Der Begriff "arabischer Frühling" ist Karim El-Gawhary ein Dorn im Auge. Einen politischen Wandel könne man nicht als Jahreszeit beschreiben, meint der Nahost-Experte. Viel eher handle es sich bei den aktuellen Entwicklungen im arabischen Raum um einen Wettlauf zwischen "Repression und Rebellion". Im gleichnamigen Buch, das am 14. September erscheint, möchte der Wahl-Ägypter eine "große Klammer" um die Thematik setzen und Aspekte ansprechen, für die seiner Meinung nach in der Tagesberichterstattung nie genug Zeit ist. Über zehn Jahre an Wissen und Erfahrung als Korrespondent in Kairo habe er in seinem neuen Buch verpackt.

Bei der Online-Buchpräsentation mit ORF-Kollegin Ingrid Thurnher am Donnerstag lässt El-Gawhary scharfe Kritik am europäischen Umgang mit der Situation im Nahen Osten anklingen. Die beiden Regionen würden unmittelbar miteinander zusammenhängen und eine "Schicksalsgemeinschaft" bilden. Die arabische Welt liege in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, und trotzdem sei die Kluft zwischen den unterschiedlichen Werten nirgendwo auf der Welt größer. Europa müsse zudem vorsichtiger sein mit dem "Hofieren" arabischer Staatsoberhäupter, meint El-Gawhary. Diese seien zu einem Großteil nicht demokratisch gewählt und somit nicht zu unterstützen.

Europa schaut weg

Die Corona-Pandemie verschärfe die ohnehin schon prekäre Situation umso mehr. Trotz einer niedrigen Testquote hätte es in Ägypten einen wirtschaftlichen Einbruch um mehr als vier Prozent gegeben. Ein Lockdown wäre demnach undenkbar, sagt El-Gawhary. Der Großteil der Bevölkerung bestehe aus Tagelöhnern, die mehrere Tage oder Wochen ohne Arbeit schlichtweg nicht überleben würden. Die Armutsgrenze liege bei 1,3 Euro am Tag. Zwei von drei Arabern würden entweder in Armut leben oder drohen dorthin abzurutschen. 67 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gehe auf das Konto der Top-Verdiener der jeweiligen Staaten. Damit sei die Ungleichheit fast doppelt so groß wie in Europa. Ein Zustand, der weitreichende Auswirkungen habe.

Diese gravierende Kluft müsse die Öffentlichkeit erst einmal verstehen und anerkennen, sagt El-Gawhary. Sein aktuelles Buch soll daher in erster Linie vor allem eins – aufklären. Generell sei es ein Phänomen, dass Europa erst "hinschaut", wenn es im Nahen Osten "knallt", und die wirtschaftlichen und sozialen Probleme, die dahinterstehen, missachtet. So habe etwa Tunesien nach Meinung des Nahost-Experten großes Potenzial, mit der nötigen Unterstützung zu einem Vorzeigeland zu werden. Warum diese Möglichkeiten nicht erkannt und genutzt werden, verstehe er nicht.

Libanon als Spitze des Eisbergs

Die aktuelle Problematik im Libanon ist für El-Gawhary nur die Spitze des Eisbergs. Das "ganze System" sei unglaublich fahrlässig. Das Land habe sich bereits vor den Explosionen im freien Fall befunden und werde in Zukunft der Ausgangspunkt vieler Unruhen sein, mahnt der Experte. Man dürfe nicht missachten, dass bei der "Arabellion" die soziale Frage im Mittelpunkt stehe. Die Bevölkerung im arabischen Raum habe sich seit den 90er Jahren verdoppelt. Die Jugendarbeitslosigkeit sei ein "unglaublicher Sprengstoff", der sich in berechtigter Unzufriedenheit und Verzweiflung entlädt. Laut El-Gawhary würden die Regierungen im Nahen Osten durch ihr Handeln außerdem mehr Terroristen schaffen als sie bekämpfen.

Wie lange der Wettlauf zwischen Repression und Rebellion im arabischen Raum noch weitergehen wird, kann niemand abschätzen. El-Gawhary meint aber, dass erstere nur eine Zeit lang funktionieren kann. Jede Repression habe ein Ablaufdatum, und vor genau diesem würden sich diejenigen, die die Unterdrückung ausüben, fürchten. Der "tiefe Staat" weigere sich, etwas Neuem Platz zu machen, aber es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich dieses "Neue" von selbst an die Oberfläche kämpft.

Wer im Vorfeld der Buchveröffentlichung noch mehr über "Repression und Rebellion" erfahren möchte, kann eine der kommenden Veranstaltungen des Autors besuchen. Karim El-Gawhary beginnt am nächsten Montag eine Lesereise durch Österreich, bei der es auch Möglichkeiten zur Diskussion geben wird. Start ist am 14. September im Stadtkino Wien; weitere Stationen sind Linz, Graz, Bruck an der Mur, Salzburg und St. Pölten.