Die Befürchtung, der Besuch von Donald Trump könnte die jüngsten Anti-Rassismus-Krawalle in Kenosha weiter anheizen, erwies sich als unbegründet. Obwohl viele Bewohner der Stadt bis hin zu Bürgermeister John Antaramian die Visite nur Tage nach einem brutalen Polizeieinsatz gegen einen Afroamerikaner als bewusste Provokation empfanden, blieb es überraschend ruhig.

Die Tage zuvor war es noch heiß hergegangen. Einige Demonstranten hatten Gebäude in Brand gesetzt, Geschäfte geplündert und sich wilde Straßenschlachten mit den Sicherheitskräften geliefert. Am 23. August hatte ein weißer Polizist, wie ein Video belegt, aus kurzer Distanz von hinten mehrere Schüsse auf den Schwarzen Jacob Blake abgefeuert. Der 29-Jährige überlebte nur schwer verletzt und ist seither querschnittsgelähmt. Zu Protesten kam es auch in anderen Städten in und außerhalb des Bundesstaates Wisconsin, wo die Zehn-Millionen-Metropole Kenosha liegt.

Kein Treffen mit Familie von Polizei-Opfer Blake

Der US-Präsident ist nicht angereist, um die Lage zu beruhigen: Trump verzichtete bei seinem Besuch am Dienstag darauf, die Familie des Opfers zu treffen. Stattdessen stand auf der Agenda eine Rede vor Einsatzkräften der Nationalgarde sowie eine Besichtigung der Krawallschäden. Begleitet vom Justizminister und dem Minister für innere Sicherheit nutzte Trump seine Auftritte als Steilauflage, um seine Law-and-Order-Agenda mit Blick auf die Präsidentenwahlen im November fortzuführen - Wisconsin gilt besonders heftig umkämpfter "swing state". 

Millionen-Verprechen

Den Sicherheitskräften und in Mitleidenschaft gezogenen mittelständischen Unternehmen versprach finanzielle Unterstützung in Umfang von mehreren Millionen Dollar. Auf die Frage einer Bewohnerin in Kenosha, ob er systematische Polizeigewalt gegen Afroamerikaner in den USA für ein Problem halte, antwortete der Präsident mit einer Schimpftirade gegen Linksradikale, die das Land ins Chaos stürzen wollten. Auch über die selbst ernannten, rechtsradikalen Ordnungshüter wie den 17-jährigen Trump-Fan Kyle Rittenhouse, der jüngst in Kenosha zwei Demonstranten erschossen hatte, kam Trump kein böses Wort über die Lippen. Stattdessen monierte der 72-Jährige die "gefährliche Anti-Polizei-Rhetorik" im Land.

Als Trumps Wahlkampf-Auftritt in Kenosha vorbei war, atmeten viele auf. Wir brauchen nicht noch mehr Schmerz und Spaltung von einem Präsidenten, der nur seine Kampagne auf Kosten unserer Stadt vorantreiben möchte", erklärte Blakes Onkel Justin auf einer eigens organisierten Bürgerversammlung. "Wir brauchen Gerechtigkeit und Hilfe für unsere pulsierende Gemeinde." "Die meisten hier wollen nur, dass jeder wieder nach Hause geht und, dass wir unsere Stadt wieder aufbauen können", sprach ein weiterer Bürger vielen aus der Seele. (Apa)