Am 6. August 1945 besteigt Paul Tibbets den nach seiner Mutter benannten B-29-Bomber "Enola Gay". Dann nimmt er vom US-Stützpunkt Tinian im Süd-Pazifik aus Kurs auf das rund 2500 Kilometer nord-westlich liegende Hiroshima. Um 8.15 Uhr klinkt die Bordbesatzung die "Little Boy" getaufte Uranbombe aus. Anschließend fliegt die Maschine ein Wendemanöver, um nicht von der Druckwelle der viereinhalb halb Tonnen schweren Bombe erfasst zu werden. 576 Meter über dem Shima-Krankenhaus detoniert "Little Boy" mit einer Sprengkraft von 12.500 Tonnen.

Die Wirkung ist verheerend. Innerhalb von Sekunden macht eine Druck- und Hitzewelle mit mindestens 6000 Grad die Stadt zu einer lodernden Hölle. Von den 350.000 Bewohnern sterben auf einen Schlag mehr als 70.000 Menschen. Ende Dezember 1945 liegt die Zahl schon bei 140.000. Drei Tage später zünden die Amerikaner über Nagasaki eine zweite Atombombe. Bis Dezember 1945 sterben dort etwa 70.000 Menschen.

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Angst vor der deutschen Atombombe

Die einzelnen Schritte, die zu dem Desaster führten, sind gut erforscht, unzählige Bücher wurden dazu publiziert. Die USA wollten den Krieg gegen Japan abkürzen, die Eroberung des Inselreichs mit konventionellen Mitteln wäre nur unter enormen Verlusten möglich gewesen. Zudem gab es den Plan, die Atombombe auch über Berlin zum Einsatz zu bringen, um den Krieg in Europa zu beenden. Die Kapitulation der Wehrmacht erfolgte, bevor "Little Boy" einsatzbereit war.

Vor allem aber befürchtete man in Washington, dass die Nazis zuerst in den Besitz der Bombe kommen und den Krieg gewinnen könnten. Der Gedanke war nicht abwegig: Das Prinzip der Kernspaltung ist 1938 in Berlin von Otto Hahn und Fritz Straßmann entdeckt worden, 1939 warnte Albert Einstein US-Präsident Franklin D Roosevelt vor einer deutschen Atombombe.

Die Nazis forschten mit Volldampf an neuen, gefährlichen Waffensystemen. Walter Dornberger und Wernher von Braun bauten eine ballistische Fernrakete, die ab 1944 eine ganze Tonne Sprengstoff mit fünffacher Schallgeschwindigkeit auf einem elektrischen Leitstrahl transportieren konnte. Die Rakete war von der britischen Luftraumüberwachung bis kurz vor dem Einschlag nicht wahrnehmbar. Schon zuvor hatten die Nazis als erste Düsenjäger konstruiet, die eine hochwirksame Waffe gegen alliierte Fliegerangriffe darstellten. Doch Hitler erkannte die Bedeutung der Erfindung nicht und wollte durchsetzen, dass die Jäger als Bomber eingesetzt werden. Der Düsenjet blieb deshalb ohne Bedeutung.

Robert Oppenheimer, Leiter des "Manhattan-Projekts", gilt als Vater der Atombombe. - © afp
Robert Oppenheimer, Leiter des "Manhattan-Projekts", gilt als Vater der Atombombe. - © afp

Um einer möglichen deutschen Atombombe zuvorzukommen, stellte Roosevelt nahezu unbegrenzte Forschungsmittel zur Verfügung, 1942 hob das US-Militär das geheime Programm "Manhattan" aus der Taufe. In der Wüste rund um Los Alamos, New Mexico, begannen Experten unter der Führung von Robert Oppenheimer mit der Entwicklung. Wissenschafter, die in die USA emigriert waren, stellen sich in den Dienst der Sache. 1943 zählte die eigens errichtete Barackenstadt in Los Alamos 60 Einwohner, 1945 waren dort 5000 tätig. Am 16. Juli 1945 ist die Bombe einsatzbereit, wie ein Test in der Wüste von New Mexico beweist. Und der Versuch führt allen Beteiligten klar vor Augen, dass die Wirkung viel furchterregender als ursprünglich angenommen ist.

Werner Heisenberg wusste 1945 nicht, wie eine Atombombe zu bauen wäre. - © afp
Werner Heisenberg wusste 1945 nicht, wie eine Atombombe zu bauen wäre. - © afp

Stellt sich die Frage, wie weit die Deutschen 1945 mit dem Bau einer Atombombe waren.

Heute geht man davon aus, dass es den Wettlauf um die Bombe zwischen den USA und den Nazis nicht gegeben hat. Ein solcher wurde von den Amerikanern behauptet, um den ungeheuren finanziellen und personellen Aufwand in Los Alamos zu rechtfertigen. Dazu kam der Umstand, dass man in den Vereinigten Staaten nicht genau wusste, wie weit die Bemühungen der Deutschen gediehen waren.

Das "Uranprojekt" der Nazis hatte einen vergleichsweise kleinen Umfang, die Erkenntnisse waren spärlich, wie der deutsche Kernphysiker Manfred Popp seit einigen Jahren betont. Das widerspricht der gängigen These, dass die deutschen Forscher sehr wohl gewusst hätten, wie eine Bombe zu bauen wäre. Es habe nur an den Mitteln zur Umsetzung gefehlt. Doch Popp hat gewichtige Argumente auf seiner Seite: Die deutschen Atomphysiker wurden von den Alliierten gefangen genommen und nach England in ein mit Abhörgeräten versehenes Haus gebracht. Die Reaktion der deutschen Wissenschafter, die im August 1945 von der enormen Kraft der Hiroshima-Bombe erfuhren, sei der Beweis für pure Ahnungslosigkeit, so Popp. Die Physiker in Gefangenschaft rechneten fieberhaft nach, konnten sich aber nicht erklären, wie eine derartige Zerstörungskraft machbar wäre. In ihren Überlegungen war nur eine unkontrollierte Kettenreaktion, wie sie 1986 in Tschernobyl Wirklichkeit werden sollte, enthalten. Mehr nicht.

"Heisenbergs Unwissenheit war Klugheit"

Popp fällt bei seinen Untersuchungen auf, dass die deutschen Atom-Forschungen im Zweiten Weltkrieg nicht zielorientiert und eigentümlich zersplittert waren. So, als ob alle Bemühungen bewusst ins Leere laufen sollten.

Der Physiker hat eine Erklärung dafür: Die vielen kleinen Teilprojekte seien für die Wissenschafter eine Art Lebensversicherung gewesen. Während Millionen Menschen als Soldaten an der Front fielen, durch Bombardierungen in den Städten umkamen oder in Vernichtungslagern ermordet wurden, waren die Atom-Wissenschafter in der Provinz sicher untergebracht und konnten frei und gut dotiert forschen.

Dass es eine realistische Möglichkeit gäbe, eine Bombe von enormer Zerstörungskraft zu bauen, wurde dabei nicht an die große Glocke gehängt. Dann nämlich wären alle Forscher sofort von der Nazi-Führung für diese Arbeit herangezogen worden. "Ein zentralisiertes Großprojekt hätte die Idylle zerstört - und wäre lebensgefährlich gewesen", schreibt Popp 2017 in der "Zeit". Wäre der Erfolg ausgeblieben, hätten sich die Beteiligten unter Umständen an der Front wiedergefunden. Dem Physiker Werner Heisenberg sei zudem klar gewesen, dass man dem NS-Regime nur verschweigen konnte, was man nicht wusste. "Dass er nie herausgefunden hatte, wie die Bombe funktioniert, war nicht Unfähigkeit, sondern Klugheit", folgert Popp.