Wenn der Streit um die Sinnhaftigkeit des Tragens einer Maske im Zeitalter des Coronavirus eskaliert, dann sind wir in Amerika 2020. Bei der vergangenen Debatte der Präsidentschaftskandidaten Joe Biden und Donald Trump in Cleveland hatten sich die im Publikum sitzenden Mitglieder des Trump-Clans trotz eindringlicher Aufforderungen geschlossen geweigert, sich eine aufzusetzen. Die Veranstalter von der überparteilichen Commission on Presidential Debates erboste das dermaßen, dass sie jetzt die Regeln geändert haben. Künftig soll jeder Publikumsgast, und wenn er Donald junior heißt, umstandslos hinauskomplimentiert werden, wenn er oder sie zu irgendeinem Zeitpunkt maskenlos daherkommt.

Dem ersten Stresstest unterzogen wird die neue Doktrin heute Abend, wenn sich in Salt Lake City der Republikaner Mike Pence und die Demokratin Kamala Harris zur ersten und einzigen Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten treffen. Los gehen wird es um 18 Uhr Ortszeit (zwei Uhr morgens MESZ), Austragungsort ist der Festsaal der University of Utah. In normalen Zeiten, beziehungsweise dem, was man bis 2016 dafür hielt, wäre das keine große Sache. Das letzte Mal, dass in den USA ein Stellvertreter später zum Präsidenten gewählt wurde, ist über 30 Jahre her. 1988 durfte George H. Bush Ronald Reagan nachfolgen, dem er bis dahin acht Jahre lang gedient hatte. 2000 scheiterte Al Gore, der Vize von Bill Clinton, zuerst an dem Wahlchaos in Florida und dann am gestern wie heute konservativ dominierten Supreme Court, das die Wiederauszählung der Stimmen in dem für die Wahl entscheidenden Bundesstaat für illegal und George W. Bush zum Sieger erklärte.

Ein Cluster im Weißen Haus

Der Grund für die Tatsache, dass das Amt des Stellvertreters des Präsidenten heuer überproportional viel Aufmerksamkeit bekommt, liegt entsprechend nicht nur darin, dass am 3. November mit Biden der erste ehemalige Vizepräsident seit Gore am Wahlzettel steht. Donald Trump hat sich das Coronavirus eingefangen und wegen der desaströsen Informationspolitik seiner Leibärzte weiß niemand, wie es wirklich um ihn steht. Montagnachmittag kehrte der 74-jährige Ex-Reality-TV-Star nach nur drei Tagen im Spital ins Weiße Haus zurück. Laut allen medizinischen Experten eine hochgradig fragwürdige Entscheidung, die ihn mittelfristig mehr kosten könnte als ein paar Wählerstimmen. Sein drei Jahre älterer Konkurrent zählt derweil ebenfalls zur Hochrisiko-Gruppe, ebenso wie die höchsten Repräsentanten des Ober- und Unterhauses (der Republikaner Mitch McConnell ist 78, die Demokratin Nancy Pelosi 80).

"Haben Sie keine Angst vor Covid", twitterte Donald Trump, der nun ins Weiße Haus zurückgekehrt ist. Damit dürfte er Kamala Harris für die Debatte zumindest einen Angriffspunkt geliefert haben. - © afp
"Haben Sie keine Angst vor Covid", twitterte Donald Trump, der nun ins Weiße Haus zurückgekehrt ist. Damit dürfte er Kamala Harris für die Debatte zumindest einen Angriffspunkt geliefert haben. - © afp

Angesichts dieser Altersverteilung wirken Harris mit ihren 55 und Pence mit seinen 61 Jahren geradezu jugendlich. Weil das Virus aber auch vor jüngeren Menschen keinen Halt macht und der amtierende Vizepräsident zur täglich kleiner werdenden Gruppe von Mitarbeitern des Weißen Hauses zählt, die sich nicht infiziert haben - Stand Dienstagmorgen gab es elf, darunter Trumps Frau Melania und Pressesprecherin Kaleigh McEnany -, werden sie bei ihrer Debatte nicht nur physisch, sondern auch durch eine Wand aus Plexiglas getrennt sein. Moderatorin Susan Page, der Leiterin des Hauptstadtbüros der Tageszeitung USA Today, wird in Salt Lake City dieser besondere Schutz ebenfalls zuteil.

Auch wenn die Diskussion der Vizepräsidentschaftskandidaten für die Zuschauer aller Wahrscheinlichkeit nach nicht das selbe erratische Spektakel werden wird wie das ihrer Vorgesetzten - Trump hatte Biden weit über hundertmal unterbrochen, der hatte ihn dafür unter anderem einen "ahnungslosen Clown", einen "Rassisten" und den "schlechtesten Präsidenten aller Zeiten" geheißen - verspricht das Duell Harris-Pence nicht minder hart zu werden.

Trump treu ergeben

Ihren rhetorischen Schliff haben sich die Kontrahenten in Berufen erworben, die sich gegensätzlicher kaum darstellen könnten. Pence’ politische Karriere begann er einst als Radiomoderator, der seine erzkonservativen bis extrem rechten Weisheiten im Äther seines Heimat-Bundesstaats Indiana verbreitete; ein Job, den er dem Umstand verdankte, dass er seine erste Wahl als Kandidat fürs Repräsentantenhaus 1988 haushoch verloren hatte. Zwölf Jahre später, inzwischen zum lokalen Star aufgestiegen, gelang ihm der Einzug ins Unterhaus. 2013 verabschiedete sich Pence aus Washington, um als Gouverneur nach Indiana zurückzukehren. Nur drei Jahre später wurde er von Trump zum sogenannten "Running Mate" auserkoren. Eine Rolle, die er seitdem so geflissentlich wie seinem Boss absolut ergeben ausfüllt. Auch wenn Pence kaum laut und ausfällig wird, teilt er Trumps Neigung - wie er nicht zuletzt im Rahmen seiner ersten Vizepräsidentschafts-Debatte 2016 gegen Hillary Clintons Nummer zwei Tim Kaine hinlänglichst bewies - praktisch bei jeder Gelegenheit entweder zu lügen, nur die halbe Wahrheit zu erzählen und/oder Probleme einfach zu ignorieren.

Im Gegensatz zu Pence war Harris nahezu ihr gesamtes Berufsleben lang auf die eine oder andere Weise mit Recht und Gesetz beschäftigt, entweder als Staatsanwältin in ihrem Heimat-Bundesstaat Kalifornien oder als Politikerin. Die nach Geraldine Ferraro 1984 (als Vize des erfolglosen Walter Mondale) und Sarah Palin 2008 (unter John McCain) erst dritte weibliche Kandidatin für den Stellvertreterposten in der US-Geschichte - und die erste, deren Hautfarbe nicht weiß ist - schuf sich die seit 2017 im Senat dienende Harris ihr nationales Profil vor allem durch ihre Art, bei Anhörungen Fragen im Stil einer öffentlichen Anklägerin zu stellen. Prominentestes Opfer: Brett Kavanaugh, nunmehriger Höchstrichter von Trumps Gnaden, dem auf ihre Frage, ob er auch nur ein Gesetz kenne, das Männern vorschreibe, was sie mit ihren Körpern machen dürften und was nicht, keine Antwort einfallen mochte.

Sparring mit Buttigieg

Entsprechend hoffen die Demokraten, dass Harris die nicht nur bei Kavanaugh eingeübte Rolle auch gegen Pence spielen wird. An der Vorbereitung dürfte es jedenfalls nicht scheitern: Als Sparring-Partner diente Harris Pete Buttigieg, wie sie selbst als Präsidentschaftskandidat in den Vorwahlen gescheiterte Nachwuchshoffnung der Liberalen, der ob seiner Kenntnisse als Ex-Bürgermeister von South Bend, Indiana, Pence besser kennt als jeder andere Demokrat.

Freilich: Weil es die Moderatoren der Debatten nicht als ihre Aufgabe betrachten, die Kandidaten zu korrigieren, wenn sie faktisch nachweisbaren Unsinn erzählen, hat Pence wie 2016 auch diesmal einen klaren Vorteil auf seiner Seite - ebenso wie die Trump-Fans, die er in jedem Szenario brauchen wird, egal, welches Schicksal ihr Idol einst ereilen wird. Dass der US-Präsident ungeachtet der knapp 210.000 Toten in seinem Heimatland nach der Rückkehr aus dem Spital ins Weiße Haus erklärt hat, man brauche "keine Angst vor Corona" zu haben, dürfte Harris heute Abend aber immerhin einen substanziellen Angriffspunkt bieten.