Der Spuk dauert an diesem Donnerstag nur paar Stunden. Dann kann Joshua Wong die Hauptpolizeistation in Hongkong nach seiner Festnahme wieder verlassen. Ausgestanden ist die Sache für der 23-jährigen Aktivsten, der zu den bekanntesten Gesichtern der Demokratiebewegung in der ehemaligen britischen Kronkolonie zählt, damit aber noch lange nicht. Denn schon am 30. September soll Wong vor Gericht erscheinen, um sich dort für die Teilnahme an einer verbotenen Kundgebung im Oktober 2019 und einen Verstoß gegen das Vermummungsverbot zu verantworten. Wird er verurteilt, drohen ihm im schlimmsten Falle sechs Jahre Haft.

In Interviews und auf Twitter hatte Wong selbst zuletzt mehrfach gemutmaßt, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis auch er festgenommen werden würde. Und tatsächlich sind die Einschläge gefährlich nahe gekommen, seit die Regierung in Peking das umstrittene Sicherheitsgesetz für die chinesische Sonderverwaltungszone in Kraft gesetzt hat. Mehrere bekannte Anhänger der Demokratiebewegung, darunter die 23-jährige Aktivistin und Wong-Mitstreiterin Agnes Chow und der Medienmogul Jimmy Lai, wurden bereits vor einigen Wochen aufgrund des Verdachts der Kollaboration mit ausländischen Kräften festgenommen und erst später gegen Kaution wieder freigelassen.

Andere prominente Anhänger der Demokratiebewegung scheiterten beim Versuch, Hongkong bereits vorsorglich zu verlassen. So wurden Ende August zwölf Aktivisten bei der Flucht nach Taiwan auf einem Schnellboot aufgegriffen und wegen des Verdachts der illegalen Grenzüberquerung festgenommen - darunter auch der Aktivist Andy Li, dem ebenso wie Chow und Lai Verstöße gegen das Sicherheitsgesetz angelastet werden. Den Aktivisten, die nach ihrer Verhaftung nach China gebracht wurden, droht nun ein Prozess unter den strengen chinesischen Gesetzen - "mit begrenztem Zugang zu Anwälten und dem hohen Risiko, unter Folter zu Geständnissen gezwungen zu werden", wie Joshua Wong unmittelbar nach der Verhaftung auf Twitter schrieb.

Kampf um Freiheitsrechte

Angesichts der vor mehr als einem Jahr begonnenen Massenproteste gegen die zunehmende chinesische Einflussnahme in Hongkong hat die Regierung in Peking Ende Juni ihr international umstrittenes Sicherheitsgesetz erlassen. Durch das "Gesetz über die nationale Sicherheit", wie China es offiziell nennt, werden Untergrabungen der Staatsgewalt der Zentralregierung in Peking, separatistische Tendenzen, terroristische Aktivitäten oder Verschwörungen mit ausländischen Kräften teilweise mit lebenslanger Haft bestraft. Das Gesetz, mit dem die Regierung in Peking auch weitreichende Vollmachten und Durchgriffsrechte bekommen hat, stellt damit den bisher weitestgehenden Eingriff in die Autonomie Hongkongs dar. Viele Kritiker sehen sogar schon ein Ende des seit 1997 verfolgten Grundsatzes "Ein Land, zwei Systeme".

In jedem Fall aber zeigt das Gesetz in Kombination mit den Corona-bedingten Versammlungsverboten Wirkung. So hat sich nach den Massenverhaftungen bei einer Kundgebung am 1. Juli in den vergangenen Wochen kaum noch ein Demonstrant auf die Straßen getraut. Die Zeiten, als Hunderttausende protestierend durch die Straßen Hongkongs zogen, scheinen auf einmal weit weg.

Rückschläge gibt es für die Opposition aber nicht nur hier. Anfang September hätten die knapp 7,5 Millionen Hongkonger auch ein neues Regionalparlament wählen sollen, in dem die prodemokratischen Kräfte erstmals auf die Mehrheit hofften. Nach einem Wahlausschluss von Wong und anderen bekannten Demokratieaktivsten wurde der Urnengang einen Tag später um ein Jahr verschoben. Die Peking-treue Regierungschefin Carrie Lam begründete dies offiziell mit der Corona-Pandemie, Kritiker dagegen mutmaßen, die Regierung habe bereits einen Sieg der Opposition befürchtet und die Wahl deshalb verschoben.

Joshua Wong gibt sich nach seiner kurzfristigen Verhaftung am Donnerstag dennoch kämpferisch. "Egal was passiert - ich werde auch künftig Widerstand leisten und hoffe, dass die Welt weiß, dass die Hongkonger beschlossen haben, nicht aufzugeben", sagt der 23-Jährige zu den vor dem Polizeihauptquartier auf ihn wartenden Journalisten.(i/o)