Persönliche Beleidigungen, glatte Lügen, absurde Halbwahrheiten, offene Drohungen: Was die erste Fernsehdebatte der US-Präsidentschaftskandidaten anging, ließ Präsident Donald Trump, zumindest was seine Anhänger angeht, nichts zu wünschen übrig. Wie sich der Auftritt des 74-jährigen Ex-Reality-TV-Stars auf das Wahlverhalten der Mehrheit der amerikanischen Bürgerinnen und Bürger auswirken wird, stand unmittelbar nach Ende des ersten Duells mit Herausforderer Joe Biden nicht fest; nur, dass die Basis der Republikaner mit dem Auftritt ihres Bannerträgers zufrieden sein kann. Bereits im Vorfeld waren die Hackln tief geflogen.

Mitarbeiter des Weißen Hauses hatten am Dienstag unter Journalisten gezielt Gerüchte gestreut, deren inhaltliche Bandbreite von Verschwörungstheorie (Biden nimmt Aufputschdrogen und werde angeblich einen Knopf im Ohr haben, damit ihm seine Berater Antworten einflüstern können) bis Rufmord reichte (Biden habe angeblich verlangt, alle halbe Stunden eine Pause zu machen, weil es ihm sonst zuviel werde).

Die Haus- und Hofmedien der Konservativen, allen voran der Kabelsender Fox News, nahmen diese leicht widerlegbaren Lügen indes wie immer ernst und berichteten entsprechend. Selbstredend im Gegensatz zur realen Forderung des Weißen Hauses an Moderator Chris Wallace, zu keinem Zeitpunkt der Debatte die mittlerweile über 200.000 Amerikaner zu erwähnen, die bisher an den Folgen des Coronavirus gestorben sind. Sie blieb unerfüllt.

Fox-News-Moderator Chris Wallace hatte alle Hände voll zu tun. - © APAweb / AFP / Getty
Fox-News-Moderator Chris Wallace hatte alle Hände voll zu tun. - © APAweb / AFP / Getty

Kurz nach 21 Uhr Uhr Ortszeit hatte Wallace, ansonsten selbst im Dienst von Fox News, im Festsaal der Case Western Reserve University von Cleveland den Reigen eröffnet. Publikum war aufgrund des auch in Ohio grassierenden Coronavirus nur spärlichst zugelassen, und auch der traditionelle Handschlag der Rivalen fiel der Pandemie zum Opfer.

Wie sich an diesem denkwürdigen Abend schnell erwies, war das Wort "Debatte" indes unzutreffend für das, was sich auf der Bühne abspielte. Trump unterbrach, redete drüber, ritt einen persönlichen Angriff nach dem anderen, während sich sein Gegner mit fortschreitender Zeit zunehmend schwerer tat, es ihm nicht gleich zu tun. Am Ende rang sich Biden immerhin durch, die Dinge beim Namen zu nennen. Der Präsident sei "ein Clown, der von nichts eine Ahnung hat", eine "Marionette Putins", und das einzige Rezept gegen die normative Kraft des Trumpischen sei, wählen gehen, damit die USA nicht noch "schwächer, kranker, ärmer und noch mehr gespalten" werden, als sie es heute sind.

Schulnoten als Thema

Bidens Problem: objektive Wahrheiten wie diese gehen unter, wenn man sie nicht ständig wiederholt. Donald Trump hingegen weiß um die Gesetze des Fernsehens und ließ entsprechend auch dann nicht locker, wenn er nicht am Wort war. X-mal stellte er seinem Kontrahenten die Frage, warum dessen Sohn Hunter angeblich "dreieinhalb Millionen Dollar vom Bürgermeister von Moskau erhalten hat" und noch mehr von "den Chinesen" und von "den Ukrainern". Mehrmals wiederholte er die Behauptung, dass Biden seiner Meinung nach nicht das Wort "gescheit" für sich beanspruchen dürfe, weil er angeblich am College zu den schlechteren Studenten gehört habe. (Trump selbst hat per Gerichtsverordnung erwirkt, dass seine eigenen Schul- und Universitätsnoten nie öffentlich bekannt werden dürfen.) Und so weiter, und so fort.

Donald Trump hielt sich nicht an die Regeln und unterbrach seinen Gegner mehrmals. - © APAweb / AFP / Getty
Donald Trump hielt sich nicht an die Regeln und unterbrach seinen Gegner mehrmals. - © APAweb / AFP / Getty

Was auf der Strecke blieb, war eine Diskussion über jedwede konkrete politische Inhalte. Auch wenn sich Moderator Wallace nach Kräften bemühte, dem ärgsten Irrsinn Grenzen zu setzen und über Politik und deren Auswirkungen auf die Menschen zu sprechen, befand er sich damit ebenso auf verlorenem Posten wie der Mann, der Trump beerben möchte.

Das bisschen Zeit, das darauf verwendet wurde, ergab weder auf der einen noch auf der anderen Seite substanziell Neues. Trump beschimpfte Biden unter anderem als "radikalen Sozialisten, der das Land ruinieren will" und der, wenn er zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Coronavirus-Pandemie anstatt seiner im Weißen Haus gesessen hätte, "nicht für 200.000, sondern für Millionen Tote verantwortlich gewesen wäre."

Im Übrigen werde es laut Trump, ja wirklich und wörtlich, "in den nächsten paar Wochen" einen Impfstoff gegen das Virus geben. Eingedenk der anfänglichen Nicht-Reaktion der Trump-Administration am Anfang der Pandemie und deren bis heute allzu offensichtlicher Überforderung damit eine mehr als absurde Behauptung, aber seine Anhänger sind bekanntlich gegen alles immun, was nicht in ihr Weltbild passt.

Der Demokrat Joe Biden kam mit Ehefrau Jill zur TV-Debatte. - © APAweb / AFP / Getty
Der Demokrat Joe Biden kam mit Ehefrau Jill zur TV-Debatte. - © APAweb / AFP / Getty

Während sich Biden als Mann des Ausgleichs gab, spielte Trump (der sich nachweislich mittels erkaufter ärztlicher Atteste vor dem Vietnam-Krieg gedrückt hatte) den harten Hund, der für "Recht und Ordnung" stehe; während Biden gelobte, die von ihm als Vizepräsident unter Barack Obama eingeführte Gesundheitsversicherung auszubauen, erklärte Trump – der seit vier Jahren eine Reform des Systems verspricht, die bis heute auf sich warten lässt – dass nämliche ein Desaster sei; während Biden darauf hinwies, dass die (angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Senat de facto fixe) Berufung der ultrakonservativen Richterin Amy Coney Barrett zum Supreme Court und das damit entstehende 6-3 Übergewicht an stramm rechten Richtern liberale Reformen für Generationen unmöglich machen werde, wies Trump darauf hin, dass die 48-Jährige angeblich "von allen respektiert" und "in jeder Hinsicht gut" sei.

Die Frage nach den Steuern

Auch was seine Steuern anging, log Trump wieder das Blaue vom Himmel herunter. Auf Chris Wallace' Frage, ob er im ersten Jahr seiner Amtszeit tatsächlich nur 750 Dollar Einkommenssteuer gezahlt habe, antwortete der Präsident, dass er "Millionen gezahlt habe" und gelobte, ja wirklich, dass er seine Steuererklärungen "schon bald öffentlich machen" werde.

Am Sonntag hatte die "New York Times" berichtet, dass Trump in den vergangenen zwanzig Jahren kaum Steuern gezahlt hatte, weil fast alle seine Unternehmen derart hohe Verluste generieren, dass unterm Strich praktisch eine Nullnummer steht. Seine einzige namhafte Einkommensquelle im vergangenen Vierteljahrhundert bildeten fast 500 Millionen an Tantiemen und Lizenzeinnahmen, die der Präsident als Hauptdarsteller der Reality-TV-Show "The Apprentice" verdiente – und wie schon in den Achtzigern und Neunzigern umgehend in Projekte steckte, die bis heute unprofitabel sind. Laut der "Times" belaufen sich allein die Schulden, für die das selbsternannte "sehr stabile Genie" persönlich haftet, auf rund 400 Millionen Dollar, die alle in den kommenden vier Jahr fällig werden. Als Reaktion auf den Bericht hatten Biden und seine Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris am Dienstag ihre eigenen Steuererklärungen veröffentlicht: 2019 zahlte der Biden-Haushalt rund 300.000 Dollar and Steuern, der von Harris rund 1,2 Millionen.

Der herausgeforderte Präsident hatte First Lady Melania Trump an seiner Seite. - © APAweb / AFP / Getty
Der herausgeforderte Präsident hatte First Lady Melania Trump an seiner Seite. - © APAweb / AFP / Getty

Auf Drängen der Öffentlichkeit hatte Chris Wallace quasi in letzter Minute doch noch eine Frage zum Klimawandel in seinen Fragebogen aufgenommen. Auch in diesem Zusammenhang ergaben sich keine Überraschungen. Während Trump mit ernster Miene wieder von "Waldstädten" erzählte, deren Umgang mit "explodierenden Bäumen" Brandkatastrophen wie die derzeitige an der Westküste verhindern würden, gelobte Biden eine Latte an Maßnahmen, um die USA umweltfreundlicher zu gestalten und die von Energie sparenden Häusern, elektrischen Autos für die Bundesbehörden bis zum Wiedereintritt des Landes ins Pariser Klimaabkommen reichen.

Als letztes kam das Thema Wahl zur Sprache und die damit verbundene Frage, ob die Kandidaten das Ergebnis anerkennen würden. Trump hatte bereits im Vorfeld beschieden, dass er das nicht tun würde, weil er angeblich "Massenbetrug" durch die erhöhte Zahl der per Brief abgegeben Stimmen fürchte. In Cleveland ging er noch einen Schritt weiter. Der Präsident rief seine Anhänger auf, am Wahltag "in die Wahllokale zu gehen und zu kontrollieren, ob alles mit rechten Dingen zugeht".