Früher war Neuseeland vor allem das Land mit den vielen Schafen. Eine kleine Insel-Nation am anderen Ende der Welt, die bestenfalls dann in die Schlagzeilen gerät, wenn die malerischen Berglandschaften wie im Fall der "Herr der Ringe"-Trilogie als Filmkulisse herhalten müssen.

Doch mit dem 15. März 2019 änderte sich alles. An diesem Tag tötete ein aus Australien stammender Rechtsextremist in zwei Moscheen in Christchurch 51 Muslime. Die Bluttat entsetzte die Welt und alles blickte auf die junge Premierministerin Jacinda Ardern. Die damals 39-Jährige hatte in den Folgetagen bei ihren öffentlichen Auftritten dunkle Ringe unter den Augen, aber sie zeigte, was Mitgefühl, Präsenz und Stärke in Krisenzeiten bedeuten. Adern umarmte Muslime, sprach mit Hinterbliebenen, hielt einfühlsame Reden, traf den richtigen Ton. Die Art und Weise, wie die Premierministerin mit den Terroranschlägen umging, fand damals auch international Anerkennung. Und Ardern, die man zuvor vor allem deshalb kannte, weil sie nach ihrem Wahlsieg 2018 im Amt ein Kind bekam, zierte auf einmal das Titelblatt des "Time"-Magazins.

Wenn die Neuseeländer am Samstag darüber abstimmen, ob die Labour-Politikerin ein zweites Mandat bekommt, dann wird das Attentat von Christchurch für viele Wähler aber wohl dennoch nicht der entscheidende Faktor für die Bewertung der dreijährigen Amtszeit Arderns sein. Denn auch in Neuseeland wird die bevorstehende Parlamentswahl vor allem ein Votum darüber sein, wie zufrieden die Bürger mit dem Corona-Krisenmanagement ihrer Regierung sind.

Allerdings spielen auch die vergangenen Monate stark in Aderns Hände. Als Neuseeland den ersten größeren Sars-CoV-2-Ausbruch verzeichnete, regierte die Regierung schnell und ordnete eine der strengsten Ausgangssperren an. Gleichzeitig wurde der knapp fünf Millionen Einwohner zählende Inselstaat nach außen hin abgeschottet, bis auf ganz wenige Ausnahmen durfte niemand ein- oder ausreisen.

Die strengen Maßnahmen hatten Erfolg: Nur rund zwei Dutzend Menschen sind in Neuseeland bisher in Verbindung mit Covid-19 gestorben. Im Juni erklärte sich das Land zum ersten Mal als Corona-frei und kehrte zu einer beneidenswerten Normalität ohne Masken und Abstand zurück. Ein zweiter Ausbruch in Auckland konnte dank eines erneuten regionalen Lockdowns ebenfalls unter Kontrolle gebracht werden. Seit 12 Tagen verzeichnet Neuseeland keine lokale Neuansteckung mehr.

Statt auf harte Worte setzt Ardern bei ihrer Corona-Strategie, auf die Solidarität und Kollaboration ihres "Fünf-Millionen-Teams", wie sie das Volk gern nennt. "Seid stark, seid freundlich", lautete ihr Schlagwort im Kampf gegen das Virus.

Umfragen zufolge wird Ardern bei der Wahl zweifellos die Früchte ihrer Arbeit ernten. So führt ihre Labour Party mit 48 Prozent der Stimmen deutlich vor der konservativen National Party, der 31 Prozent prognostiziert werden. Weit abgeschlagen dahinter liegen Grüne, Liberale und andere Kleinparteien, die Ardern möglicherweise für die Bildung einer Regierungskoalition braucht.

Massive wirtschaftliche Folgen

Allerdings fühlt sich nicht jeder als Teil von Arderns 5-Millionen-Team. Kritiker werfen ihr vor, nicht genug gegen die weit verbreitete Kinderarmut unternommen zu haben. Laut Unicef gibt es in kaum einem anderen Industriestaat so viele Selbstmorde unter Jugendlichen wie in Neuseeland. Besonders von Armut betroffen sind nach wie vor die Maori, die Ureinwohner von Aotearoa, wie sie das Land nennen. "Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger Verschlechterung der sozialen Lage ist überhaupt kein Erfolg. Es ist ein Misserfolg", räumte Ardern im Wahlkampf selbst ein.

Dass die die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie dramatisch, versucht Arderns konservative Widersacherin Judith Collins zu nutzen. Die 61-Jährige, die schon viele Ministerposten besetzt hat, will mit ihrer langjährigen politischen Erfahrung punkten. "Wir nähern uns der tiefsten Rezession seit Menschengedenken. Das Finanzministerium hat prognostiziert, dass 100.000 weitere Neuseeländer ihre Arbeit verlieren werden", warnte Collins im Wahlkampf und präsentierte sich als Krisenmanagerin. Es brauche nun eine Regierung mit nachgewiesener wirtschaftlicher Kompetenz und mit einem Plan für die Erholung nach der Corona-Epidemie.(rs/dpa)