Unter den zahllosen Solidaritätsbekundungen ausländischer Politiker nach dem Terroranschlag in Wien zählte jene von Emmanuel Macron zu den ersten. Frankreichs Präsident erklärte im Kurznachrichtendienst Twitter auf Deutsch: "Wir Franzosen teilen den Schock und die Trauer der Österreicher."

Die Reaktion Macrons kommt nicht von ungefähr, wurde Frankreich im vergangenen Monat gleich zwei Mal von Terroranschlägen heimgesucht: Mitte des Monats enthauptete ein 18-Jähriger in Conflans-Sainte-Honorine nahe Paris den Lehrer Samuel Paty, der im Unterricht die Kontroverse um die Mohammed-Karikaturen thematisiert und Zeichnungen hergezeigt hatte. Kurz darauf wurden drei Menschen in der Basilika von Nizza ermordet. Alleine seit dem Jahr 2015 sind mehr als 250 Personen bei islamistischen Anschlägen in Frankreich ums Leben gekommen, so viele wie nirgends sonst in Europa.

Doch nach dem Mord an Paty herrscht nicht überall Solidarität mit dem toten Lehrer. Die islamische Tradition verbietet es nämlich, den Propheten Mohammed abzubilden, viele Gläubige sehen darin eine Gotteslästerung. Macron erklärte, Frankreich werde nicht auf Karikaturen und Zeichnungen verzichten, "auch wenn andere sich davon zurückziehen".

Keine Trennung zwischen Islam und Islamismus

Daraufhin wurde er vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan als "Kandidat für eine psychologische Behandlung" bezeichnet. Erdogan - Anhänger der Muslimbruderschaft - zieht im Gegensatz zu Macron keine Trennlinie zwischen Islamismus und Islam, für ihn ist die Kritik islamfeindlich. Diese Linie wie auch seine Aufrufe zum Boykott französischer Produkte verfolgen das Ziel, Erdogan als Verteidiger "des Islams" und "der Muslime" darzustellen. Die mit arabischen Staaten konkurrierende Türkei soll damit als "wahre Vertreterin" der Muslime dastehen. Die Botschaft wirkt: In Bangladesch, mit 160 Millionen Einwohnern das drittgrößte muslimische Land, demonstrieren zu Wochenbeginn 50.000 Menschen gegen Macron.

Der Zeitpunkt der Kontroverse kommt Erdogan höchst gelegen, lenkt er doch von seinen innenpolitischen Problemen ab. Die Wirtschaftskrise hat sich durch die Corona-Pandemie weiter verschärft, die Türkische Lira musste alleine heuer um 25 Prozent gegenüber dem Dollar abwerten.

Macron und Erdogan geraten aber auch andernorts aneinander: in Libyen, Syrien und im östlichen Mittelmeer, wo die Türkei nach Erdgas sucht und die Spannungen mit Zypern und Griechenland steigen. Frankreichs Präsident hat aber nicht vor, seine Linie zu verlassen: "Europa ist solidarisch, geeint und entschlossen", twittere er am Dienstag - wiederum auch auf Deutsch.(da)