In Beirut herrschte - und wie sollte es am zweiten Tag nach so einer verheerenden Explosion auch anders sein - am Donnerstag viel Chaos. Menschen suchten unter den Trümmern der zerstörten Gebäude nach Angehörigen, auf den Straßen lagen vielerorts noch Glassplitter und Schutt herum und viele Bürger hatten die Nacht auf der Straße verbracht - die Wohnungen von rund 300.000 Beirutern sind unbewohnbar geworden.

Doch so sehr das Chaos den Umständen geschuldet ist, so sehr trägt auch der libanesische Staat dazu bei. So wie es Institutionen und Behörden nicht geschafft haben, die Beiruter vor 2750 Tonnen hochexplosivem, im Hafen gelagerten Ammoniumnitrat zu schützen, so sind die Bürger auch jetzt, in den Stunden nach der Explosion, auf sich allein gestellt. Zunächst gab es kein zentrales Krisenmanagement, das die notwendigen Maßnahmen koordiniert. Nun soll die Armee diese Aufgabe übernehmen.

Inmitten dieser Situation läuft nun die internationale Hilfe an, die ebenso in Kooperation mit den libanesischen Behörden geschehen muss. Staaten und Hilfsorganisationen schicken Material und ihre Mitarbeiter vor Ort. Ganz schnell gebraucht werden dabei Teams, die auf die Suche nach Vermissten spezialisiert sind. Über den EU-Krisenmechanismus sind auch schon derartige Spezialisten aus verschiedenen europäischen Ländern samt Spürhunden in Beirut eingetroffen und haben mit ihrem Einsatz begonnen.

Beirut ist zerstört und verwüstet. - © APAweb / Reuters
Beirut ist zerstört und verwüstet. - © APAweb / Reuters

Darüber hinaus wird nun, aufgrund der Vielzahl der teils schwer Verletzten, auch viel medizinisches Material benötigt. Italien und Frankreich haben schon tonnenweise Ausrüstung geliefert. Auch Österreich hat übrigens eine Kompanie der "Austrian Force Disaster Relief Unit" aus dem ABC-Abwehrzentrum Kornneuburg bei der EU für einen etwaigen Einsatz im Libanon eingemeldet.

Sehr bald könnte aber auch zusätzliche Nahrungsmittelhilfe im Libanon gebraucht werden. Inwieweit das der Fall ist, versuchen derzeit Experten der UNO abzuschätzen. Klar ist aber bereits, "dass sich die Lage im Libanon unglaublich verschärfen wird", sagt Bettina Lüscher, Sprecherin des Welternährungsprogramms (WFP), der "Wiener Zeitung". Der Libanon musste nämlich schon bisher 80 Prozent seiner Lebensmittel importieren, und die wichtigste Drehschreibe war der - nun zerstörte - Hafen von Beirut. Der Ausweichhafen in Tripoli hat jedoch bei weitem nicht dieselben Kapazitäten.

Miserable Außenhandelsbilanz

"Dabei waren schon vor der Katastrophe viele Menschen verzweifelt und wussten nicht mehr, wie sie ihre Familien ernähren können", sagt Lüscher. 800.000 Notleidende versorgte das WFP bereits im Libanon mit Nahrungsmitteln - davon 650.000 syrische Flüchtlinge, von denen nach unterschiedlichen Schätzungen ein bis zwei Millionen im Land sind. Zudem hatte das WFP schon vor der Explosion geplant, künftig rund 250.000 weitere Personen in sein Programm aufzunehmen - eine Zahl, die sich nun noch einmal erhöhen wird.

Bereits seit vergangenem Herbst hat sich die Lage im Libanon zugespitzt. Damals begann einer der wenigen stabilen Pfeiler des Landes zu bröckeln: das Bankensystem. Seit den späten 1990ern ist das libanesische Pfund im Verhältnis 1:1500 an den US-Dollar gekoppelt - obwohl das kleine Mittelmeerland kaum über exportfähige Produkte verfügt. Das verdeutlicht ein Blick auf die Handelsstatistik mit Österreich. 2019 wurden Waren im Wert von drei Millionen Dollar nach Österreich exportiert, das sind nicht einmal 0,1 Prozent der gesamten Wareneinfuhren. Österreich stellt dabei keinen Einzelfall dar, die globale libanesische Außenhandelsbilanz ist seit Jahren tiefrot. Alleine 2019 betrug das Minus knapp 15 Milliarden Dollar.

Auch andere Indikatoren sind verheerend: Die Wirtschaft schrumpft bereits seit 2018, die Konsumausgaben sinken seitdem ebenfalls und das Budgetsaldo lag 2019 bei minus 10,7 Prozent.

Der Libanon hängt seit Jahren am Tropf von Kapitaleinfuhren. Dazu organisierte die Zentralbank ein Schneeballsystem: Kreditinstitute lockten internationale Investoren und die wohlhabende libanesische Diaspora mit schier unglaublichen Zinsen von bis zu zehn Prozent. Sie verliehen die Dollars weiter an die Zentralbank, die trotz auseinanderdriftender Kaufkraft gegenüber den USA den Dollar-Kurs stabil halten wollte. Weil aber der Libanon mit 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu den höchstverschuldeten Staaten zählt, die Regierung daher Sparmaßnahmen plante und dagegen die Bürger auf die Straße gingen, verloren die Anleger das Vertrauen in das libanesische Modell. 28 Milliarden Dollar sollen laut dem auf den Nahen Osten spezialisierten Magazin "Zenith" seit Herbst abgezogen worden sein.

Kein Geld für Essen

Diesem zufolge gehörten 98 Prozent der abgehobenen Dollardevisen dem einen Prozent der reichsten Anleger. Auf der Strecke bleiben Kleinsparer und die Mittelschicht, die zur Altersvorsorge in Dollar angelegt hatten. Banken verfügen nicht mehr über genügend Devisen, sie zahlen Guthaben nur noch zum Wechselkurs von 3850 Pfund aus. Der tatsächliche Wechselkurs auf dem Schwarzmarkt lag Ende Juli bei rund 8100 Pfund für einen Dollar.

Die Hyperinflation - im Juni waren es 50 Prozent - führt zur Verarmung breiter Schichten eines Landes, das einst die "Schweiz des Nahen Ostens" genannt wurde. Bereits vor der Explosionskatastrophe fürchtete die Hälfte der Bevölkerung, dass sie sich nicht mehr genug Lebensmittel leisten kann, ergab eine Umfrage im Auftrag der UN. Demnach haben sich 42 Prozent verschuldet, um Mieten und Lebensmittel zu zahlen.

Mit der Tragödie keimt zugleich die Hoffnung auf, dass die Staatengemeinschaft dem Libanon wieder auf die Beine hilft.