Der vergiftete Kremlkritiker Alexei Nawalny hat die Europäische Union und die deutsche Bundesregierung aufgefordert, hart gegen Kreml-nahe Oligarchen, Politiker und Unternehmen vorzugehen. "Sanktionen gegen das ganze Land funktionieren nicht. Das Wichtigste ist, Einreisesperren gegen Profiteure des Regimes zu erlassen und ihr Vermögen einzufrieren", sagte Nawalny der Zeitung "Bild".

"Sie veruntreuen Geld, stehlen Milliarden und am Wochenende fliegen sie nach Berlin oder London, kaufen teure Wohnungen und sitzen in Cafés." Der russische Oppositionspolitiker forderte einen Baustopp der Gaspipeline Nord Stream 2 sowie das Einfrieren von Vermögenswerten und Reiseverbote gegen Einzelpersonen wie den Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker Waleri Gergijew.

Gergijew ist ein Unterstützer des autoritären russischen Präsidenten Wladimir Putin und warb für dessen Wiederwahl. "Wenn er das Regime so liebt und will, dass Russland nicht den europäischen Weg geht, dann muss man ihm sagen: Sie sind ein sehr talentierter Musiker, aber wir lassen sie nicht länger in die EU einreisen. Sie können Putins Regime in Russland genießen", erklärte Nawalny. Alternativ könne Gergijew seine öffentliche Unterstützung für Putin aufgeben.

Er kritisierte auch den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder für dessen Äußerungen, dass es noch keine "gesicherten Fakten" zum Giftanschlag gebe. Weiter sagte Nawalny: "Er ist immerhin der ehemalige Kanzler des mächtigsten Landes in Europa. Jetzt ist Schröder ein Laufbursche Putins, der Mörder beschützt." Gerhard Schröder ist Chef des Verwaltungsrats von Nord Stream 2 sowie Vorsitzender des Aktionärsausschusses von Nord Stream. Zusätzlich ist Schröder Aufsichtsratschef des staatlichen russischen Öl-Riesen Rosneft.

Aufklärung unwahrscheinlich

Nawalny selbst glaubt nicht an eine Aufklärung seines Falles durch Russland: Es gebe nicht mal den Versuch, es so aussehen zu lassen, als würde man ermitteln. "Bisher gibt es überhaupt keine Untersuchung in Russland", sagte der russische Politiker dem Blatt. Der Kremlkritiker war am 20. August auf einem russischen Inlandsflug zusammengebrochen und nach einer Notlandung zunächst im sibirischen Omsk behandelt worden. Am 22. August wurde er zur Behandlung in der Berliner Charite nach Deutschland ausgeflogen.

Deutschland fordert Sanktionen bei Nicht-Aufklärung

Der deutsche Außenminister Heiko Maas hat Russland mit Sanktionen wegen der Vergiftung des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny gedroht. Ohne Aufklärung durch Russland seien "zielgerichtete und verhältnismäßige Sanktionen gegen Verantwortliche unvermeidlich", sagte Maas am Mittwoch im deutschen Bundestag. "Russland täte gut daran, es nicht so weit kommen zu lassen", fügte der SPD-Politiker hinzu. Man sei mit den Partnerländern in Abstimmung.

Maas kritisierte, dass Russland bis heute nicht beantwortet habe, wieso Nawalny mit einem Nervengift der Nowitschok-Gruppe in Russland vergiftet werden konnte. Allein die Entwicklung, Herstellung und der Besitz chemischer Waffen sei ein "eklatanter Verstoß" gegen das Völkerrecht. "Russland müsste selbst ein großes Interesse an der Aufklärung des Verbrechens haben."

Maas verwies darauf, dass die Regierung in Moskau über die entsprechenden Proben Nawalnys wegen dessen Behandlung in Omsk vor seinem Ausflug nach Deutschland verfüge. (apa)