Zuerst hatte Moskau Gerüchte gestreut, westliche Geheimdienste hätten den russischen Oppositionsführer Alexej Nawalny in Sibirien vergiftet, um den Kreml in Misskredit zu bringen. Zuletzt richteten regierungsfreundliche Medien den Verdacht auf eine seiner Mitarbeiterinnen. Am Freitag forderte Russland von Berlin, wo der 44-Jährige behandelt wird, in die Ermittlungen zu dem Giftattentat eingebunden zu werden.

Die russische Polizei kündigte an, eine Befragung Nawalnys in Deutschland zu beantragen. Russische Ermittler wollten ihre deutschen Kollegen bei den Ermittlungen begleiten und dem Oppositionellen "klärende Fragen" stellen, erklärte die Polizei in Sibirien am Freitag. Der deutschen Regierung lag nach eigenen Angaben bis zum Abend kein entsprechendes Gesuch aus Moskau vor.

Russland verfüge zudem bereits "über alles Notwendige, um Ermittlungen durchzuführen", betonte Regierungssprecher Steffen Seibert.

Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt

Auch ein erstes Rechtshilfeersuchen hat Russland bereits an die deutsche Regierung übermittelt. Diese leitete es inzwischen an die Justiz weiter. Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft twitterte nun, dass sie beauftragt worden sei, selbst Ermittlungen über den Gesundheitszustand Nawalnys durchzuführen - sofern dessen Familie dies erlaube. Die Zuständigkeit Berlins ergebe sich dadurch, dass er in einem Berliner Krankenhaus behandelt werde. In Regierungskreisen hatte es bisher geheißen, dass man keine Veranlassung sehe, Nawalny selbst zu befragen, da es um ein Verfahren in Russland gehe.

Moskau will Einsicht in die Laborbefunde

Moskau verlangt von der deutschen Regierung weiters, Rusland die Laborbefunde der Bundeswehr zur Verfügung zu stellen. Bisher wurden die Befunde nur an die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) übermittelt. Die deutsche Regierung habe alle Voraussetzungen geschaffen, dass die OPCW nun ihre Arbeit tun könne, ließ Seibert moskau am Freitag wissen. Die Regierung habe zudem "Schritte zur Beweissicherung eingeleitet", die noch nicht abgeschlossen seien.

Mitarbeiter Nawalnys lehnen die Teilnahme russischer Ermittler an möglichen Vernehmungen in Deutschland strikt ab. Nawalnys Stabschef Leonid Wolkow sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", die Forderungen der russischen Polizei seien "komplett inakzeptabel" und "reine Propaganda", weil es in Russland bisher noch nicht einmal ein offizielles Ermittlungsverfahren im Fall Nawalny gebe.

Neue, aggressivere Nowitschok-Variante festgestellt

Nach Angaben der deutschen Regierung hatte ein Labor der Bundeswehr "zweifelsfrei" nachgewiesen, dass Nawalny mit einem Nervengift aus der Nowitschok-Gruppe vergiftet wurde, die in der früheren Sowjetunion entwickelt wurde.

Wie der "Spiegel" am Freitgag berichtete, soll es sich dabei nach den Erkenntnissen um eine neuartige Variante des einst in der Sowjetunion entwickelten Nervenkampfstoffes handeln, eine "härtere" Form als die bislang bekannten. Das Magazin berief sich auf eine geheime Unterrichtung durch den Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes, Bruno Kahl. Weitere Angaben dazu machte der "Spiegel" nicht.

Der BND wollte zu dem Bericht auf Anfrage keine Stellung nehmen. "Zu etwaigen Erkenntnissen äußert sich der Bundesnachrichtendienst ausschließlich gegenüber der Bundesregierung und den zuständigen geheim tagenden Gremien des Deutschen Bundestages", hieß es lediglich.

Personenschutz für Nawalny noch einmal verschärft

Nawalny, der international bekannteste Kritiker von Präsident Wladimir Putin,  war am 20. August auf einem Inlandsflug zusammengebrochen und zwei Tage später von der Klinik in Omst in die Berliner Charité verlegt worden. Inzwischen konnte der 44-Jährige von den Berliner Ärzten aus dem künstlichen Koma geholt werden und er ist ansprechbar. Er erinnere sich an sämtliche Begebenheiten bis zu seinem Zusammenbruch im Flugzeug, berichten Medien unter Berufung auf gut informierte Quellen und könnte möglicherweise wichtige Informationen über die Hintergründe des Anschlags geben, hinter dem viele europäische Regierungen wie auch die US-Administration staatliche Stellen in Russland vermuten.

Die Schutzvorkehrungen für Nawalny in der Berliner Charite wurden einem Bericht zufolge nun verschärft. Die Anzahl der eingesetzten Beamten sowie die Kontrolldichte um Nawalny seien erhöht worden, berichtete das Magazin "Spiegel" unter Berufung auf eigene Recherchen mit der Investigativplattform "Bellingcat". Damit werde deutlich, dass die Polizei in Berlin weiteren Attentatsversuchen vorbeugen wolle, hieß es. Demnach soll Nawalny nun auch direkt in dem Zimmer, in dem er liegt, rund um die Uhr bewacht werden. (Apa, AFP)