In der Konfliktregion Berg-Karabach im Südkaukasus ist es zu neuen schweren Kämpfen gekommen.  Am Mittwoch seien die Gefechte entlang der gesamten Front fortgesetzt worden, teilte Aserbaidschans Verteidigungsministerium in der Hauptstadt Baku mit. Mehrere Dörfer und Städte seien beschossen worden.

Nach armenischer Darstellung versuchten Truppen des verfeindeten Nachbarlandes, im Südosten des Konfliktgebietes an der Grenze zum Iran weiter vorzurücken. Armenien habe mit Angriffen darauf reagiert, teilte das Verteidigungsministerium mit.

Eriwan erklärte, es habe dabei viele Tote auf aserbaidschanischer Seite gegeben. Baku bestritt das und behauptete wiederum, Soldaten der armenischen Armee würden sich wegen Problemen bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln zurückziehen. All diese Informationen lassen sich nur schwer überprüfen, weil es keine unabhängigen Beobachter in der Konfliktregion gibt.

Die Behörden der international nicht anerkannten Republik Berg-Karabach sprachen zuletzt von 240 getöteten Soldaten seit Beginn der Kämpfe vor rund anderthalb Wochen. Die aserbaidschanische Seite hat bisher keine Angaben zu Verlusten in den eigenen Reihen gemacht. Sie gab die Zahl getöteter Zivilisten mit zuletzt 27 an. Armenien schätzt, dass bereits mehr als 3700 armenischen Soldaten umkamen.

Auf der Flucht

In Stepanakert, der Hauptstadt der selbst ernannten Republik Berg-Karabach, heulten in der Nacht fast stündlich die Alarmsirenen, wie ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Kurz darauf waren jedes Mal schwere Explosionen zu hören. Unklar war zunächst, ob es sich um Raketen-, Artillerie- oder Luftangriffe handelte.

Stepanakert unter Angriff. - © APAweb / Reuters, Stringer
Stepanakert unter Angriff. - © APAweb / Reuters, Stringer

Ein Bewohner sagte AFP, es seien zweifellos die schwersten Angriffe auf Stepanakert seit dem Wochenende, als aserbaidschanische Truppen die Stadt mit fast 50.000 Einwohnern erstmals unter Beschuss nahmen. Die Angriffe gingen auch bei Tagesanbruch weiter. Berichte über Opfer oder Schäden lagen zunächst nicht vor.

Nach ersten Schätzungen sei etwa die Hälfte der Bevölkerung Berg-Karabachs auf der Flucht, darunter etwa 90 Prozent aller Frauen und Kinder, sagte der Bürgerbeauftragte von Berg-Karabach, Artak Belgarjan, am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP. Rund 70.000 bis 75.000 Menschen seien betroffen.

Putin in Sorge

Russlands Präsident Wladimir Putin sieht die Lage in der Konfliktregion Berg-Karabach im Südkaukasus mit Sorge. "Das ist eine Tragödie. Wir sind sehr besorgt", sagte er am Mittwoch im TV-Sender Rossija-24. Auf beiden Seiten würden Menschen sterben, und es gebe Verluste.

Nach Putins Angaben leben in Russland etwa zwei Millionen Aserbaidschaner und mehr als zwei Millionen Armenier. "Viele russische Bürger haben enge, freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen zu beiden Republiken."

Putin telefonierte dazu bereits mit dem armenischen Regierungschef Nikol Paschinjan. Am Mittwoch sprach Putin an seinem 68. Geburtstag mit seinem aserbaidschanischen Kollegen Ilham Aliyev. Dabei ging es nach aserbaidschanischen Angaben auch um den Konflikt in Berg-Karabach. Details wurden zunächst nicht bekannt.

Putin sagte in dem Fernsehinterview: "Wir hoffen, dass dieser Konflikt bald beendet sein wird." Er forderte zugleich einen Waffenstillstand. "Das müssen beide Seiten so schnell wie möglich umsetzen." Russland hat in Armenien eine Militärbasis.

In einem Vertrag ist geregelt, in welchen Fällen Russland seinen Verbündeten etwa bei einer Bedrohung unterstützt. "Wir haben unsere Verpflichtungen stets erfüllt - und werden sie auch weiterhin erfüllen", sagte Putin. Die Kämpfe seien derzeit aber nicht auf dem Staatsgebiet Armeniens.

Diplomatische Verstimmung

 Griechenland hat seinen Botschafter in Aserbaidschan zu Konsultationen nach Athen zurückgerufen. Wie das griechische Außenministerium am Mittwoch weiter mitteilte, sei dies Folge "grundloser und beleidigender Behauptungen der Regierung Aserbaidschans".

Baku hatte zuvor Athen vorgeworfen, die Vorbereitung terroristischer Aktionen gegen Aserbaidschan zu unterstützen, Kämpfer zu rekrutieren und Cyberattacken zu erlauben, um Armenien im Kampf um die Unruheregion Berg-Karabach im Südkaukasus zu unterstützen

Jahrzehnte von Konflikten

Die ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan liefern sich seit Jahrzehnten einen erbitterten Konflikt um die Region im Südkaukasus, die mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird. Vor eineinhalb Wochen waren die Kämpfe neu entbrannt. Die selbsternannte Republik Berg-Karabach wird international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans. (apa, dpa)