Auch zwei Tage nach der US-Präsidentenwahl steht der Gewinner noch nicht fest. Für den demokratischen Herausforderer Joe Biden rückte ein Sieg näher. Doch in einigen US-Staaten, in denen die Auszählung der Stimmen noch lief, lagen er und der republikanische Amtsinhaber Donald Trump nach wie vor Kopf-an-Kopf. Die unklare Lage verschärfte die angespannte Stimmung in dem tief gespaltenen Land. In mehreren Städten zogen sowohl Trump- als auch Biden-Anhänger auf die Straßen.

Demonstranten in Portland fordern am Wahltag: "We don't want Biden - we want Revenge!" (Anm. "Wir wollen Biden nicht, wir wollen Rache"). - © APAweb / Reuters, Goran Tomasevic
Demonstranten in Portland fordern am Wahltag: "We don't want Biden - we want Revenge!" (Anm. "Wir wollen Biden nicht, wir wollen Rache"). - © APAweb / Reuters, Goran Tomasevic

Einige von ihnen trugen Waffen. Trump, der sich in einer auch international scharf verurteilten Rede bereits in der Wahlnacht zum Sieger erklärt hatte und den Demokraten Betrug vorwarf, ließ erste Klagen einreichen, mit denen er unter anderem die Auszählung in einzelnen Bundesstaaten stoppen lassen will, die auf der Kippe stehen.

OSZE: Keine Beeinträchtigungen

Der Leiter der Beobachtermission der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) für die US-Wahl erklärte dagegen, es seien keinerlei Regelverstöße festgestellt worden. "Es gab keine systemische Beeinträchtigung oder gar Manipulation", sagte der deutsche FDP-Politiker Michael Georg Link dem Sender inforadio vom RBB. Die Forderung Trumps, die Auszählung der Stimmen zu stoppen, bezeichnete er als einen Tabubruch.

Erste Proteste von Trump-Anhängern gab es gleichwohl unter anderem in Arizona, wo Biden nach verschiedenen Hochrechnungen hauchdünn in Führung lag, das offizielle Ergebnis aber noch auf sich warten ließ. Etwa 200 zum Teil mit Gewehren und Pistolen bewaffnete Demonstranten versammelten sich in der Nacht auf Donnerstag vor einem Behördengebäude in Phoenix, in dem Wahlzettel ausgewertet wurden.Anlass waren Gerüchte, wonach absichtlich Stimmen für Trump nicht ausgezählt wurden.

Die Menge, die sich mehreren bewaffneten Sheriffs gegenübersah, skandierte "Stoppt den Diebstahl" und "Zählt meine Stimme", aber auch "Schande über Fox". Der konservative Nachrichtensender Fox News und die Nachrichtenagentur AP hatten in der Wahlnacht einen Sieg Bidens in Arizona vermeldet, obwohl zu dem Zeitpunkt erst 70 Prozent der Stimmen ausgezählt waren.In Detroit wurden etwa 30 Menschen, die meisten von ihnen Republikaner, daran gehindert, ein Gebäude zu stürmen, in dem Stimmzettel ausgewertet wurden. In anderen Städten forderten wiederum Trump-Gegner, die Auszählung fortzusetzen. Festnahmen wurden unter anderem aus New York, Denver, Minneapolis und Portland gemeldet. Dutzende weitere Proteste im ganzen Land wurden bis Samstag angekündigt.

Wie ein Kandidat in einzelnen US-Staaten abschneidet, ist wichtig. Denn über den Sieger entscheidet letztlich nicht die Mehrheit der landesweit insgesamt abgegebenen Stimmen, sondern das Wahlkollegium. Dieses setzt sich aus sogenannten Wahlleuten zusammen, die jeder Bundesstaat abhängig von seiner Bevölkerungszahl stellt. In der Regel werden alle Wahlleute eines Bundesstaats dem Kandidaten zugeteilt, der in diesem Bundesstaat am stärksten abschneidet.

Ziel: 270 Wahlmännerstimmen

Für einen Sieg sind mindestens 270 Wahlleute nötig. Manche Agenturen und Sender veröffentlichen einen unterschiedlichen Stand im Rennen um das Weiße Haus. So rechnet beispielsweise die Nachrichtenagentur AP und der Sender Fox News bereits mit 264 der erforderlichen 270 Wahlmännerstimmen. ABC, CBS, CNN und NBC hingegen verbuchen für Biden 253 Stimmen. Bei Trump hingegen sind sich alle einig und geben ihm 213 Stimmen. Die elf Stimmen Unterschied erklären sich durch die Wahl in Arizona.

Im Fokus des Rennens standen vor allem noch fünf hart umkämpfte Staaten. Biden führte leicht in Nevada und Arizona, während Trumps knapper Vorsprung in Pennsylvania und Georgia dahinschmolz, je mehr die Auszählung der zahlreichen Briefwahlstimmen vorankam. Auch Trumps Führung in North Carolina fiel dünn aus. Er muss jedoch in allen diesen drei Staaten sowie entweder in Arizona oder Nevada gewinnen, um zu verhindern, dass er als erster Amtsinhaber seit George H.W. Bush 1992 nicht wiedergewählt wird.

Trump, der vor der Wahl in landesweiten Umfragen über Wochen hinter Biden lag und bereits da Zweifel an der Legitimität der Abstimmung geschürt hatte, brachte seine Anwälte in Stellung. Sie forderten einen Stopp der laufenden Auszählung in Michigan und Pennsylvania sowie in Georgia. In Wisconsin wiederum beantragten sie ob des knappen Ausgangs eine Neuauszählung.

Trump nimmt vor allem die Briefwahl ins Visier, die in diesem Jahr so viele Amerikaner wie noch nie nutzten, unter anderem um eine Ansteckung mit dem Coronavirus in Warteschlangen vor den Wahllokalen zu vermeiden. Umfragen zufolge machen vor allem Anhänger der Demokraten von der Briefwahl Gebrauch, während Republikaner bevorzugt klassisch am Wahltag selbst ihre Stimme abgeben. Da mit der Auszählung der Flut dieser Stimmzettel etwa in Pennsylvania erst am Wahltag selbst begonnen werden durfte, zieht sich die Auswertung hin.

Biden: Jede Stimme zählt

"Sie finden überall Biden-Stimmen, in Pennsylvania, Wisconsin und Michigan. So schlecht für unser Land", schrieb Trump auf Twitter. Biden forderte dagegen, jede Stimme zählen zu lassen. "Niemand wird uns unsere Demokratie wegnehmen, jetzt nicht und niemals."

Trotz der aufgeheizten Stimmung nach der US-Präsidentenwahl glaubt der Vizepräsident der Republicans Overseas in Europa, Roger Johnson, an einen friedlichen Machtübergang. Sollte am Ende Joe Biden als Wahlsieger feststehen, "wird es eine friedliche Übergabe der Macht geben", sagt Johnson am Donnerstag der APA.Der in der tschechischen Stadt Brünn (Brno) lebende US-Amerikaner äußerte aber auch Zweifel an der Korrektheit der Auszählung und kündigte Widerstand an: "Wir arbeiten ganz fest daran an nächsten Schritten." Was genau die Partei abgesehen von juristischen Schritten plant, wollte Johnson nicht sagen. Die Organisation von Demonstrationen durch Trump-Anhänger sei möglich, gewalttätige Ausschreitungen schloss er aus.

Johnson: "Schlamassel", Russland besorgt

Johnson ortete ein "Schlamassel" bei der Auszählung der Stimmen. So seien etwa in sieben Stadtteilen der Hauptstadt von Wisconsin mehr Wahlstimmen für Biden abgegeben worden, als überhaupt Wähler registriert seien und in Pennsylvania seien die Wahlgesetze nur wenige Monate vor der Wahl geändert worden. "Es sind nur Indizien und Vermutungen, bis jetzt ist nichts bewiesen, aber es ist ganz schön komisch", so Johnson. In den meisten Wählerlisten gebe es ein "Riesen-Gulasch", weil sie nicht aktuell seien. "Das ist ein offenes Tor für Spielereien", sagt der 15 Jahre in Deutschland stationierte frühere US-Militär.Russland äußert sich besorgt über die andauernde Hängepartie in den USA. Der Mangel an Klarheit nach der Präsidentenwahl könnte negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und die globale Entwicklung insgesamt haben, erklärt das Präsidialamt in Moskau. (apa, dpa)