Vor den Folgen von Donald Trumps permanenter Eskalationspolitik gibt es selbst dann kein Entkommen, wenn er und seine Partei eigentlich damit beschäftigt sind, sich selber zu feiern. Während am Mittwoch in Charlotte, North Carolina, Washington D.C. und Baltimore, Maryland, der dritte Tag der Coronavirus-bedingt weitgehend virtuellen Republican Convention über die Bühne ging, lieferten sich in der Kleinstadt Kenosha in Wisconsin Demonstranten den dritten Tag lang Scharmützel mit Polizisten und Soldaten in "Starship Trooper"-Montur. Einem polizeilich sanktionierten Mordversuch an dem 29-jährigen Afroamerikaner Jacob Blake, dem ein Mitarbeiter der örtlichen Exekutive siebenmal in den Rücken geschossen hatte, folgten in der 100.000-Einwohner-Stadt am Lake Michigan Unruhen, deren Qualität an die von Minneapolis nach dem Tod von George Floyd im Mai und denen von Ferguson, Missouri, im Jahr 2014 heranreichten.

Blake überlebte, wird aber sein Leben lang querschnittsgelähmt sein. Am Dienstag hatten sich – wie mitgeschnittene Videos beweisen, mit dem ausdrücklichen Segen der Polizei – schwer bewaffnete Rechtsradikale unter die Demonstranten gemischt, von denen einer im Lauf der Nacht durchdrehte und mit seinem AR-15 Sturmgewehr zwei Menschen erschoss und einen weiteren schwer verletzte. Der 17-jährige Kyle Rittenhouse aus dem Kenosha benachbarten Antioch, Illinois, dessen Social-Media-Accounts ihn als Frauenhasser wie als Trump-Superfan ausweisen, wurde wegen zweifachen Mordes und schwerer Körperverletzung angeklagt. Am Mittwoch suchten Truppen der Nationalgarde und Bundespolizisten der Präsident Trump via Twitter verbreiteten Forderung nachzukommen, in Kenosha wieder "Recht und Ordnung" herzustellen. Dem allen nicht genug, näherte sich zeitgleich ein auf den Namen Laura getaufter Hurricane der Kategorie vier den Küsten der Bundesstaaten Louisiana und Texas. Die Wirbelstürme werden dank des Klimawandels nicht nur Jahr für Jahr häufiger, sondern auch heftiger, weshalb umgehend Massenevakuierungen angeordnet wurden.

Weitere vier Jahre unter Trump

Wie die Vertreter der republikanischen Partei auch am dritten Tag ihres Parteikonvents geschlossen bekräftigten, soll es in Amerika mit all dem und noch mehr für vier Jahre unter Donald Trump weiter gehen, mindestens. Der Höhepunkt des Tages fand diesmal erst ganz am Ende statt und bestand in der Rede von Mike Pence, der im Rahmen nämlicher seine Wiedernominierung zum Vizepräsidentskandidaten akzeptierte. Einem Video, in dem die  politische Biografie des 61-Jährigen nachgezeichnet wurde – eine proto-typische für konservative Provinzpolitiker, als Pence einst als Radiomoderator in seinem Heimat-Bundesstaat Indiana begann, dann erfolgreich für einen Sitz im Kongress kandidierte und schließlich als Gouverneur zurückkehrte – folgte sein Auftritt vor einer Hundertschaft ebenso handverlesener wie weitgehend maskenloser Parteigänger, die das Innere von Fort McHenry bevölkerten.

Letzteres ist ein symbolträchtiger Ort, den amerikanische Soldaten im Jahr 1814 erfolgreich gegen einen Angriff der britischen Navy verteidigten, was im Anschluss den Anwalt und Hobby-Poeten Francis Scott Key zu einem Gedicht inspirierte, dessen Worte später Eingang in die Nationalhymne "The Star-Spangled Banner" fanden. Entsprechend nationalistisch aufgeladen gestaltete sich dann auch Pence' Rede, der gleich zu Beginn die Angriffe der Demokraten auf die Trump-Administration mit "Angriffen auf Amerika" gleichsetzte. Die würden nach seiner Lesart selbstredend jeder Grundlage entbehren, weil Trump "in jeder Hinsicht Wort gehalten hat". Der Präsident habe nicht nur das Militär, das zum Zeitpunkt von Trumps Amtsübernahme 2017 angeblich "verarmt" gewesen sei, wieder aufgebaut; mit der "Space Force" habe er zudem eine "gänzlich neue, zukunftsgewandte Abteilung geschaffen, die Amerika sicherer macht." (Bisher besteht deren größte Leistung in der Inspiration der gleichnamigen Netflix-Komödie mit Steve Carell.)

"Biden lag meistens falsch"

Ausgemusterte Soldaten hätten laut Pence seit Trumps Reform des Department of Veteran Affairs keine Schwierigkeiten mehr mit ihrer Gesundheitsversorgung und Entscheidungen wie jene der Tötung von Qasem Soleimani, dem Kommandeur der iranischen Quds-Brigaden, seien richtig gewesen. Die Kritik an letzterer Aktion beweise unter anderem auch die laut Pence mangelnde außenpolitische Kompetenz des demokratischen Herausforderers Joe Biden, der Obamas Ex-Verteidigungsminister Robert Gates mit den 2014 gesprochenen Worten zitierte, "dass Biden in den vier Jahrzehnten seiner politischen Karriere in nahezu jeder einzelnen Frage der nationalen Sicherheit falsch gelegen ist."

Einem Bekenntnis, Israel bedingungslos zu verteidigen, folgten angebliche Errungenschaften der Trump-Administration im Inneren, die in der Regel jeglicher Realität am Boden widersprachen. In der Bekämpfung des Coronavirus hätte Trump laut Pence wörtlich einen "fantastischen Job" gemacht, seine "nie dagewesenen Maßnahmen" hätten "Millionen Leben gerettet." Angesichts von bisher 180.000 Toten und derzeit rund sechs Millionen mit Covid-19 infizierten Amerikanern eine gewagte Behauptung, aber nicht wirklich überraschend für einen Mann, der bis vor kurzem noch steif und fest behauptete, dass "Rauchen nicht tödlich ist". Aufhorchen ließ Pence mit der These, dass es dem Stand der Dinge zufolge "noch vor Jahresende" eine Impfung gegen das Virus geben wird. Das macht insofern Hoffnung, als in den vergangenen Monaten hunderte Amerikaner ins Krankenhaus eingeliefert wurden, die dem persönlichen Rat Donald Trumps gefolgt waren, Chlorbleiche zu trinken, um sich zu schützen.

Der Aufzählung eines weitgehend erfundenen Zahlenwerks betreffend die angeblichen Verdienste der Administration in Sachen Schaffung von Jobs folgte ein wortreiche Klage über die landesweiten Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt, die laut Pence "ausgerechnet zu dem Zeitpunkt starteten, als wir gerade damit begannen, uns vom Coronavirus zu erholen." Nachdem die Proteste im Anschluss an den Tod von George Floyd im Mai begannen, ebenfalls eine so glatte wie offensichtliche Lüge, aber von Fakten lassen sich die Republikaner seit ihrer allumfassenden Indoktrination durch den real existierenden Trumpismus nicht mehr irritieren. Entsprechend auch Pence' Bekenntnis, "dass wir definitiv die Schulen öffnen werden", komme, was wolle. Was den Vizepräsidenten aber wirklich sauer aufstoße, seien die Proteste, die von den "radikalen Demokraten" befeuerten "Exzesse von Gewalt und das Chaos in Minneapolis, Portland oder Kenosha", die sich gegen "unsere Helden in Blau" (die Polizei) richten würden.

Die Rede vom trojanischen Pferd

Laut Pence würde die Gefahr, die im Fall ihrer Wahl von dem Duo Biden/Harris ausgehen würde, aber noch viel, viel größer sein. O-Ton: "Die Demokraten wollen bestimmen, wie wir leben, wie wir arbeiten, wie wir unsere Kinder erziehen. Ihre Vision ist die totale Kontrolle durch die Regierung." Biden selbst sei "ein trojanisches Pferd der radikalen Linken, ein Cheerleader des kommunistischen China". Das Rote-Socken-Thema, das sich wie an den vorangegangenen Convention-Tagen auch am dritten quer durch alle Reden zog, kommt bei der Basis ebenso gut an wie die auch von Pence wiederholte Warnung, dass "in Bidens Amerika niemand mehr sicher sein wird."

Was im Anschluss folgte, war der allerseits erwartete Auftritt von Donald Trump. Schon vor Beginn hatte der Ex-Reality-TV-Star klar gemacht, dass es keinen der vier Convention-Tage geben würde, an dem er nicht mindestens einmal persönlich auftreten würde, und der Mittwoch bildete keine Ausnahme.

Einen verbalen Beitrag verkniff sich der Präsident, stattdessen lauschten er und seine Frau Melania der Interpretation der Nationalhymne durch den 58-jährigen Country-Sänger Trace Adkins, dem bisher letzten in einer nunmehr stattlichen Reihe zum x-ten Mal rekonvaleszenter Alkoholiker und Drogenabhängiger, die bei der Republican Convention ihre Wortspenden abgeben durften. Kurios war die Wahl von Herrn Adkins nicht zuletzt auch deswegen, weil er stolzes Mitglied eines Vereins namens "Sons of Confederate Veterans" ist, die sich für die Errichtung von Denkmälern für Soldaten der Konföderierten-Armee einsetzt, die im amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) für die Beibehaltung der Sklaverei in den sezessionistischen Südstaaten kämpfte. Immerhin insofern ein würdiger Abschluss, als der dritte Convention-Tag im selben Tonfall begonnen hatte.

Lopreisung des "Erhalts der Freiheit"

Den einleitenden Worten eines Rabbi, der nach eigenen Worten "täglich dafür betet, dass Amerika wieder so großartig wird, wie es Präsident Trump im Sinn hat", war ein Kurzauftritt von Kristi Noem gefolgt. Die republikanische Gouverneurin von South Dakota pries den Präsidenten, der ihrer Meinung nach der einzige Garant für den "Erhalt der Freiheit" sei und sich "wirklich um die Menschen kümmere", während "alle von den Demokraten regierten Städten im Chaos von Gewalt und Plünderungen versinken". Im Anschluss durfte Scott Dane, Präsident des Interessensverbands der Holzfäller- und Truckerunternehmen von Minnesota, argumentieren, warum nur Trump "unsere Art zu leben" sichern und die von ihm repräsentierten Wirtschaftszweige vor "radikalen Umweltaktivisten" beschützen könne.

Marsha Blackburn, Senatorin von Tennessee, sang im Anschluß das Hohelied der Polizei, welche die Demokraten angeblich "ausbluten" wollen. Letztere zu wählen würde im übrigen nicht weniger als – wörtlich – "einen Schnapsladen an jeder Ecke, mit Drogen überflutete Straßen und ein Verbot, in die Kirche zu gehen" bedeuten. Und nicht nur das fürchtet die 68-jährige Multimillionärin, die einst durch ihre Teilnahme an Schönheitswettbewerben bekannt wurde: "Wenn sie könnten, würden sie euch alle in euren Häusern einsperren, damit ihr von der Regierung abhängig werdet!" Ein Stück weniger bizarr gab es Dan Crenshaw, Abgeordneter des zweiten Wahlbezirks von Texas im Repräsentantenhaus und Afghanistan-Veteran.

Seiner Meinung nach seien die USA "ein Land der Helden, was kein anderes Land der Welt von sich behaupten kann". Mit Lob für Trump hielt sich Crenshaw im Kontrast zu seinen Vorrednern indes auffällig zurück, wahrscheinlich nicht umsonst: Der Wahlbezirk des 36-Jährigen gilt als Lehrbeispiel für die Praxis des "Gerrymandering" und sollten die Demokraten im Herbst gewinnen, steht auch sein Job auf dem Spiel. Gefolgt wurde Crenshaws Statement von dem eines pensionierten Lieutenant Generals namens Keith Kellog, seines Zeichens Vietnam-Veteran und Berater von Vizepräsident Pence in Sicherheitsfragen.

Laut Kellog sei Trump ein "weiser Mann" und der einzige, der die "endlosen Kriege" im Irak und in Afghanistan (die beide von republikanischen Administrationen begonnen wurden) beenden könne. Ihm folgte eine Mutter aus Ohio, deren Sohn am Down-Syndrom leidet. Die Frau bedankte sich bei Trump für dessen Eintreten für die "freie Wahl beim Schulbesuch", die ihrem Kind "den Weg in eine ordentliche Ausbildung geebnet" habe. Eine angesichts der amerikanischen Realitäten auch beim besten Willen nur als absolute Unverschämtheit zu bezeichnende Behauptung, die die im konkreten Fall geradezu unfassbare Doppelmoral der Republikaner offen legte wie kaum ein anderes Thema. Warum?

Weil die Entscheidung der "freien Schulwahl" nach Willen der Konservativen in der Praxis einzig und allein für die Kinder wohlhabender, in der Regel weißer Eltern gilt. In den vergangenen zehn Jahren wanderten zahlreiche Mütter und Väter afroamerikanischer Kinder für bis zu fünf Jahre ins Gefängnis, weil sie deren Schule "selber wählen" wollten. Ihr "Verbrechen": Weil die Schulen in den ihnen zugeteilten Bezirken schlecht waren und sie ihrem Nachwuchs bessere Bildungschancen ermöglichen wollten, gaben sie als Wohnadressen die von Verwandten oder Freunden an, die in besseren (="weißeren") Vierteln wohnten.

McEnany spricht von Fürsorge

Denjenigen von ihnen, denen man draufkam, wurden von den von konservativen Politikern ernannten Richtern mit aller Härte des Gesetzes bestraft – eine Entwicklung, die sich seit dem Amtsantritt der Trump-Administration noch verschärft hat. Einem Video zum Thema 100 Jahre Frauenwahlrecht folgte der Auftritt Kaleigh McEnanys, der aktuellen Pressesprecherin des Weißen Hauses.

Die 32-jährige, die sich vor einem Jahr wegen eines erhöhten Brustkrebs-Risikos einer Masektomie unterzog, erzählte, "wie rührend sich Donald Trump und Ivanka um mich gekümmert haben, als es mir danach schlecht ging". Heute ginge es ihr dank dieser Fürsorge besser und als nunmehr allein erziehende Mutter einer neun Monate alten Tochter sei sie "froh, in einem Land zu leben, in dem das Leben heilig ist und Gott verehrt wird".

Im Anschluss durfte Karen Pence, die im Auftreten wie im Eheleben resolute Ehefrau von Mike Pence – wie das Paar in der Vergangenheit öffentlich zu Protokoll gab, schaut die 63-Jährige streng darauf, dass ihr Mann zu keinem Zeitpunkt seines Lebens allein mit einer anderen ist – das Hohelied der Soldatenfrauen anstimmen. Ihrem Auftritt folgte der von Kellyanne Conway, der langjährigen PR-Beraterin Trumps, die am Wochenende bekannt gegeben hatte, das Weiße Haus "aus familiären Gründen" zu verlassen – aber nicht, ohne ihrem Herrn im Rahmen der Convention einen letzten Dienst zu erweisen.

Trump als Frauenförderer

Der bestand darin, Trump als "einen der größten Frauenförderer, dem ich jemals begegnet bin", zu verkaufen. Der Rest von Conways Rede bestand aus der Präsentation einer Latte der von ihr berühmt gemachten "alternativen Fakten" zu Fragen der Gesundheitsversicherung und der nach wie vor im Mittleren Westen und Süden grassierenden Opioide-Krise. Weniger schmerzbefreit, aber in der Botschaft ebenso unnachgiebig durfte danach eine katholische Nonne und vormalige Militärärztin namens Deirdre Byrne die "Kultur der Auslöschung des Lebens" beklagen, der "nur durch die Wiederwahl von Donald Trump, dem größten Pro-Life-Präsidenten der Geschichte", Einhalt geboten werden könne. Im Gegensatz zu ihm repräsentiere das Duo Biden/Harris "das größte Anti-Life-Ticket aller Zeiten", das – wörtlich – "den Kindsmord legalisieren will". Jeder, der an Jesus glaube, der laut Frau Byrne "nicht politisch korrekt und modisch" war, müsse folgerichtig Trump wählen, um sich Gottes Segen gewiss zu sein.

Die nächsten Lobpreisungen der Qualitäten Trumps folgten durch den ehemaligen College-Football-Coach Lou Holtz und durch Michael McHale, als Präsident der National Association of Police Organizations (NAPO) so etwas wie der Chef des nationalen Dachverbands der Polizeigewerkschaften. Er warnte davor, dass eine Wahl von Biden und Harris, die seiner Meinung nach eine "radikale Anti-Polizei-Politik" verfolgen würden, "die aktuelle Situation noch gefährlicher machen würde als sie schon ist." Einem in jeder Hinsicht vernachlässigbaren Einwurf von Elise Stefanik, Abgeordnete im Repräsentantenhaus für den 21. Wahlbezirk von New York, folgte der von Madison Cawthorn, Kongresskandidat für den elften Wahlbezirk von North Carolina. Der 25-jährige, seit einem Unfall 2014 an den Rollstuhl gefesselt, repräsentiert praktisch in jeder Hinsicht die Gegenwart wie die Zukunft der Republikanischen Partei.

Eine Absage der United States Naval Academy, die seine Aufnahme im gleichen Jahr wegen mangelnder Eignung ablehnte – trotz eines Empfehlungsschreibens von Mark Meadows, heute Chief of Staff des Weißen Hauses – begründete Cawthorn im Nachinein mit seiner Behinderung, obwohl sie schon vor seinem Unfall erfolgte. Wie das Online-Magazin "Jezebel" unter anderem aufdeckte, brach er zudem das Studium der Politikwissenschaft an der christlichen Privatuniversität Patrick Henry College nach nur einem Semester ab, nachdem er in sämtlichen Klassen durchgefallen war. Eine 2019 von ihm gegründete Firma namens SPQR Holdings hat bis heute außer ihm keinen Angestellten und kein Einkommen. In den sozialen Medien machte zudem eines seiner Instagram-Posts von 2017 die Runde, das erst bekannt wurde, nachdem er die parteiinternen Vorwahlen gewonnen hatte. In nämlichem gab er seiner Freude über einen Besuch des Kehlsteinhauses in Berchtesgaden Ausdruck, das während des Dritten Reichs von den Nazis erbaut und von deren Führung genutzt wurde und das laut Cawthorn "schon immer eines seiner Muss-Reiseziele" gewesen sei.

Als nächstes war der ehemalige Football-Spieler Jack Brewer dran, nach eigenen Angaben "lebenslanger Demokrat", aber gleichzeitig ein "Diener Gottes und des Präsidenten." Der Afroamerikaner beschuldigte die Demokraten unter anderem wörtlich, "den Geist unschuldiger Kinder zu verwirren" und die Vertreter der "Black Lives Matter"-Bewegung, "die Zerstörung der klassischen Familie" voran zu treiben. Die Tatsache, dass Herr Brewer zur Zeit wegen Insiderhandel unter Anklage der Bundes-Staatsanwaltschaft steht – ein Problem, das der Präsident und sein Justizminister William Barr, wie in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, im Gegenzug für treue Dienste jederzeit zu lösen bereit sind – blieb selbstredend unerwähnt.

Überbordender Enthusiasmus

Sein Nachredner, der blinde Anwalt und Bürgerrechts-Aktivist Cheng Chuangcheng, gab es noch härter, indem er die Vertreter der Kommunistischen Partei Chinas live vor Millionen Fernsehzuschauern "Feinde der Menschheit" nennen durfte. Einer weiteren vernachlässigbaren Wortspende eines New Yorker Kongressabgeordneten folgte ein denkwürdiger der Senatorin Joni Ernst aus Iowa.

Der überbordende Enthusiasmus der 50-Jährigen für Trump ist insofern nachvollziehbar, als ihre Familie von der Bundesregierung für ihren landwirtschaftlichen Betrieb bis heute hunderte Millionen an Subventionen einstreicht. Das Faktum, das dies auch schon unter der Obama/Biden-Administration der Fall gewesen war, machte ihre Argumente (O-Ton: "Die Demokraten wollen mit ihrem Green New Deal die Landwirtschaft abschaffen und alle Autos verbieten, die mit Benzin fahren!") nicht stichhaltiger. Ernsts Auftritt folgte der des nächsten Ex-Football-Spieler, eines Afroamerikaners namens Burgess Owens, im Zivilberuf Fox-News-Kommentator und seit kurzem Kandidat für einen Sitz im Abgeordnetenhaus für den vierten Wahlbezirk von Utah.

Herr Owens, ein trotz der Millionen von Dollar, die er als Spieler verdiente, amtlich verbriefter Bankrotteur, dessen sechs Kinder jahrelang nur dank der Sozialhilfe genug zu essen hatten, durfte die demokratische Nachwuchshoffnung Alexandria Ocasio-Cortez als "ehemalige Bartenderin" beschimpfen, die "wie alle anderen Frauen in der Führungsriege der Demokraten keine Ahnung von irgendwas hätten." (Ocasio-Cortez verfügt über einen Doppelabschluss der Boston University in den Fächern Volkswirtschaft und Internationale Beziehungen, beides mit Auszeichnung.) Die Flagge der Familie durfte im Anschluss Lara Trump hoch halten.

Wie ihre Vorredner warnte die Ehefrau von Eric Trump vor dem "drohenden Sozialismus", und ermahnte die Zuschauer, den "gelenkten Meinungen" und der "verdrehten Berichterstattung der Mainstream-Medien" keine Beachtung zu schenken. Dem ihren folgte der Auftritt eines Vaters, dessen Tochter von einem illegalen Einwanderer ermordet wurde. Die Inhaftierung letzteren sei laut ihm einzig Trump zu verdanken. Im Anschluss kritisierte der ehemalige Bürgerrechts-Aktivist Clarence Henderson aus North Carolina Joe Biden wortreich für dessen Aussage, dass jeder Schwarze, der ihn nicht wähle, "nicht schwarz ist". Bevor das Spektakel mit der Rede von Mike Pence ihren Höhepunkt erreichte, durfte noch Richard Grenell sein Scherflein beitragen.

Merkel dem Charme Trumps erlegen

Der ehemalige Botschafter Trumps in Deutschland, dessen Ernennung zum Director of National Intelligence am Senat vorbei geschleust wurde – es blieb bei einem Intermezzo, weil Grenells Biografie, wie die der von unzähligen anderen von Trump für öffentliche Ämter ernannter Kandidaten nicht auch nur den minimalsten Sicherheitsstandards entsprach – durfte ein Potpourri aus Verschwörungstheorien, konfusen Nationalismen und selbst für die Standards der Administration extrem dreister Lügen von sich geben. Die vielleicht bizarrste von allen: Er selbst sei Zeuge gewesen, "wie Angela Merkel dem Charme von Donald Trump erlegen sei, der sie gleichzeitig an ihre finanziellen Verpflichtungen an die NATO erinnerte."