten und von einem heimischen Unternehmen übernommen werden.

IT-Firmen als nächste Front

Mit Microsoft hat sich nach massivem politischen Druck auch schon ein erster finanzkräftiger Interessent in Stellung gebracht. Nach einem Telefonat zwischen Trump und Microsoft-Chef Satya Nadella erklärte der US-Softwarekonzern, die Übernahme-Gespräche bis zum 15. September abschließen zu wollen. Man wolle sicherstellen, dass alle privaten Daten der amerikanischen Benutzer von TikTok in die USA übertragen werden und dort verbleiben, heißt es in einem in der Nacht auf Montag veröffentlichten Blog-Eintrag, laut dem auch der TikTok-Betrieb in Kanada, Australien und Neuseeland Teil der Vereinbarung sein soll.

Mit dem Streit um TikTok hatten sich die anhaltenden Spannungen zwischen den USA und China zuletzt weiter verschärft. Bereits zuvor hatte sich im geopolitischen Kräftemessen zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt neben dem mit harten Bandagen geführten Zollstreit eine neue Front aufgetan. Dabei waren vor allem chinesische IT-Unternehmen wie die Telekom-Riesen Huawei und ZTE ins Fadenkreuz geraten, die ebenso wie TikTok von der US-Regierung als mögliche Spionageinstrumente betrachtet werden. Im Fall des chinesischen Online-Netzwerkes, bei dem die Nutzer eigene kurze Clips hochladen oder Videos von anderen ansehen können, sieht das Weiße Haus aber auch noch zusätzlich die Gefahr einer politischen Einflussnahme oder Zensur von Inhalten im Sinne Pekings. Auf TikTok finden sich zwar vor allem viele Clips, in denen getanzt oder zur Musik Playback gesungen wird, und oft werden auch die Musikvideos prominenter Stars parodiert. International negativ in die Schlagzeilen geriet TikTok aber im vergangenen Jahr, als das Video einer 17-Jährigen aus den USA gelöscht wurde. Sie hatte darin, versteckt in einer harmlos wirkenden Schminkanleitung, die Verfolgung muslimischer Uiguren in der chinesischen Provinz Xinjiang angeprangert.

ByteDance, das für die chinesische TikTok-Version Douyin tausende Zensoren beschäftigt, bestritt allerdings, dass der Clip wegen seines Inhalts entfernt worden sei, und sprach von einem "menschlichen Fehler".

Wie viel Microsoft für TikTok, das im Jahr 2016 vom 36-jährigen Tech-Unternehmer Zhang Yiming gegründet wurde, zahlen müsste, ist bisher unklar. Laut der Nachrichtenagentur Reuters dürfte es aber um einen Betrag von rund 50 Milliarden Dollar gehen. In den USA hat TikTok nach eigenen Angaben 100 Millionen Nutzer und ist damit ein äußerst attraktives Übernahmeziel.

Microsoft könnte aus dem politischen Gerangel zwischen Peking und Washington somit als lachender Dritter hervorgehen - denn der Softwarekonzern aus Redmond hat bisher kein eigenes Social-Media-Geschäft. Unter Nadella wurde Microsoft erfolgreich vor allem mit Cloud-Angeboten für Unternehmen und tritt im Geschäft mit Verbrauchern primär mit der Spielekonsole Xbox in Erscheinung.

Neues Feld, neue Probleme

Mit dem TikTok-Deal würde der Windows-Riese auf einen Schlag zu einem relevanten Wettbewerber von Facebook werden - Nadella würde sich damit aber auch für den Konzern neue Probleme ins Haus holen. So muss Facebook gewaltige und teure Anstrengungen unternehmen, um Hassbotschaften aus der Plattform zu filtern. Und auch der ByteDance-Plattform ist - vor allem zu Zeiten der Vorläufer-App Musical.ly - schon zu lascher Jugendschutz vorgeworfen worden. (rs)