Formal ist alles weitgehend so, wie man es kennt: Zwei Kontrahenten, ein Moderator, neunzig Minuten, um über eine Fülle an Themen zu sprechen, die Land und Leute beschäftigen. Am Dienstag steigt an der in Ohio beheimateten Case Western Reserve University and Cleveland Clinic die erste live im Fernsehen übertragene Debatte zwischen Präsident Donald Trump (74), und seinem Herausforderer Joe Biden (77). Ab 21 Uhr Ortszeit (2 Uhr morgens MESZ) werden die beiden Kandidaten für die US-Präsidentschaft unter der Moderation des Fox-News-Nachrichtensprechers Chris Wallace, als Jahrgang 1947 Jüngster im Bund, eineinhalb Stunden lang ihre Sicht auf die Lage der Nation darlegen. Ihre jeweilige Hoffnung: einerseits die wenigen noch verbliebenen Wechselwähler - laut Umfragen zwischen vier bis sechs Prozent - auf ihre Seite zu ziehen, andererseits die eigene Wählerbasis zu mobilisieren.

Trump als Quotenbringer

Informell ist 2020 in den USA derweil praktisch nichts mehr so, wie es einmal war. Die Vorzeichen könnten sich selbst angesichts der ohnedies extrem polarisierten politischen Verhältnisse im Land kaum kontroversieller darstellen. Mitte der Woche hatte der momentan in allen sogenannten "Swing States" in den Umfragen zurückliegende Ex-Reality-TV-Star einmal mehr bekräftigt, dass er im Fall einer Niederlage bei der Wahl am 3. November nicht gewillt sei, eine friedliche Amtsübergabe zu garantieren. "Wir werden sehen, was passiert. Die Stimmabgaben sind ein Desaster (...) Lasst sie verschwinden und wir werden eine sehr friedliche ... Es wird, ehrlich gesagt, keine Übergabe geben, sondern eine Fortsetzung", sagte Trump wörtlich.

Während das Gros der US-Medien diese Aussagen verlässlich als typisch für Trumps Showman-Qualitäten abtat und entsprechend unernst nahm - Ausnahmen von der Regel bildeten ebenso wie immer traditionsreiche Zeitungen wie die "New York Times" und die "Washington Post" -, schrillten bei demokratisch gesinnten Amerikanern einmal mehr die Alarmglocken.

Wiewohl: Die Erkenntnis, dass die überwältigende Mehrheit der Medien - allen voran die Journalisten der größten Fernsehsender ABC, NBC und CBS wie die des meistgesehenen Kabelsenders Fox News - Trump ob dessen Rolle als Quotenbringer seit jeher dankbar in die Hände spielen, ist im vierten Jahr seiner Präsidentschaft weder neu noch originell. Weshalb sich der Amtsinhaber auch keinerlei Sorgen machen muss, dass ihn eine respektive einer von ihnen im Rahmen der insgesamt drei Debatten allzu hart anfassen wird.

Die Hillary-Taktik als Blaupause

Letzten Berichten zufolge bereitet sich Trump deshalb so auf die Debatte vor, wie er es gewohnt ist: mit möglichst viel fernschauen. Insofern mutmaßlich kein Fehler, weil es bei weitem nicht nur der Amtsinhaber-Bonus ist, der ihn mit klaren Vorteilen in das Spektakel gehen lässt - schlag nach bei Hillary Clinton vor vier Jahren. Nie zuvor gab es bis dahin eine derart unzivilisierte Auseinandersetzung zwischen zwei Präsidentschaftskandidaten zu bestaunen. Nicht nur, dass Trump die langjährige Senatorin und Außenministerin unzählige Male unterbrach, reihte er damals so gut wie unbehelligt eine Lüge und/oder Halbwahrheit an die andere. Den Zuschauern versprach er im Fall seiner Wahl das Blaue vom Himmel, selbst wenn das meiste davon den bis dahin geltenden politischen Orthodoxien der Republikaner diametral widersprach, wie das (bis heute uneingelöste) Versprechen einer billigen Gesundheitsversicherung für alle, Milliardensubventionen für die Landwirtschaft oder einem Ende der "ewigen Kriege" in Afghanistan und im Irak.

Nichts deutet darauf hin, dass es diesmal anders sein wird. Im Gegenteil: Seit seinem knappen Sieg 2016 fühlt sich Trump in seiner Taktik nur noch bestätigt. Insofern ist in puncto Fernsehdebatte auch jeder Vergleich mit der Vergangenheit müßig. Allen voran die alle vier Jahre wieder strapazierten Klischees wie die vom nervösen Richard Nixon, der seine Niederlage gegen John F. Kennedy 1960 angeblich einer Erkältung verdankte, die ihn bei der ersten live im Fernsehen übertragenen Präsidentschaftsdebatte der Geschichte übermäßig schwitzen ließ; die von Ronald Reagan 1980, der den damaligen Amtsinhaber Jimmy Carter mit seinen buchstäblichen Schauspielerqualitäten niederrang, oder die von Bill Clinton 1992, der das Publikum mit seinem Charme einwickelte, während sein Gegner George H. Bush genervt auf die Uhr schaute.

All das hat nichts mehr mit der heutigen Realität zu tun, weil sich all diese Leute bei allen politischen Differenzen an grundsätzliche zwischenmenschliche Regeln hielten. Trump dagegen passt insofern in die heutige Zeit, als er sich einerseits gewiss sein kann, dass seine Lügen - und seien sie noch so dreist - im post-faktischen Zeitalter im Handumdrehen millionenfach im Internet als Wahrheiten verbreitet werden, und andererseits, weil er um die Bedeutung sogenannter YouTube-Momente weiß.

Nicht umsonst verbreiten der republikanische Kandidat und seine Mitstreiter über Twitter und andere soziale Medien von jeher massenhaft Clips, die selten länger dauern als eine Minute, aber am Punkt sind, was ihre Botschaften betrifft. Und was die Demontage des Gegners angeht, schrecken man dabei - wie in der Vergangenheit bereits bewiesen - auch schon längst nicht mehr vor fortgeschrittener audiovisueller Manipulation (Stichwort "Deep Fakes") zurück.

Einzementierte Wähleransichten

All dem entsprechend wird Trump in Cleveland, wie schon beim Parteitag der Republikaner im August, wohl auf die "großartigste Wirtschaft in der Geschichte der Welt" verweisen, die er angeblich zu verantworten hatte, bis das Coronavirus kam. Unbeirrt von dem Faktum, dass mittlerweile mehr als 202.000 Amerikaner an den Folgen von Covid-19 gestorben sind und die Epidemie nach Experteneinschätzung in vielen US-Regionen außer Kontrolle ist, dürfte Donald Trump auch von seinem "absolut vorbildlichen" Umgang mit dem Virus erzählen, dank dem "Millionen Leben gerettet" wurde. Und nicht zuletzt wird Trump angesichts der Friedensverträge, die Israel mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain geschlossen hat, auf seine Rolle als Garant für den globalen Frieden pochen, der nur ihm zu verdanken sei.

Joe Biden wird zweifellos auf die hohen Zahl der Corona-Toten und das Missmanagement der Krise hinweisen, ebenso wie darauf, dass das Iran-Atomabkommen in Scherben liegt, Nordkorea bis heute keinerlei Zugeständnisse in Sachen Abrüstung gemacht hat und der neue Kalte Krieg der USA mit China voll entbrannt ist. Nützen wird es ihm vermutlich ebenso wenig wie Clinton 2016: Wie alle einschlägigen Umfragen beweisen, sind Trump-Wähler wie die Mehrheit der potenziellen Wechselwähler für objektive Wahrheiten nur bedingt oder überhaupt gar nicht empfänglich. Zumindest eines wird dieser Gruppe am Dienstag erspart bleiben: Die Auswirkungen des Klimawandels, dessen Existenz viele eingefleischte Trump-Anhänger samt und sonders bestreiten, bleiben nach dem Willen von Moderator Chris Wallace als Debattenthema ausgespart.