Im blutigen Konflikt um die Region Berg-Karabach ist nach armenischen Angaben ein Kampfjet des Typs Suchoi-25 abgeschossen worden. Der Pilot sei dabei getötet worden, teilte die Sprecherin des armenischen Verteidigungsministeriums in Eriwan am Dienstag mit. Sie behauptete, dass ein türkisches F-16-Kampfflugzeug am Dienstagvormittag die Maschine mit Hilfe aus Aserbaidschan abgeschossen hätte.

Dafür gab es aber keine Bestätigung. Aserbaidschan gab bisher an, keine militärische Unterstützung aus dem Nachbarland Türkei zu bekommen und selbst kein F-16-Kampfflugzeug zu besitzen. Das Militär in Aserbaidschan dementierte die Angaben umgehend und bezeichnete die Vorwürfe als Lüge. Auch der Kommunikationsdirektor des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, Fahrettin Altun, sagte, dass es sich dabei um "billige Propagandatricks" handle. Die Behauptungen stimmten definitiv nicht.

Armenien und Aserbaidschan beschuldigen sich gegenseitig, die Grenzregion zu  beschießen. In der Stadt Vardenis sei dabei ein Zivilist ums Leben gekommen, erklärte das armenische Außenministerium am Dienstag. Das sei das erste Todesopfer auf armenischem Territorium, weit entfernt der Konfliktregion, hieß es. Zuvor hatten beide Seiten schwere Artillerie in Stellung gebracht. Auch in der Nacht waren die Gefechte fortgesetzt worden.

Massives Artilleriefeuer

Ein Sprecher des armenischen Verteidigungsministeriums schrieb im Online-Dienst Facebook von "massivem Artilleriefeuer" aserbaidschanischer Truppen auf armenische Stellungen. Die Truppen bereiteten sich auf einen weiteren Angriff vor. Bei einem Drohnenangriffen auf Gebiete in Armenien sei ein nicht zum Militär gehörender Bus in Flammen aufgegangen, hieß es seitens der Regierung in Yerewan. Ob der Zivilist dabei getötet wurde oder bei einem anderen Angriff, war zunächst unklar.

Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium erklärte seinerseits, mit den Angriffen auf einen "armenischen Versuch einer Gegenoffensive" in Berg-Karabach reagiert zu haben. Es verwies auch auf heftige Kämpfe in der Nacht. Der aserbaidschanische Präsident President Ilham Aliyev teilte am Dienstag laut Agentur Interfax mit, dass seit Sonntag bereits zehn aserbaidschanische Zivilisten getötet worden seien.

Schutzmacht: Russland

Armenien setzt im Fall einer weiteren Eskalation auf Russland als Schutzmacht. Der russische Militärstützpunkt in Gjumri sei der wichtigste Sicherheitsfaktor in der Region, sagte der armenische Botschafter in Moskau, Wardan Toganjan, der Agentur Interfax. Am Dienstag soll sich der UNO-Sicherheitsrat in einer Dringlichkeitssitzung mit dem Konflikt befassen.

Die russische Militärbasis "hat immer eine stabilisierende Rolle gespielt", sagte er. Gjumri liegt rund 120 Kilometer nördlich der armenischen Hauptstadt Eriwan. Zu dem Militärstützpunkt gehört auch eine Garnison in Eriwan.

In der Region gibt es seit Sonntag wieder Kampfhandlungen. Die verfeindeten Staaten Armenien und Aserbaidschan haben den Kriegszustand verhängt. Die internationale Gemeinschaft fordert ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen und eine Rückkehr zum Verhandlungstisch für eine friedliche Lösung des Konflikts. Russland hat sich als Vermittler angeboten.

Der Vertrag über die russische Militärbasis läuft bis 2044. Demnach besteht die Aufgabe Russlands in der Südkaukasusregion darin, für Frieden und Ordnung zu sorgen. Das benachbarte Aserbaidschan hat wiederholt angekündigt, die seit dem Krieg in den 1990ern von Armenien kontrollierte fruchtbare Bergregion mit Militärgewalt zurückzuerobern. Bei dem Blutvergießen damals mit rund 30.000 Toten hatte sich Russland letztlich auf die Seite Armeniens gestellt. Seit 1994 gilt ein brüchiger Waffenstillstand.

Nach Angaben von Interfax sind etwa 3.500 Soldaten in den Städten Gjumri und Eriwan stationiert. Zu dem Stützpunkt gehören ein Panzerbataillon, Dutzende Kampfflugzeuge und Raketenabwehrsysteme. Die Truppen sind auch für die Grenzsicherung zuständig.

Historisches Unrecht

Armenien sieht es bis heute als historisches Unrecht an, dass das seit Jahrhunderten von Christen besiedelte Berg-Karabach unter Sowjetdiktator Josef Stalin dem muslimisch geprägten Aserbaidschan zugeschlagen worden war. Aserbaidschan wiederum beruft sich auf das Völkerrecht, nach dem Berg-Karabach zu seinem Gebiet gehört.Das armenische Verteidigungsministerium wirft dem Militär Aserbaidschans massive Angriffe im Süden und im Nordosten von Berg-Karabach vor. Die Armee der international nicht anerkannten Republik Berg-Karabach halte den gegnerischen Attacken aber bisher stand, teilte Ministeriumssprecher Arzun Owannissian am Montagabend in Eriwan mit.

In der Hauptstadt Stepanakert in Berg-Karabach warf Parlamentschef Artur Towmassian Aserbaidschan und der Türkei vor, sich für die Sprache der Gewalt entschieden zu haben. "Dieser Krieg, den das aserbaidschanisch-türkische Tandem vom Zaun gebrochen hat, ist kein Krieg des aserbaidschanischen Volkes, sondern ein Krieg für den persönlichen Machterhalt von Ilham Aliyev", sagte der Politiker. Der autoritäre aserbaidschanische Präsident Aliyev hatte wiederum Armenien vorgeworfen, sein Land angegriffen zu haben.

Fast hundert Tote

Mit Stand Montagabend bestätigte Berg-Karabach insgesamt 89 Tote seit Sonntag. Aserbaidschan gab neun Todesfälle an, darunter Zivilsten. Es gab zudem viele Verletzte auf beiden Seiten.Unterdessen forderte UNO-Generalsekretär António Guterres erneut ein sofortiges Ende der Kämpfe. Guterres habe das dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev und dem armenischen Regierungschef Nikol Paschinian per Video-Telefonat mitgeteilt, sagte ein UN-Sprecher am Montag (Ortszeit) in New York. Bereits am Sonntag hatte sich Guterres "extrem besorgt" über die Eskalation des Konflikts gezeigt. Er forderte die sofortige Wiederaufnahme von Verhandlungen und die Wiederentsendung von OSZE-Beobachtern in die Region.

Auf UNO-Tagesordnung

Mehrere Mitglieder des UN-Sicherheitsrats beantragten unterdessen, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Die Dringlichkeitssitzung des UNO-Gremiums soll am Nachmittag (Ortszeit) hinter verschlossenen Türen stattfinden. Die Initiative ging von Deutschland und Frankreich aus und wurde von Belgien, Großbritannien und Estland unterstützt, hieß es aus Diplomatenkreisen. Im Anschluss soll eine Erklärung veröffentlicht werden.

Die von Armenien kontrollierte Region Berg-Karabach gehört völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. In einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlor Aserbaidschan die Kontrolle über das Gebiet. Es wird heute von christlichen Karabach-Armeniern bewohnt. Das völlig verarmte Armenien setzt auf Russland als Schutzmacht, die dort Tausende Soldaten sowie viele Waffen stationiert hat. Das öl- und gasreiche und militärisch hochgerüstete Aserbaidschan hat die Türkei als verbündeten Bruderstaat. (apa)

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde um 17:03 mit neuen Informationen ergänzt.