Nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut ist die Wut der Libanesen riesengroß. Täglich kommt es zu Protesten und Kämpfen mit Sicherheitskräften, sogar einige Ministerien wurden gestürmt. Die Regierung hat Montagabend offiziell ihren Rücktritt erklärt - doch ob das die Proteste beruhigen wird, ist fraglich. Denn angeklagt ist ein ganzes korruptes System, in dem Macht und Staatsposten zwischen den Vertretern einzelner religiöser Gruppen - die größten sind dabei Christen, Sunniten und Schiiten - aufgeteilt werden. "Sekterianismus" nennt das der Politologe und Nahost-Experte Martin Beck. Die "Wiener Zeitung" sprach mit ihm über die Chancen auf Veränderung.

"Wiener Zeitung": Was ist das für eine Bewegung, die momentan im Libanon protestiert? Hat sie Anführer und Strukturen oder handelt es sich um eine spontane Erhebung?

Martin Beck: Es sind nicht die ersten Proteste, schon im Herbst gab es Massendemonstrationen. Die Bewegung, die sich damals entwickelt hat, hatte keine festen Strukturen, sie kam von unten. Es gibt aber Oppositionsparteien, die sich in dieser Massenbewegung neu formiert haben.

Was sind das für Parteien?

Die Staatsbürgerinnenpartei oder der Nationale Block wollen den Sekterianismus in der Politik reduzieren. Im libanesischen System ist alles nach dem Proporz für Religionsgruppen geregelt - das ist ein Einfallstor für Korruption und hat diesen Staat kaputtgemacht. Allerdings sind diese Oppositionsparteien noch weit davon entfernt, eine Massenbasis zu besitzen - auch wenn sie nun Aktivisten rekrutieren.

Martin Beck ist Professor für gegenwartsbezogene Nahoststudien an der University of Southern Denmark in Odense. Zuvor war er Repräsentant der CDU-nahen deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung im jordanischen Amman und dabei unter anderem für den Libanon zuständig. privat - © privat
Martin Beck ist Professor für gegenwartsbezogene Nahoststudien an der University of Southern Denmark in Odense. Zuvor war er Repräsentant der CDU-nahen deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung im jordanischen Amman und dabei unter anderem für den Libanon zuständig. privat - © privat

Allerdings gab es schon bei der letzten Wahl die Hoffnung, dass die Libanesen weniger entlang religiöser Linien wählen - was dann doch nicht der Fall war. Könnte sich das nun ändern?

Es ist weiterhin so, dass das Wahlsystem das Wählen nach religiöser Zugehörigkeit begünstigt. So müssen in gewissen Wahlkreisen die Kandidaten etwa Christen oder Sunniten sein. Viele Libanesen wollen dieses System theoretisch sofort abschaffen. Doch in der Praxis profitieren auch viele davon. Sie wählen klientelistische Parteien, die ihre Wähler dafür an dem korrupten System beteiligen müssen. Deshalb haben viele Libanesen doch auch Angst, dass nichts mehr für sie übrig bleibt, wenn es dieses System nicht mehr gibt. Noch dazu ist die augenblickliche Situation derart, dass die Armut steigt, und viele Familien nicht mehr wissen, wie sie ihre Kinder ernähren sollen.

Das heißt, gerade die Wirtschaftskrise könnte dieses korrupte System stabilisieren?

Das glaube ich doch nicht. Denn die politische Klasse im Libanon ist ja seit den Massenprotesten im Herbst schwer unter Druck - damals waren bis zu einer Million Menschen auf der Straße. Alle etablierten Parteien haben restlos versagt, indem sie sämtliche wirtschaftliche Probleme einfach ignoriert haben - obwohl die Wirtschaft praktisch kollabiert ist, der Libanon knapp vor dem Staatsbankrott steht. Die Politiker haben versucht weiterzumachen, als wäre nichts passiert. Man kann sich schwer vorstellen, dass das auf Dauer funktioniert. Die internationale Gebergemeinschaft hat ja bereits deutlich gemacht, dass sie den Libanon unterstützen will, was aber auch Reformen erfordert. Man muss hoffen, dass die Geber das durchhalten. Denn wenn die - freilich nach der Explosion dringend benötigte - Hilfe über staatliche Kanäle läuft, dann besteht die Gefahr, dass die politische Klasse diese wieder für ihre Selbstbereicherung verwendet.

Inwieweit haben die Libanesen ihr Schicksal überhaupt selbst in der Hand? Über die schiitische Hisbollah hat der Iran einen Fuß im Land, der sunnitische Ex-Premier Saad Hariri ist eng mit Saudi-Arabien verwoben. Genau diese beiden Staaten kämpfen um die Vorherrschaft in der Region.

Ich denke schon, dass die Entwicklung des Landes vorrangig in der Hand der Libanesen selbst liegt. Die ökonomische Krise, die ja vor allem eine Bankenkrise ist, ist selbst verschuldet. Der Sekterianismus in der Politik wurde zwar von der französischen Kolonialmacht eingeführt, aber dann von den Libanesen selbst weiterentwickelt. Freilich gibt es externen Einfluss, teilweise wird der aber von bestimmten politischen Akteuren auch gesucht. Als Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nach der Explosion im Libanon war, haben zehntausende Libanesen Aufrufe unterschrieben, dass Frankreich im Libanon stärker eingreifen soll. Das sind Christen, die das fordern. Solche Aktionen führen aber dazu, dass andere Gruppen versuchen, den Staat zu aktivieren, der ihnen nahesteht.

Als Staat im Staat gilt wiederum die Hisbollah, die eigene bewaffnete Kräfte hat. Was ist ihre Rolle?

Ein Staat im Staat war die Hisbollah vor 20 Jahren, mittlerweile ist sie in diesem Staat angekommen und Teil der Regierung. Ursprünglich ist sie angetreten, den Sekterianismus abzuschaffen. Aber sie ist auch eine Patronagepartei, deren Basis ihre schiitische Klientel ist. Damit ist sie Teil des Systems und unterstützt es - genau so wie die christlichen und sunnitischen Parteien.

Ein Demonstrant wirft einen Stein: Die Wut vieler Libanesen ist riesengroß. - © APAweb/Reuters/Thaier Al-Sudani
Ein Demonstrant wirft einen Stein: Die Wut vieler Libanesen ist riesengroß. - © APAweb/Reuters/Thaier Al-Sudani

Ist ein politischer Wandel unter diesen Bedingungen und mit dieser politischen Klasse, die man wohl schwer vollständig auswechseln kann, überhaupt möglich?

Die etablierten Parteien sind zwar absolut inkompetent, wenn es um ökonomische Krisenbewältigung oder ähnliche Herausforderungen geht. Sie sind aber extrem kompetent darin, sich in diesem System zu bewegen - also ihre eigene Klientel zu mobilisieren oder über korrupte Netzwerke Ressourcen zu vergeben. Der Proporz beherrscht das ganze Land - in jedem Ministerium, in jeder Behörde gibt es Quoten für bestimmte Gruppen. Wenn dieses sektiererische System nicht konsequent abgeschafft wird, haben die Libanesen keine guten Chancen auf Erneuerung.