Bei der Geberkonferenz nach den gewaltigen Explosionen in der libanesischen Hauptstadt Beirut hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron rasche Hilfen für das Land angemahnt. "Wir müssen schnell und effizient handeln, damit diese Hilfe direkt dort ankommt, wo sie benötigt wird", sagte Macron am Sonntag in der Eröffnungsrede zu einer Videokonferenz, die er gemeinsam mit den Vereinten Nationen ausrichtete. "Die Zukunft des Libanon steht auf dem Spiel." Nach Angaben aus dem Élysée sind 252,7 Millionen Euro Soforthilfe zusammengekommen. Frankreich trage davon einen Anteil von 30 Millionen Euro, berichteten Kreise aus dem Pariser Präsidentenpalast am Sonntag.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron während der Online-Geberkonferenz. - © APAweb / REUTERS, Christophe Simon
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron während der Online-Geberkonferenz. - © APAweb / REUTERS, Christophe Simon

Die EU erhöhte ihre Hilfe über die bereits zugesagten 33 Millionen Euro auf insgesamt 63 Millionen Euro. Der für Krisenmanagement zuständige EU-Kommissar Janez Lenarcic erklärte: "Mit dem steigenden Bedarf leisten wir Hunderttausenden der am stärksten gefährdeten Menschen humanitäre Hilfe." Die EU stelle etwa Unterkünfte, medizinische Nothilfe, Wasser- und Sanitärversorgung sowie Nahrungsmittelhilfe bereit. "Wir haben uns verpflichtet, den Menschen im Libanon heute und langfristig zur Seite zu stehen, um ihnen bei ihrer Erholung zu helfen". Auch Macron betonte, finanzielle Zusagen dürften nur der Anfang sein. Man müsse eine internationale Antwort unter Koordination der Vereinten Nationen finden und dem libanesischen Volk zu Seite stehen.

IWF bereit, Bemühungen "zu verdoppeln"

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) will dem Libanon mit einem Rettungspaket helfen, verlangt dafür aber eine politische Einigung auf umfassende Reformen in dem Land. Nach der verheerenden Explosion in Beirut sei die Organisation bereit, ihre Bemühungen "zu verdoppeln", sagte IWF-Chefin Kristalina Georgiewa am Sonntag bei einer von Frankreich einbe-rufenen Videokonferenz von Gebernationen.

Die Voraussetzung eines Kreditpakets müsse es sein, dass sich die libanesischen Politiker und Institutionen darauf einigten, "sehr nötige Reformen durchzuführen", erklärte Georgiewa. Auf diesem Weg könnten "Milliarden Dollar" mobilisiert werden, um dem libanesischen Volk zu helfen. "Es ist jetzt der Moment für die Politiker des Landes, entschlossen zu handeln", erklärte Georgiewa.

Es gehe darum, den Libanon vor dem "Abgrund eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs" zu schützen, erklärte Georgiewa. Angesichts einer schweren Krise führte der IWF bereits Monate vor der Explosion mit Beirut Gespräche über ein Rettungspaket. Diese führten allerdings zu keinem Ergebnis - offenbar, weil sich die Politik im Libanon nicht mit den IWF-Bedingungen und Reformforderungen anfreunden wollte.

Forderungen des Währungsfonds

Der IWF fordert von Beirut Georgiewa zufolge eine Sanierung der öffentlichen Finanzen und eine Stabilisierung des Bankensystems, befristete Regelungen, um Kapitalabflüsse zu stoppen sowie eine Sanierung defizitärer staatlicher Unternehmen und mehr Hilfen für Arme. Der IWF verlangt für seine Kreditpakete immer weitgehende Reformen, um den Ursachen von Krisen zu begegnen. Das ist für die Politik in den betroffenen Ländern meist schwer verdauliche Kost.

Das Oberhaupt der christlich-maronitischen Gemeinschaft, Patriarch Bechara Rai, forderte den Rücktritt der Regierung. Denn diese sei unfähig, dem Land zu einer Erholung zu verhelfen. Kommunikationsministerin Manal Abdel Samad kündigte für Sonntag ihren Rücktritt aus und begründete dies mit der Explosion und dem Scheitern der Regierung, Reformen umzusetzen.

Erneut Proteste in Beirut

Unterdessen ist es in Beirut am Sonntag zu neuen Zusammenstößen zwischen der Polizei und regierungskritischen Demonstranten gekommen. Diese warfen mit Steinen auf Beamte, die eine Straße in Richtung des Parlaments abriegelten, wie auf Fernsehaufnahmen zu sehen war. Die Polizei setzte Tränengas ein. Demonstranten brachen zudem in die Ministerien für Verkehr und Wohnungsbau ein.

Am Zugang zum Parlamentsplatz brach ein Feuer aus. Ein Reuters-Reporter berichtete von Tausenden Demonstranten, die dort und auf dem nahe gelegenen Märtyrer-Platz zusammenströmten. "Wir wollen die Regierung zerstören und töten", sagte ein 19-jähriger Mann. "Sie hat uns weder Jobs noch Rechte gegeben."

Mittlerweile hat ein zweites libanesisches Regierungsmitglied seinen Rücktritt eingereicht. Nach Informationsministerin Manal Abdel Samad legte am Sonntag auch Umweltminister Damianos Kattar sein Amt nieder, wie aus Regierungskreisen verlautete. Die Regierung des Libanon ist aufgelöst, wenn mehr als ein Drittel der 30 Kabinettsmitglieder ihr Amt niederle-gen. Das wäre der Fall bei einem Rücktritt von fünf weiteren Ministern. (apa, dpa, reu)