Vier Tage nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut mit knapp 160 Toten und 6000 Verletzten haben tausende Libanesen am Samstag in der Hauptstadt gegen die politische Elite des Landes protestiert. Dabei stürmten sie den Sitz des Außenministers, danach brachten Demonstranten auch das Energieministerium und das Handelsministerium unter ihre Kontrolle. 

Von ehemaligen Armeeoffizieren angeführte Protestierende drangen am Nachmittag in das Gebäude des Außenministeriums ein und erklärten es zum "Hauptquartier der Revolution", wie in Live-Aufnahmen örtlicher Fernsehsender zu sehen war.  Auf Bildern des libanesischen Fernsehsenders MTV war zu sehen, wie die Demonstranten im Außenministerium ein Bild von Präsident Michel Aoun zertrümmern. Die Aktivisten hängten ein großes Plakat mit dem Slogan "Beirut ist die Hauptstadt der Revolution" auf.

Die Armee beendete die Besetzung des Außenministeriums nach drei Stunden. Soldaten räumten am Samstagabend das Gebäude, wie AFP-Reporter beobachteten.

Auch den Sitz des libanesischen Bankenverbandes brachten mehrere Demonstranten zeitweise in ihre Kontrolle. Bevor sie von der Armee von dort zurückgedrängt wurden, legten sie Feuer, wie ein AFP-Fotograf beobachtete.

Sicherheitskräfte versuchten mit Hilfe von Tränengas und Gummigeschossen, die Lage im Zentrum der Hauptstadt unter Kontrolle zu bringen. Es gab dutzende Verletzte. Ministerpräsident Hassan Diab kündigte in den frühen Abendstunden Neuwahlen an.

Schüsse zu hören

Zuvor waren tausende Menschen - laut Schätzungen 10.000 - durch die Stadt marschiert, um nach der Explosionskatastrophe vom Dienstag gegen die Regierung zu protestieren. Bei den Protesten gegen die Regierung fielen auch Schüsse. Dies bestätigte die Polizei der Nachrichtenagentur Reuters, nachdem am Samstag entsprechende Geräusche im Zentrum der libanesischen Hauptstadt zu hören waren. Die Umstände waren zunächst unklar.

Auf Fernsehaufnahmen waren mehrere blutende Menschen zu sehen, nachdem die Polizei Gummigeschosse und Tränengas gegen Demonstranten eingesetzt hatte. Diese hatten versucht, auf den Parlamentsplatz vorzudringen.

Das libanesische Rote Kreuz sprach von mindestens 200 Verletzten,  mehr als zwei Dutzend Menschen seien in umliegende Krankenhäuser gebracht, 102 vor Ort behandelt worden, teilte die Organisation via Twitter mit. Auch ein Todesopfer gab  es: Ein Polizeibeamter habe mehreren in einem Hotel festsitzenden Menschen geholfen, als er aus einer Menschenmenge angegriffen worden und tödlich gestürzt sei, teilte die Polizei mit.

Die Beiruter gingen auf die zerstörten und mit Trümmern übersäten Straßen, um ihrer Wut auf die politische Elite Luft zu machen. "Rache, Rache bis zum Sturz des Regimes", skandierten sie. Viele Demonstranten hielten Flaggen oder Fotos von Unglücksopfern in die Höhe.

Vereinzelt schwenkten Protestierende auch Schlingen, auf dem Märtyrer-Platz im Zentrum von Beirut waren bereits am Freitag hölzerne Guillotinen errichtet worden. Protestaufrufe in Onlinenetzwerken wurden mit dem Hashtag #HangThem (#HängtSie) versehen. Sicherheitskräfte versuchten die Demonstranten auf dem Weg zum Parlamentsgebäude zurückzudrängen, die Polizei setzte Tränengas gegen Steinewerfer ein.

"Wir können es nicht mehr ertragen"

Viele Libanesen, die der politischen Elite schon seit langem Korruption und Unfähigkeit vorwerfen, machen die Regierung für die verheerenden Explosionen auf dem Hafengelände am Dienstag mit mehr als 150 Todesopfern verantwortlich. Dort lagerten über Jahre 2750 Tonnen  der hochexplosiven Chemikalie Ammoniumnitrat ohne Sicherheitsvorkehrungen. Dies soll die gewaltige Explosion verursacht haben. Warnungen wurden Berichten zufolge in den Wind geschlagen.

21 teils hochrangige Hafenmitarbeiter sind inzwischen auf richterliche Anordnung verhaftet worden, unter ihnen auch der Leiter der dortigen Zollbehörde. Doch die Wut der Beiruter konnte das nicht besänftigen.   

"Wir können es nicht mehr ertragen. Wir werden als Geiseln gehalten, wir können das Land nicht verlassen, wir können unser Geld nicht von den Banken abheben. Die Menschen hungern, es gibt mehr als zwei Millionen Arbeitslose", beklagte die Demonstrantin Médéa Azoury. "Und jetzt ist Beirut durch Fahrlässigkeit und Korruption vollständig zerstört worden", meint eine Demonstrantin.

Das wirtschaftlich ohnehin bereits schwer angeschlagene Land droht nun in eine schwere humanitäre Krise zu schlittern. Rund 300.000 Menschen wurden durch die zwei verheerenden Explosionen, bei denen Teile der Stadt stark beschädigt wurden, obdachlos.

Am Sonntag sollen auf Initiative von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf einer internationalen Geberkonferenz Spenden in Milliardenhöhe eingesammelt werden. Die von der UNO mitorganisierte Videokonferenz werde um 14 Uhr beginnen, teilte das Präsidialamt in Paris am Samstag mit. 

Trump: "Alle wollen helfen"

US-Präsident Donald Trump hat seine Teilnahme bereits zugesagt. "Alle wollen helfen", schrieb Trump nach einem Telefonat mit Macron im Onlinedienst Twitter. Die USA hatten bereits am Freitag drei große US-Flugzeuge mit Hilfslieferungen nach Beirut geschickt. Für die EU werden Ratspräsident Charles Michel und der Kommissar für humanitäre Hilfe, Janez Lenarcic, an der Videokonferenz teilnehmen.

Auch Österreich beteiligt sich. Die Regierung stellt eine Million Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds (AKF) als Soforthilfe zur Verfügung. Die Mittel werden der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) und österreichischen NGOs für die Versorgung und Unterbringung der Bewohnern bereit gestellt.

Die Türkei bot derweil Unterstützung beim Wiederaufbau des Hafens in Beirut an. Zudem könne der Hafen in der südtürkischen Stadt Mersin Beirut bei der Zollabwicklung und der Lagerung großer Lieferungen helfen, bis die Anlagen dort wieder arbeitsfähig seien, sagte der stellvertretende Präsident der Türkei, Fuat Oktay, nach einem Treffen mit Aoun.

Macron war am Donnerstag nach Beirut gereist und hatte sich als erster ausländischer Staatschef ein Bild von den Zerstörungen gemacht. Den Plan für eine internationale Geberkonferenz kündigte er noch vor Ort an.

Premier Diab sieht in Neuwahlen "einzigen Weg"

Libanons Regierung steht angesichts de wachsenden Unmuts in der Bevölkerung unter starkem Druck. Nach dem Sturm des Außenministeriums kündigte Regierungschef Diab am Samstag Abend vorgezogene Neuwahlen an. Dies sei der einzige Weg, um die tiefe Krise des Landes zu überwinden, erklärt er. Eine Verantwortung für die wirtschaftlichen und politischen Probleme des Landes wies er zurück. Die nächsten regulären Wahlen wären im Jahr 2022.

Schon im vergangenen Oktober hatte es im Libanon Massendemonstrationen gegeben, bei denen eine grundlegende Reform des politischen Systems gefordert wurde. Die Gegner der Regierung werfen ihr Korruption und Selbstbereicherung vor. Seit Monaten leidet das Land unter der vielleicht schwersten Wirtschafts- und Finanzkrise seiner Geschichte. Die Corona-Pandemie verschärfte die Lage weiter. Die Inflation ist explodiert. Viele Libanesen wussten schon bisher kaum, wie sie ihre Familien ernähren sollen. Für viele ist das Fass jetzt übergelaufen. (apa)