Als Mann, der sich von seinen Emotionen steuern lässt, war der 44. Präsident der Vereinigten Staaten noch nie bekannt. Der einzige Spitzname, der von seiner von 2009 bis 2017 währenden Amtszeit bis heute in den USA hängen geblieben ist, lautet entsprechend: "No Drama Obama". An der Grundkonstitution des ersten Afro-Amerikaners, der ins Weiße Haus einzog, hat sich bis heute nichts geändert. Obamas Gefasstheit in jeder Lebenslage und sein Hang zur – nach Auffassung mancher seiner Anhänger nach bisweilen allzu – kühlen Analyse sind längst legendär. Umso mehr überraschte der im Rahmen des dritten Tages der Democratic National Convention erfolgte Auftritt des 59-Jährigen, in dem er für seine Verhältnisse mehr als dramatische Worte fand: "Was in den kommenden 76 Tagen passiert, wird Auswirkungen auf Generationen haben"; anders als bei vorangegangenen Präsidentschaftswahlen gehe es diesmal um mehr und zwar um nicht weniger als die Zukunft des amerikanischen Demokratiemodells an sich.

Zur Botschaft passend präsentierte sich Obama am Museum of the American Revolution in Philadelphia, das sich der Geschichte der Nationswerdung der USA gewidmet hat. Vor dem Hintergrund überdimensionaler Faksimiles der US-Unabhängigkeitserklärung und -Verfassung, sowie weiterer wichtiger Schriftstücke aus der 244-jährigen Historie des Landes, versuchte der Ex-Präsident seinen Mitbürgerinnen und -bürgern zu erklären, warum am 3. November die Wahl seines ehemaligen Stellvertreters Joe Biden zum Präsidenten von existentieller Bedeutung sei.

Obama: "Trump nimmt das Amt nicht ernst."

Bis heute nehme sein Nachfolger Donald Trump "das Amt nicht ernst" und "tue nichts, außer was ihm selbst und seinen Freunden" nütze. Das Weiße Haus stelle für Trump "nur eine weitere Reality Show dar, die ihm jene Aufmerksamkeit verschafft, nach der er sich so sehr sehnt." Entsprechend dramatisch seien die Konsequenzen: "170.000 Tote, Millionen Jobs weg, Soldaten, die gegen die eigenen Landsleute eingesetzt werden, das Ansehen der USA im Ausland schwer beschädigt." Der nach allen herkömmlichen Maßstäben objektiven Bestandsaufnahme des Status Quo folgten warme Worte für Biden ("Er kennt die Welt und die Welt kennt ihn") und die von nämlichem zum "Running Mate" erkorene Kamala Harris.

Mit einem speziellen Appell wandte sich Obama an junge Wähler, die traditionell eher selten von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen: "Lasst euch die Demokratie nicht wegnehmen (...) Geht wählen, wie ihr es noch nie zuvor getan habt." Eindringlicher geht es kaum, auch wenn der Ton der gleiche war wie immer: Ruhig, bedacht, sachlich – no drama.

Harris: "Ich erkenne einen Räuber, wenn ich ihn sehe"

Der undankbare Part, der obamaschen Kampfrhetorik noch eins drauf zu setzen, kam an diesem Abend seiner Nachrednerin zu, der letzten des Abends: Kamala Harris, die im Rahmen ihrer Rede die Nominierung zur Vizepräsidentschaftskandidatin annahm. Nachdem eine stattliche Zahl Freunde und Verwandter die persönlichen Qualitäten der bisherigen Senatorin von Kalifornien per Video anpreisen durften, erzählte die 55-Jährige vor allem über sich. Beginnend mit einem Tribut an ihre Mutter Shyamala Gopalan, die mit 19 aus Indien als Studentin an die University of California, Berkeley, kam und dort ihren aus Jamaika kommenden Vater Donald Harris kennenlernte, zeichnete Harris ihr Aufwachsen in Oakland nach – ohne Aussparung der Mühen, die ihre Familie bewältigen musste, nachdem sich ihre Eltern trennten, als sie fünf Jahre alt war. Dem pflichtgemäßen Dank für die Unterstützung ihres Ehemanns Doug Emhoff, einem Anwalt aus Los Angeles, und dessen zwei Stiefkindern – Harris hat keine eigenen – folgte eine routinierte Rede ohne große Höhepunkte, von der am Ende nur ihr Urteil über Trump hängen blieb. Nämliches erfolgte ganz im Stil jener langjährigen Staatsanwältin, die sie bis zum Beginn ihrer Politkarriere war: "Ich erkenne einen Räuber (Predator), wenn ich einen sehe." Eine Botschaft, die, wenn auch erwartbar, den so pointierten wie angriffigen Schlusspunkt des Abends bildete. Nämlicher war aufgrund einer dicht gedrängten Rednerliste ein bisschen länger geraten als an Tag eins und zwei der am Donnerstag zu Ende gehenden Veranstaltung.

Die Große Bühne im Chase Center in Wilmington: Von Barack Obama bis Kamala Harris trat die ganze Politprominenz der Demokraten am 3. Tag der Convention auf. - © AFP/Olivier DOULIERY
Die Große Bühne im Chase Center in Wilmington: Von Barack Obama bis Kamala Harris trat die ganze Politprominenz der Demokraten am 3. Tag der Convention auf. - © AFP/Olivier DOULIERY

Souverän moderiert von der afro-amerikanischen Schauspielerin Kerry Washington ("Scandal", "Little Fires Everywhere") und untermalt von einem umfangreichen musikalischen Rahmenprogramm (Billie Ellish, Prince Royce, Jennifer Hudson), waren den Begrüßungsworten von Wisconsins Gouverneur Tony Evers, in dessen größter Stadt Milwaukee die Convention plangemäß hätte stattfinden sollen, ein kurzer Aufruf Harris' gefolgt, sich von den beispiellosen Maßnahmen der Trump-Administration, die Bürgerinnen und Bürger von der Stimmabgabe abzuhalten – Stichwort öffentliche Post, die von ihrem Chef, dem republikanischen Grosssspender Louis DeJoy, trotz gegenteiliger Aussagen weiterhin sabotiert wird, wo es nur geht – nicht abschrecken zu lassen.

Kampf gegen die Waffenlobby

Weiter ging es mit der Abhandlung von Dingen, die von jeher die Leib- und Magenthemen der Demokraten darstellen: Der Kampf gegen die – wie sich in den vergangenen zwei Jahren durch Recherchen des Magazins "New Yorker" herausstellte, durch und durch korrupte – Waffenlobby National Rifle Association (NRA), die seit Jahrzehnten die Politik der Republikaner bestimmt; der gegen den Klimawandel, der von Trump und seinen Adlaten im Kongress bis heute wahlweise als "Schwindel" oder "Erfindung der Chinesen" abgetan wird; dem strukturellen Rassismus des Justiz- und Immigrationssystems, der von Trump und seinen Fans bis heute in Wort und Tat in einem Ausmaß befeuert wird.

Der Audio-Track des schwer auf die Tränendüse drückenden Videos, das die Organisatoren des Democratic National Comittee (DNC) zu letzterem Thema einspielten – die Bandbreite reichte von Schwarz-Weiß-Bildern von Schiffen voll mit Migranten, die im Hafen von New York eintreffen, bis zu aktuellen von an der Grenze zu Mexiko zu den USA eintreffenden Flüchtlingen – wurde nicht umsonst von Obama persönlich gesprochen, der seine Landsleute einmal mehr daran erinnerte, dass mit Ausnahme der Ureinwohner jeder einzelne von ihnen der Nachfahre von Einwanderern ist.

Was folgte, war ein historischer Tribut an die Frauen der fortschrittlichen Bewegung, der von der ersten Präsidentschaftskandidatin Shirley Chisholm bis zu Obamas Ex-Außenministerin reichte, die 2016 die Wahl gegen Trump verlor. Hillary Clintons Botschaft geriet betont undiplomatisch: "Vor vier Jahren hat euch Trump gefragt, was ihr zu verlieren habt. Jetzt habt ihr eine Antwort: Eure Gesundheit, euren Job, die Menschen, die ihr liebt – und jetzt sogar die Post." Angesichts der autoritären Methoden, derer sich das Weiße Haus systematisch bediene, dürfe man "Trump nicht erlauben, die Wahl zu stehlen" und darüber hinaus beweise die jüngste Geschichte, "dass selbst drei Millionen mehr Stimmen nicht reichen."

Clintons Rede folgte die einer anderen Veteranin des demokratischen Establishments. Nancy Pelosi, Sprecherin der Mehrheitsfraktion im Repräsentantenhaus, nahm sich Senator Mitch McConnell vor, der als Sprecher der republikanischen Mehrheit im Oberhaus Trumps obersten Statthalter im Kongress darstellt. Auch nicht zufällig: Der 78-jährige aus Kentucky muss diesen Herbst seinen Sitz gegen die ehemalige Air Force-Pilotin Amy McGrath verteidigen. Laut Umfragen dürfte ihm letztere zumindest ein bisschen gefährlich werden.

Weniger persönlichen als inhaltlichen Fragen widmete sich Elizabeth Warren. Die Senatorin von Massachusetts erfreut sich trotz ihrer schief gegangenen Kandidatur fürs Präsidentenamt beim linken Parteiflügel nach wie vor großer Beliebtheit und erneuerte in ihrer Rede ihr Bekenntnis zu einer Politik, die es einkommenschwachen Familien gerade in Zeiten des Coronavirus leichter machen soll, über die Runden zu kommen. Aber auch sie kam nicht umhin, das alles umgreifende Thema des Abends auszusparen: Die bodenlose "Ignoranz und Inkompetenz" Donald Trumps und seiner Administration, der am 3. November ein für allemal Einhalt geboten werden müsse.