Im Fall des mutmaßlich vergifteten Kreml-Kritikers Alexej Nawalny fordert die EU von Russland eine "unabhängige und transparente Untersuchung". Die Europäische Union verurteile schärfstens den mutmaßlichen "Angriff auf Nawalnys Leben", erklärte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Montagabend in Brüssel.

Indes hat der Kreml Unverständnis über die deutsche "Eile" bei der Gift-Diagnose geäußert. Die russischen und die deutschen Ärzte seien bei ihren Untersuchungen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gekommen, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Dienstag. "Wir verstehen diese Eile der deutschen Kollegen nicht." Die Diagnose der Berliner Universitätsklinik sei kein definitiver Beleg für eine Vergiftung.

Berliner Charite über Nawalny: Spätfolgen unklar

Charité: Beweise für Vergiftung

Die Berliner Klinik Charité, wo der prominente Kritiker von Russlands Präsident Wladimir Putin behandelt wird, geht nach eingehender Untersuchung von einer Vergiftung des 44-Jährigen aus.

Es sei "zwingend erforderlich", dass die russischen Behörden "ohne Verzögerung" eine unabhängige Untersuchung zu dem mutmaßlichen Anschlag auf Nawalnys Leben auf den Weg brächten, verlangte Borrell. Das russische Volk sowie die internationale Gemeinschaft wollten "die Fakten hinter Herrn Nawalnys Vergiftung" erfahren. Die dafür Verantwortlichen müssten "zur Rechenschaft" gezogen werden.

Deutschland: Tat muss aufgeklärt werden

Zuvor hatte bereits die deutsche Regierung nachdrücklich Aufklärung von Moskau gefordert. Die russischen Behörden seien "dringlich aufgerufen, diese Tat bis ins Letzte aufzuklären - und das in voller Transparenz", erklärten Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Heiko Maas. "Die Verantwortlichen müssen ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden."

Der Anti-Korruptions-Aktivist war am Donnerstag in ein Krankenhaus im sibirischen Omsk eingeliefert worden, nachdem er während eines Fluges nach Moskau heftige Krämpfe bekommen und das Bewusstsein verloren hatte. Nawalnys Umfeld geht davon aus, dass er durch einen Tee vergiftet wurde, den er kurz vor dem Abflug getrunken hatte. Nawalny wurde dann nach Berlin ausgeflogen, wo er seit Samstag in der Charité behandelt wird.

Die Berliner Klinik erklärte am Montag, ihre bisherigen Befunde deuteten auf eine Vergiftung "durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer" hin. Die konkrete Substanz sei bisher aber nicht bekannt. Nawalny werde mit dem Gegenmittel Atropin behandelt.

Spätfolgen denkbar

"Der Ausgang der Erkrankung bleibt unsicher, und Spätfolgen, insbesondere im Bereich des Nervensystems, können zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden", teilte die Charité ferner mit. Nawalny befinde sich auf der Intensivstation und sei weiterhin im künstlichen Koma. Sein Gesundheitszustand sei ernst, akute Lebensgefahr bestehe derzeit aber nicht.

Einige Stunden nach der Mitteilung der Charité erklärten jedoch die russischen Ärzte, sie hätten bei ihren Untersuchungen keinerlei Hinweise auf eine Vergiftung mit einem Cholinesterase-Hemmer gefunden. Nawalny sei in Omsk auf eine ganze Bandbreite von Substanzen einschließlich Cholinesterase-Hemmern getestet worden, sagte der dortige Cheftoxikologe des Notfall-Krankenhauses Nummer 1, Alexander Sabajew, russischen Nachrichtenagenturen: "Das Ergebnis war negativ".

Sibirische Ärzte kooperativ

Das sibirische Katastrophenschutzministerium ergänzte, das Krankenhaus in Omsk sei bereit, den Medizinern in Berlin alle Ergebnisse der bei Nawalny vorgenommenen Labortests sowie Materialproben zu übergeben. MRT-Aufnahmen seien bereits weitergeleitet worden. Chefanästhesist Boris Teplysch von der Omsker Klinik sagte russischen Nachrichtenagenturen, Nawalny sei bereits wenige Minuten nach seiner Krankenhauseinlieferung Atropin verabreicht worden.

Vorwürfe, sie hätten auf Anweisung Moskaus die Ursache der Erkrankung verschleiert und Nawalny zunächst in ihrem Krankenhaus behalten, um den späteren Nachweis von Gift zu erschweren, wiesen die Mediziner in Omsk zurück: "Wir haben mit niemandem eine Diagnose vereinbart", sagte Chefarzt Alexander Murachowski. Es sei keinerlei Druck von Außen auf sie ausgeübt worden.

Die russischen Ärzte hatten in ihrer Diagnose eine "Stoffwechselstörung" als mögliche Ursache für Nawalnys Zusammenbruch genannt. Sie hatten sich zunächst gegen dessen Verlegung nach Berlin gestemmt. Erst am Samstagmorgen war Nawalny schließlich mit einem von deutschen Unterstützern gecharterten Sanitätsflugzeug in die deutsche Hauptstadt gebracht worden. (apa, afp)