Es ist eine Krönungsmesse, die nur online stattfindet. Die Democratic National Convention startete am Montag - und wird über vier Tage lang im quasi-öffentlichen Rahmen die Werbetrommel für Präsidentschaftskandidat Joe Biden und seiner Vizin Kamala Harris rühren. Und unter den Rednern des ersten Tages fanden sich gleich zwei Polit-Promis: Michelle Obama und Bernie Sanders.

Im Gegensatz zu ihren Vorrednern, die sich in mal mehr, weniger gelungenen persönlichen und politischen Oden an das Kandidatenduo ergingen, machten die ehemalige First Lady und der Senator von Vermont mit der ihnen jeweils eigenen Dringlichkeit einmal mehr deutlich, was diesmal auf dem Spiel steht: "Wenn ihr glaubt, dass alles nicht noch schlimmer werden könnte – glaubt mir, es kann (...) Ihr müsst Joe Biden wählen, als ob euer Leben davon abhängt." (Obama) "Der Preis einer Niederlage wäre zu hoch, um ihn sich überhaupt vorstellen zu können." (Sanders)

Nahezu perfekte Rollenverteilung

Soweit sich das formatbedingt beurteilen ließ, kamen diese Botschaften bei den Zuschauern des von der Schauspielerin Eva Longoria ("Desperate Housewives") moderierten Events gut an. Auch dank einer nahezu perfekten Rollenverteilung: Während sich Obama auf ihre Erfahrungen mit Biden während der Präsidentschaft ihres Ehemanns Barack (2009-2017) und auf Appelle an das Gute im amerikanischen Menschen an sich konzentrierte, strich Sanders – im betonten Gegensatz zu seiner Rhetorik im Vorwahlkampf – die politischen Gemeinsamkeiten mit dem erklärten Wunschkandidaten des von vielen seiner Anhänger verachteten Parteiestablishments hervor.

Die wären laut dem 78-jährigen keine kleinen: Die Anhebung des Mindestlohns auf 15 Dollar, Erleichterungen für Arbeiter, sich gewerkschaftlich zu organisieren, gesetzliche Vorlagen, die Kinderbetreuung leistbarer machen und zur Erneuerung der öffentlichen Infrastruktur führen sollen; außerdem Maßnahmen gegen den fortschreitenden Klimawandel, die mit dem Anspruch auf eine allgemeine medizinische Versorgung verbundene Senkung des Pensionsalters von 65 auf 60 und eine umfassende Reform, die dem systemimmanenten Rassismus der jetzigen Justiz-Struktur Einhalt gebietet.

Nun wäre all das objektiv besehen schon in normalen Zeiten nötig, um das Land voran zu bringen; aber in der jetzigen Ausnahmesituation, wo die Trump-Administration nicht einmal mehr vor der Demontage eines öffentlichen Guts wie der Post zurück schrecke, um die Bürger vom Wählen abzuhalten, stehe mehr auf dem Spiel und das sei nicht weniger als die Rettung des amerikanischen Demokratiemodells: "Wir dürfen niemals akzeptieren, dass wir uns an diesen neuen Autoritarismus gewöhnen." Vorangegangen waren den Auftritten Obamas und Sanders' die einer Reihe handverlesener Redner, die sichtlich die gesamte Bandbreite der Partei ansprechen sollten. So etwas wie einen Überraschungsgast stellte einzig der Konservative John Kasich dar.

Republikanischer Überraschungsgast

Der 69-jährige, lebenslange Republikaner, zuletzt Gouverneur von Ohio, wandte sich an jenen – laut Umfragen praktisch inexistenten – Teil seiner Partei, der nicht Trump-hörig ist.  Dahingestellt sei deshalb auch die Effektivität von Kasichs Appell, am 3. November das Kreuz bei den Anderen, eben bei Biden, zu machen, weil der sich sinngemäß "nicht von der Linken herumschubsen lässt" und ein Garant für die Rückkehr zu einer stabilen Führung des Landes sei. Seiner keine fünf Minuten dauernden Botschaft folgte eine Barrage an kurzen Video-Clips von Leuten, die sich ebenfalls als geläuterte Konservative gaben, denen "die Zukunft des Landes wichtiger sei als die Partei".

Der "Control Room" für den weitgehend virtuellen Demokratischen Parteitag. - © APAweb, afp, Morry Gash
Der "Control Room" für den weitgehend virtuellen Demokratischen Parteitag. - © APAweb, afp, Morry Gash

Umrandet wurde Kasichs Rede von Wortmeldungen von Zukunftshoffnungen des demokratischen Parteiestablishments und quasi zivilen Unterstützern von Bidens Kandidatur: Gretchen Whitmer, Gouverneurin von Michigan, widmete sich dem Umgang mit der Wirtschaftskrise. Hauptstadt-Bürgermeisterin Muriel Bowser präsentierte die Verwandten des durch Polizeigewalt ums Leben gekommenen George Floyd, dessen Tod in Minneapolis Ende Mai bis heute zu Massendemonstrationen im ganzen Land führt. Megan Rapinoe, Weltmeisterin und Star der amerikanischen Frauenfußball-Nationalmannschaft, unterhielt sich mit Krankenpflegern und -innen über deren Arbeit mit Covid-19-Patienten. Den Rest der rund zweieinhalb Stunden dauernden Show füllten gut ein halbes Dutzend Kandidaten aus, die im Herbst auf dem Wahlzettel für den Senat oder das Abgeordnetenhaus stehen.

"Es geht um Amerika"

Sara Gideon soll im nordöstlichen Bundesstaat Maine den Sitz der konservativen Langzeit-Senatorin Susan Collins beerben, die in den vergangenen vier Jahren allein dadurch auffiel, dass sie Trumps Amtsführung wahlweise "besorgt"/"ernsthaft besorgt"/"extrem besorgt"/"massiv besorgt"/"wirklich ganz arg besorgt" mache – während sie gleichzeitig im Oberhaus jede einzelne Gesetzesvorlage abnickte, die aus dem Weißen Haus kam.

In Alabama soll Doug Jones, der vor zwei Jahren für die Demokraten den durch die Übersiedlung des damaligen Justizministers Jeff Sessions frei gewordenen Senatssitz gewann, seinen Überraschungscoup wiederholen. Warum sich die DNC-Mitglieder entschieden, Amy Klobuchar reden zu lassen, die als Senatorin von Minnesota und gescheiterte Ex-Präsidentschaftskandidatin weder sonderlich populär ist, noch auch nur einen Hauch an Substanz beizutragen hatte, bleibt ihr Geheimnis.

Im Gegensatz zu Klobuchars Beitrag wird von Tag eins der Democratic Convention zumindest jener eines jüngst verstorbenen Politikers zurückbleiben, den Michelle Obama in ihrer Rede ausgiebig zitierte: John Lewis, dem letzten Führer der Bürgerrechtsbewegung, der 1963 in Washington D.C. mit Martin Luther King jr. das Podium teilte, später von 1987 bis zu seinem Tod Mitte Juli im Repräsentantenhaus dem fünften Wahlbezirk von Georgia vorstand und dessen politisches Credo in all den Jahrzehnten das gleiche blieb: "Wenn du Unrecht siehst, musst du etwas sagen und etwas dagegen tun." Für Obama eines, das bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren hat und angesichts des Status Quo nicht weniger als zur Überlebensfrage der Republik geworden ist: "Sie schrecken vor nichts mehr zurück (...) Wir müssen für einen deutlichen Sieg sorgen. Wenn ihr schon einen Wahlzettel habt, füllt ihn noch heute Abend aus und sorgt dafür, dass eure Freunde und Verwandten dasselbe tun. Es geht um Amerika."