Der Konflikt in der Region Tigray in Äthiopien könnte nach Angaben der UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, "total außer Kontrolle" geraten. Obwohl Kommunikationswege in Tigray gekappt wurden, gebe es Berichte über zunehmende Luftangriffe der Regierungskräfte und schwere Kämpfe am Boden, teilte Bachelet am Freitag mit.

Sollten die beiden Seiten den Konflikt fortsetzen, könnte dies zu großen Opferzahlen und Zerstörung sowie zu einer Massenflucht innerhalb Äthiopiens und in Nachbarländer führen, so Bachelet. Äthiopiens Regierung hatte nach Monaten der Spannungen zwischen Addis Abeba und der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) jüngst eine Offensive gegen die Rebellengruppe und die Regierungspartei von Tigray begonnen. Über die Lage vor Ort ist wenig bekannt, da Internet, Telefonverbindungen und Strom gekappt und Straßen blockiert sind.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sprach aber von Berichten, denen zufolge bei einem Massaker in einem Ort im Westen von Tigray Hunderte Menschen getötet worden sein sollen. Die Leichen trügen klaffende Wunden, die offenbar von scharfen Waffen wie Messen und Macheten stammten, erklärte Amnesty. Wer für den Angriff verantwortlich war, konnte die Organisation nach eigenen Angaben zunächst nicht herausfinden.Laut Augenzeugen soll der Überfall von Verbänden verübt worden sein, die mit der Regierungspartei in Tigray, der Volksbefreiungsfront TPLF, verbündet sind.Die UNO forderte daraufhin eine unabhängige Untersuchung zur Aufklärung möglicher Kriegsverbrechen

Die TPLF war die dominante Partei in der Parteienkoalition, die Äthiopien mehr als 25 Jahre lang mit harter Hand regierte. Dies änderte sich, als der jetzige Präsident Abiy Ahmed 2018 an die Macht kam und im Zuge von Reformen Funktionäre der alten Garde entfernte und eine neue Partei gründete. Die TPLF und viele Menschen in Tigray fühlen sich von der Zentralregierung nun an den Rand gedrängt und fordern eine größere Autonomie. Abiy - der im Vorjahr wegen seiner Versöhnungspolitik mit Eritrea den Friedensnobelpreis erhielt - hat angekündigt, dass der Konflikt bald beendet sein wird. Allerdings ist die TPLF bestens ausgerüstet und soll bis zu 250.000 Kämpfer unterhalten. Viele poltische Beobachter warnen bereits vor einem Desaster: Nämlich dass der regionale Konflitk in dem Vielvölkerstaat mit 110 Millionen Einwohnern sich zum Flächenbrand ausweitet und Äthiopien in einen Bürgerkrieg abgleitet. (apa, dpa, red)