Heute Nacht bestimmen die US-Amerikaner den Mann, der in den nächsten vier Jahren im Weißen Haus residiert. Sie haben die Wahl zwischen dem demokratischen Herausforderer Joe Biden und dem republikanischen Amtsinhaber Donald Trump. Zudem wird das Repräsentantenhaus komplett neu gewählt und ein Drittel der Senatorensitze stehen zur Abstimmung.

Die zentrale Frage lautet aber, wer in den nächsten vier Jahren US-Präsident sein wird. Unzählige Meinungsumfragen gibt es dazu, die meisten weisen klar darauf hin, dass Biden das Rennen machen wird. Nachdem vor vier Jahren die allermeisten Umfragen falsch lagen und die Demokratin Hillary Clinton vorab zur Siegerin erklärten, geben sich die Demoskopen diesmal verhalten - man könnte auch sagen, gehemmt. Der Grund liegt auf der Hand: Die Experten wollen sich nicht noch einmal bis auf die Knochen blamieren, 2016 wurde die riesige Vorhersage-Branche zum Gespött.

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Gewarnt ist jedenfalls der Demoskop Sam Wang, der 2016 meinte, er werde einen "Käfer fressen", sollte Trump das Rennen machen. Der renommierte Statistiker der Princeton University musste - Spielschulden sind Ehrenschulden - der Ankündigung Taten folgen lassen und vor laufenden Kameras, eher missvergnügt, ein Insekt verspeisen.

Einige Unwägbarkeiten

Diesmal ist man gewarnt und betont, die Sache sei für Biden keineswegs gelaufen. Der Letztstand lautet, dass er mit 52 zu 43 Prozent vorne liegt. 2016 war Clinton nur 47 zu 44 Prozent in Führung. Trotzdem beeilen sich Umfrageinstitute und Analysten zu betonen, dass die Erhebungen Wahrscheinlichkeiten abbilden, nicht Fakten. Die Statistikseite Fivethirtyeight gibt Trump eine Siegeschance von 11 Prozent, errechnet auf Basis eines höchst komplizierten Modells - nicht, ohne hinzuzufügen, dass dieser scheinbar geringe Wert bedrohlich sein kann.

Dazu kommt, dass auch die Demokraten ein Interesse daran haben, das Rennen als offen darzustellen. Immerhin sind sie darauf angewiesen, möglichst viele Unterstützer an die Urne zu bringen.

In der Tat können sich die Herausforderer keinesfalls zurücklehnen. Die schon jetzt rekordverdächtig hohe Wahlbeteiligung deutet zwar auf einen Erfolg Bidens hin, das US-Wahlsystem bringt es aber mit sich, dass ein Kandidat auch dann unterliegen kann, wenn er eine Mehrheit an Stimmen hat. Das ist Hillary Clinton vor vier Jahren passiert. Es ist nämlich so, dass eine kleine Anzahl von Bundesstaaten, die "swing states", über den Wahlsieg entscheiden. Dazu kommt, dass sich Trump-Wähler fallweise nicht offen deklarieren wollen. Zusätzlich sorgt für Beunruhigung, dass Trump eine Armee von Rechtsanwälten in Stellung gebracht hat, um Unregelmäßigkeiten im Ablauf der Wahl sofort anfechten zu können.

Wähler in Kalifornien stehen Schlange, um ihre Stimme abzugeben. - © APAweb, afp, Frederic J. Brown
Wähler in Kalifornien stehen Schlange, um ihre Stimme abzugeben. - © APAweb, afp, Frederic J. Brown

Immerhin: Der bekannte US-Historiker Allan Lichtman - er gilt als Orakel - hat seit 1984 alle Wahlergebnisse richtig vorhergesagt. Er hält diesmal einen Biden-Sieg für fast sicher. Aber nur fast.

Abseits davon wird heute der Kongress gewählt, hier versprechen die Prognosen ein spannendens Rennen um die Vorherrschaft im Senat. Das Repräsentantenhaus ist demokratisch und wird das wohl auch bleiben.

Ohne eine Mehrheit in beiden Kongresskammern kann ein Präsident innenpolitisch nur wenig nachhaltig verändern. Gewinnt Biden das Rennen ums Weiße Haus und fällt gleichzeitig die republikanische Mehrheit im Senat, könnten die Demokraten zwei Jahre weitgehend ungestört durchregieren.

Die Statistikseite Fivethirtyeight sieht eine 74-prozentige Chance, dass der Senat künftig einen demokratischen Mehrheitsführer haben wird. Die Ungewissheit ist also beträchtlich. 35 der 100 Sitze im Senat stehen zur Wahl, die Demokraten müssten - je nachdem, wie die Präsidentschaftswahl ausgeht - drei oder vier Sitze dazugewinnen. Denn bei Stimmengleichstand 50:50 entscheidet der Vizepräsident über den Ausgang einer Abstimmung.

Gewählt wird überwiegend in eher republikanisch geprägten Staaten - einer der Gründe, weshalb es für die Demokraten nicht leicht werden dürfte. Auch wenn sie nur zwölf Sitze, die Republikaner aber 23 Sitze verteidigen müssen.

Ben Sasse, republikanischer Senator von Nebraska, ist kein Freund Donald Trumps und warnt nicht zuletzt aus diesem Grund vor einer krachenden Niederlage der Republikaner. Trumps Politik könnte "ein republikanisches Blutbad im Senat" zur Folge haben, sagt er. Die sechsjährige Mandatsperiode verschafft den jeweiligen Amtsinhabern allerdings einen großen Startvorteil gegenüber den Herausforderern. Wer schon mehrere Amtsperioden hinter sich hat, kann selbstbewusst ins Rennen gehen. Eine Tatsache, die gegen Sasses düstere Prognose spricht.

Trotzdem müssen jetzt republikanische Schwergewichte um ihren Sitz im Senat kämpfen - wie das Urgestein Lindsey Graham. Der ehemalige Trump-Gegner aus South Carolina hat sich zum gehorsamen Gehilfen des Präsidenten gewandelt. Als Vorsitzender des Justizausschusses hat er die wichtige Aufgabe, Ungemach von Trump fernzuhalten. Sein demokratischer Herausforderer, der Afroamerikaner Jaime Harrison, sitzt ihm im Nacken.

Zukunft der "Gig Economy"

Ihre einzige realistische Chance auf einen zusätzlichen Senatorenposten haben die Republikaner im erzkonservativen Südstaat Alabama, der nur durch einen "politischen Betriebsunfall" einen demokratischen Senator bekommen hat. Doug Jones setzte sich 2017 gegen den Republikaner Roy Moore durch, den Missbrauchsvorwürfe politisch untragbar gemacht hatten. Nun liegt Jones in den Umfragen deutlich hinter seinem Herausforderer, den Ex-Football-Coach Tommy Tuberville.

Bei all dem wird leicht vergessen, dass es am heutigen Wahltag nicht nur um den künftigen US-Präsidenten und den Kongress, sondern in den einzelnen Bundesstaaten auch um zahlreiche Gesetzesinitiativen geht. So stehen beispielsweise in manchen Staaten das Recht auf Abtreibung, die Legalisierung von Marihuana und die erlaubte Konsumation von "Magic Mushrooms" zur Abstimmung.

In Kalifornien geht es mit der "Proposition 22" um die Rechte von Arbeitenden und damit um den Kern der "Gig-Economy". Die Fahrdienstvermittler Uber und Lyft wollen ihre Fahrer nicht anstellen. Denn dann hätten diese das Anrecht auf gewisse Sozialleistungen wie eine Arbeitslosigkeitsversicherung und Mindestlohn, Lohnfortzahlung bei Krankheit und Recht auf Entschädigung bei Arbeitsunfällen.

Trump-Fans in Florida: Nicht ganz klar ist, wie viele Anhänger der US-Präsident wirklich hat. - © afp/Readle
Trump-Fans in Florida: Nicht ganz klar ist, wie viele Anhänger der US-Präsident wirklich hat. - © afp/Readle

Ein Gesetz, das mit 1. Jänner in Kalifornien in Kraft getreten ist, regelt genau, wer angestellt werden muss und wer als selbständiger Unternehmer gilt. Die Konzerne Uber und Lyft argumentieren, Anstellungen kämen ihnen zu teuer und würden ihr Geschäftsmodell ruinieren.

Mit 190 Millionen US-Dollar (161 Millionen Euro) betreiben die Konzerne eine Kampagne "YES 22" - "Ja zu 22". Neben den Fahrdienstvermittlern Uber und Lyft unterstützen auch die Unternehmen DoorDash, Instacart und Postmates, alles Liefer- und Abholdienste auf App-Basis, die Initiative. Damit ist es die teuerste Kampagne für eine Gesetzesinitiative in Kaliforniens Geschichte. Die Gegner der Vorlage, hauptsächlich die Gewerkschaften, hatten hingegen nur 16 Millionen Dollar für ihre Kampagne zur Verfügung, berichtet die Zeitung "Los Angeles Times".

Dabei gehen die Fronten teilweise auch quer durch die Demokratische Partei: Es gibt überzeugte Demokraten, die den Forderungen der Konzerne positiv gegenüberstehen.