Genau fünf Wochen vor der US-Präsidentenwahl liefern sich Amtsinhaber Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch (MESZ) das erste von drei TV-Duellen. Für beide Kandidaten steht viel auf dem Spiel. Wie frühere Wahlen gezeigt haben, kann der Schlagabtausch vor einem Millionen-Publikum an den Fernsehschirmen erheblich dazu beitragen, ob ein Bewerber seine Chancen auf einen Wahlsieg verbessert - oder verschlechtert.

Ein zentrales Thema bei der Debatte in Cleveland könnte die Frage werden, ob Trump zusagt, im Falle einer Niederlage den Wahlausgang zu akzeptieren und einen friedlichen Machtübergang in Washington zu ermöglichen. Er selbst hat eine solche eindeutige Zusicherung bisher abgelehnt mit der Begründung, dass Wahlbetrug nicht auszuschließen sei, wenn die Amerikaner aus Angst vor einer Corona-Ansteckung verstärkt die Möglichkeit zur Briefwahl nutzen. Belege für diese Behauptung hat Trump nicht geliefert. Experten sehen kein erhöhtes Wahlfälschungsrisiko.

Ein Konfliktfeld könnte auch Trumps kürzliche Nominierung von Amy Coney Barrett für den vakanten Richterposten am Obersten Gerichtshof werden. Der Präsident will mit der Entscheidung seinen Rückhalt bei den christlich-konservativen Wählern stärken, bei denen Barrett hohes Ansehen genießt. Biden dürfte davor warnen, dass mit ihrer Berufung das konservative Übergewicht im Supreme Court auf Jahre hinweg zementiert würde und das Aus drohe für hart erkämpfte Errungenschaften wie die allgemeine Krankenversicherung und das Recht auf Abtreibung.

Neu aufgeflammt ist zudem die Kontroverse um Trumps Steuern. Laut "New York Times" hat Trump über Jahre hinweg keine oder nur sehr wenige Steuern gezahlt. Der Präsident hat das als völlige "fake news" abgetan.

Möglichkeiten für Biden

Für Biden bietet die Debatte Gelegenheit, sich einem breiten Publikum noch einmal neu vorzustellen. Wegen der Pandemie hielt er sich mit öffentlichen Auftritten in den vergangenen Monaten weitgehend zurück. Auch Interviews gab er nur wenige. Dadurch konnte er den Fokus auf Trump halten und dessen Amtsführung. Bei dem Duell wird es nun aber drauf ankommen, dass er seine eigene Agenda präsentiert - und dabei verbale Pannen wie Versprecher und Verwechselungen vermeidet, die ihm im Laufe seiner langen politischen Karriere immer wieder passierten.

Derzeit liegt Biden in landesweiten Umfragen vor Trump. Ein starkes Abschneiden beim TV-Duell könnte ihn weiter in Führung bringen, ein schwacher Auftritt das Rennen auf den Kopf stellen.

Debatte um Coronavirus

Konfrontiert mit der Corona-Statistik zu Infektionen und Todesfällen oder den Unruhen im Zusammenhang mit der Debatte über Rassismus und Polizeigewalt dürfte Trump wie so oft die Schuld so ziemlich jedem zuschieben, nur nicht sich selbst. Meinungsforscher wie John Geer von der Vanderbilt University sind besonders gespannt, wie Trump auf unbequeme Fragen reagiert - nicht nur von Biden, sondern auch vom Moderator des Abends, Chris Wallace von Fox News.

Trump hat nicht zuletzt bei seinen jüngsten Wahlkampfauftritten auch gezeigt, dass er zahlreiche Unwahrheiten loslassen kann. Dazu gehören Behauptungen, der US-Konjunktur sei es so gut wie nie gegangen bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie oder dass das Virus weitgehend verschwunden sei.

Biden könnte hier als eine Art Echtzeit-Faktenchecker dazwischengehen. Doch Beobachter warnen davor, dies zu beharrlich zu tun, da er sonst rasch als Besserwisser rüberkommen könnte. "Man muss sich auf seine eigene Agenda konzentrieren", sagt Debatten-Experte Aaron Kall von der University of Michigan.

Bidens Fitness im Fokus

Trump ist bekannt dafür, auch direkt und beleidigend gegen Kontrahenten auszuteilen und diesen ins Wort zu fallen. Mehrfach hat er Bidens geistige Fitness infrage gestellt - und sein Wahlkampfstab wird genau darauf achten, ob der 77-Jährige etwa durch Unsicherheiten oder zögerliche Antworten Vorlagen liefert, die sich anschließend in Online-Videos ausschlachten lassen. Experte Geer rät dazu, Lügen beim Namen zu nennen, auf persönliche Angriffe aber nicht einzugehen. Biden müsse weiterhin präsidial auftreten, "auch wenn etwas Schmutz auf seinem Sakko ist". (reuters)