"Wiener Zeitung": Wie würden Sie die humanitäre Lage im Libanon im Moment beschreiben?

Martina Schloffer: Der Libanon ist seit langem in einer instabilen politischen Situation. 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien plus 130.000 palästinensische Flüchtlinge leben dort mit gut sechs Millionen Einwohnern auf einem sehr kleinen Gebiet. Zudem hält eine Wirtschaftskrise das Land seit Ende des letzten Jahres in ihrer Kralle. Die Inflation ist enorm hoch, viele Menschen sind in den vergangenen sechs Monate in die Armut geschlittert. Die libanesische Armutsgrenze liegt bei 3,8 Dollar pro Tag. Laut ersten Schätzungen befinden sich nach der Explosion im Hafen von Beirut über 70 Prozent der Bevölkerung unter dieser Grenze. Sie müssen jetzt gleichzeitig mit den enormen Auswirkungen der Explosion zurechtkommen und die Covid-Krise bewältigen, wobei die Hygienemaßnahmen nach der Explosion nahezu nicht umsetzbar sind.

Martina Schlofferist stellvertretende Leiterin des Bereiches Einsatz und Zusammenarbeit des Roten Kreuzes Österreich. - © Kellner Holly Thomas
Martina Schlofferist stellvertretende Leiterin des Bereiches Einsatz und Zusammenarbeit des Roten Kreuzes Österreich. - © Kellner Holly Thomas

Hat sich durch die Explosion im Hafen von Beirut die Situation für die geflüchteten Menschen aus Syrien im Libanon noch weiter verschlechtert?

Davon ist auszugehen. Viele, auch undokumentierte Flüchtlinge leben unter schlechten Verhältnissen in der Stadt. Meine Kollegen haben mir erzählt, dass in dem Gebiet um den Hafen viele Flüchtlinge gelebt haben. Das sind sehr arme Gebiete, dort leben arme Libanesen und arme Syrer nebeneinander. Mit der Explosion traf es damit wieder die Ärmsten.

Wie schätzen Sie die Stimmung in der libanesischen Bevölkerung im Moment ein?

Eine Kollegin vor Ort hat mir geschildert, dass sie Resignation und Hoffnungslosigkeit spürt. Die Libanesen sind sonst ein Volk, das wirklich Tatendrang hat, das einander hilft. Sie stehen auf und bauen wieder auf. Das haben sie in den vergangenen Jahrzehnten so oft gezeigt. Es ist wichtig, dass sie das auch jetzt tun, mit unserer Hilfe. Aufstehen, wiederaufbauen, weitermachen. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass junge Menschen Teams bilden, die hinausgehen und den Älteren beim Herrichten und Reinigen der Wohnungen helfen. Das ist wunderbar zu sehen und muss gefördert werden.

Was braucht es jetzt, um den Libanon zu unterstützen?

Die Menschen benötigen akute Hilfe, damit sie ihre Wohnung reparieren, wieder ein Einkommen haben und ihre Geschäfte wieder aufbauen können. Hier kann man einen Kreislauf starten, in dem man ihnen Geld gibt, damit sie einen Handwerker bezahlen können, der ihnen etwas repariert. Damit hat der Handwerker ein Einkommen und sie haben eine reparierte Wohnung. Das Rote Kreuz startet in den nächsten beiden Wochen ein Programm für solche Bargeldhilfen.

Was würde die Hilfseinsätze vor Ort erleichtern?

Meist sind sehr viele gut ausgebildete Menschen vor Ort, die arbeiten können und nur organisiert werden müssen. Was es sehr oft braucht, sind die finanziellen Mittel. Gerade im Libanon ändern sich die Situation und der Bedarf von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Mit Geld kann ich gezielt und flexibel arbeiten. Auch für die Menschen ist das sehr wichtig, damit sie selbst bestimmen können, wie sie ihr Leben wieder aufbauen.