US-Präsident Donald Trump (74) und seine Ehefrau sind mit dem Coronavirus infiziert. Es ist in einem an Seltsamkeiten nicht gerade armen Jahr eine doch noch besonders seltsame Situation. Denn die Nachfolge bei US-Präsidenten ist zwar geregelt. Bei Krankheit oder Todesfall übernimmt der Vizepräsident das Amt bis zum Ende der vier Jahre. Aber was passiert, wenn ein Präsident kurz vor den Neuwahlen unpässlich wird?

Die US-Wahlen finden genau in einem Monat, am 3. November, statt. Wie der Krankheitsverlauf nach einer Corona-Ansteckung aussieht, ist von Patient zu Patient unterschiedlich. Der britische Premierminister Boris Johnson etwa zeigte sich nach der diagnostizierten Infektion zuerst frohgemut im Homeoffice, später kämpfte der 56-Jährige auf der Intensivstation um sein Leben. Der ehemalige italienische Premier Silvio Berlusconi war zuerst auch in Heimquarantäne, eher der 84-Jährige mit einer doppelseitigen Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert worden war.

Donald Trump blickt gesundheitlich und politisch einer ungewissen Zukunft entgegen. - © afp/Saul Loeb
Donald Trump blickt gesundheitlich und politisch einer ungewissen Zukunft entgegen. - © afp/Saul Loeb

Beide Politiker erholten sich wieder. Anders ist es aber dem ehemaligen Bewerber ums US-Präsidentenamt und Trump-Unterstützer Herman Cain ergangen. Der 74-jährige Republikaner steckte sich bei einer Trump-Wahlkampfveranstaltung im Juni in Tulsa, Oklahoma, an, bei der das Tragen von Masken als Zeichen der Schwäche gesehen wurde. Wie die "Washington Post" berichtete, haben Trump-Mitarbeiter vor der Veranstaltung außerdem "Bitte hier nicht sitzen"-Aufkleber und andere Plakate entfernt, die an die physische Distanzierung erinnert haben. Tulsa hat nach der Veranstaltung einen regelrechten Corona-Cluster erlebt. Herman Cain ist allerdings der einzig bekannte Prominente, der wegen Tusla später an den Folgen von Covid-19 gestorben ist.

Die "Kung Flu" schlägt zurück

Doch was bedeutet die Infektion nun für Donald Trump und seinen Wahlkampf? Die kurze Antwort ist: Das ist schwer absehbar. Die lange Antwort lautet: Es gibt Theorien, die in die eine und die andere Richtung deuten. Einerseits hat sich Donald Trump mit seinem nicht vorhandenen Krisenmanagement in Sachen Corona viele Feinde gemacht. In Tulsa sprach er von der "Kung Flu" (eine Verballhornung des chinesischen Kampfsports Kung Fu und des englischen Worts für Grippe). Und einen Tag bevor Trump nun sein positives Testergebnis bekam, hatte er noch vollmundig erklärt, die Pandemie sei gerade am Rückzug.

Die Tatsache, dass Corona nun trotz aller Sicherheitsvorkehrungen Einzug ins Oval Office gehalten hat, steht allerdings im eklatanten Widerspruch zum Herunterspielen des Virus. Die "New York Times" zitiert den republikanischen Berater Rob Stutzman mit dem Satz: "Es ist schwer vorstellbar, dass das seine Hoffnungen auf Wiederwahl nicht begräbt." Schließlich habe Trump ja alle medizinischen Vorsichtsmaßnahmen ignoriert. Auch andere Berater im Weißen Haus räumen ein, dass der positive Corona-Test den Wählern nun wieder ganz klar in Erinnerung rufen wird, wie stark Trump das Virus - das bisher 207.000 Menschen in den USA das Leben gekostet hat - heruntergespielt habe. "Es ist ein politisches Desaster", wird eine Person aus dem Weißen Haus von der "New York Times" zitiert. Kurzum: Trumps Infektion rückt die Krankheit, die der Präsident eigentlich in die Vergangenheit schieben wollte, wieder ganz stark in die Gegenwart des amerikanischen Diskurses.

Hinzu kommt, dass in den vergangenen 24 Stunden nicht nur das Ehepaar Trump, sondern auch 40.000 weitere Menschen in den USA erstmals positiv auf das Virus getestet worden sind. Trump hat sich stets gegen nationale Maßnahmen zur Hemmung der Verbreitung gesträubt. Nicht ausgeschlossen ist allerdings, dass der US-Präsident aufgrund der eigenen Infektion einen Beliebtheitsschub erfahren könnte. Erlebt haben das die Staatschefs von Großbritannien und Brasilien, die beide das Virus kleingeredet hatten und beide schließlich daran erkrankten. So sind Boris Johnsons Popularitätswerte im April (er machte seine Infektion Anfang dieses Monats bekannt) in ungeahnte Höhen geflogen - wenn sie auch mittlerweile wieder auf einem Niveau angelangt sind, das dem vor seinem Krankenhausaufenthalt entspricht.

Auch der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, der eine Infektion im Juli durchgemacht hat, erfreut sich nach seiner Krankheit steigender Beliebtheitswerte. Während bei Johnson eine gewisse Läuterungsphase in Sachen Corona eingetreten ist und er nun mehr auf medizinische Experten zu hören scheint, ist bei Bolsonaro davon keine Spur sehen: Er bewegt sich weiter gerne maskenlos in Menschenmassen. Und die Tatsache, dass seine Erkrankung relativ glimpflich verlief, ist Wasser auf den Mühlen des brasilianischen Staatschefs: Die "kleine Grippe" sei nicht so schlimm, das Land brauche keine Vorsichtsmaßnahmen, die für die Wirtschaft kontraproduktiv seien.

Popularitätsschub möglich

Die Tatsache, dass Trump sich nun theoretisch - laut den Vorschriften der US-Seuchenbehörde CDC - zwei Wochen in Quarantäne aufhalten muss, kann sich ebenfalls positiv oder negativ auf seine Kampagne auswirken. Denn damit ist Trump, der zunächst nur leichte Symptome verspürt haben soll, für fast die Hälfte der verbleibenden Zeit des Wahlkampfs quasi weggesperrt. Die Wahlkampfveranstaltungen, die Trump zuletzt auf Flughäfen abgehalten hatte, fallen damit aus.

Aber der Präsident wird voraussichtlich auch nicht noch einmal mit seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden vor den TV-Kameras diskutieren müssen. Nachdem Biden in der ersten Debatten-Runde laut Mehrheitsmeinung als Sieger hervorgegangen ist, kann eine Absage der nächsten Runden durchaus ein Vorteil für Trump sein. Und sollte es sich beim Ex-Reality-TV-Star um einen leichten Krankheitsverlauf handeln, so bleibt ihm im Zeitalter der Technik noch genügend Handhabe, weiterhin präsent zu bleiben. Sei es mittels Videokonferenzen oder einfach dem guten, alten Anruf bei Fox News. Eine Liveschaltung ist dem Präsidenten da immer gewiss.

Verschwinden - oder nicht

Falls die Infektion bei Trump einen schwereren Verlauf nimmt, müsste der Präsident sogar bis auf weiteres von seinen Amtsgeschäften - und dem Wahlkampf - Abstand nehmen. Johnson konnte etwa einen Monat lang die Geschäfte nicht führen - und da war der stressige Wahlkampf gar nicht dabei. Die US-Verfassung sieht natürlich vor, dass - sollte der Präsident nicht im Stande sein, zu regieren - der Vizepräsident das Ruder übernimmt. Falls Trump aufgrund der Schwere der Krankheit kurzfristig gänzlich von der Bildfläche verschwinden sollte, zittern die Republikaner allerdings schon um ihre mächtigste Wahlkampfmaschine: Denn das System Trump ist ohne Trump schwer vermarktbar. Allerdings hat sich zuletzt sein Sohn Donald Trump Jr. einen Namen als würdiger Vertreter gemacht, der ähnlich auf die Massen einwirken kann - und notfalls als Werbeeinschaltung in die Bresche springen kann.

Sollte Trump länger ausfallen, oder ihn sogar noch mitten im Wahlkampf das Schicksal des gleichaltrigen Herman Cain ereilen, werden die Wahlen wahrscheinlich trotzdem wie gehabt stattfinden. Dafür sorgt das komplizierte Wahlsystem, bei dem nicht die Wähler direkt, sondern die Wahlmänner über den den nächsten Präsidenten entscheiden. Und der muss im Falle eines republikanischen Siegs nicht notwendigerweise Donald Trump heißen. So dürfte es nur eine Formsache sein, dass dann Mike Pence auf dem Ticket nach vorne rückt - der dann auch einen Vize seiner Wahl ernennen kann. Sollte Trump nach einer mittelschweren Erkrankung pünktlich zur Wahl wieder genesen, dürfte ihm das zum Vorteil gereichen: Denn die USA lieben nichts so sehr wie die klassische Comeback-Story. Davon zeugt die Bibliothek der Hollywood-Filme.

Die Vertretungsregelung für einen vorübergehend nicht geschäftsfähigen US-Präsidenten wurde erst in den 1960er Jahren formalisiert. Im 25. Zusatz zur US-Verfassung ist unter anderem festgehalten, dass die Geschäfte vom Amtsinhaber dem Vizepräsidenten übergeben werden können - für einen bestimmten Zeitraum oder bis auf Widerruf. Bei einem Todesfall gehen alle Vollmachten ebenfalls auf den Vizepräsidenten über.