Mit einem Festakt erinnert Nürnberg  an den 75. Jahrestag des Beginns der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, Ehrengast ist Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Die Veranstaltung wird im Internet übertragen, zu sehen sind unter anderem Videobeiträge von Zeitzeugen.

Am 20. November 1945 stellten die Alliierten ranghohe Nazi-Kriegsverbrecher, darunter Hermann Göring und Rudolf Hess, vor ein internationales Strafgericht. Der Prozess wird heute als "juristischer Urknall" bezeichnet, er gilt als Wegbereiter des Völkerstrafrechts und der internationalen Strafgerichtshöfe. Erstmals überhaupt wurden Politiker für ihre Machenschaften persönlich strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen.

22 Männer saßen 1945 auf der Anklagebank, verantworten mussten sich Hermann Göring, Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß und NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop. Angeklagt auch Arthur Seyss-Inquart, vor dem Anschluss  österreichischer Innenminister, nach Schuschniggs Rücktritt Bundeskanzler, dann Reichsstatthalter der Ostmark und ab 1940 Reichskommissar für die besetzte Niederlande. Vor dem Gerichtshof  auch der Österreicher Ernst Kaltenbrunner, Leiter des berüchtigten  Reichssicherheitshauptamtes. Die Anklagepunkte lauteten auf Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Zugehörigkeit zu Verbrechervereinigungen. Darunter fielen Leitungsfunktionen bei der NSDAP, der SS oder der Gestapo.

Keine Reue

Heraus kamen am Ende zwölf Todesurteile. Zehn von ihnen wurden am 16. Oktober 1946 in der Sporthalle des Nürnberger Zellengefängnisses vom US-Henker John Woods vollstreckt. Unter den Hingerichteten befanden sich auch Seyss-Inquart und Kaltenbrunner.  Der Leiter der NS-Parteikanzlei, Martin Bormann, war in Abwesenheit verurteilt worden und hatte - wie erst später endgültig geklärt werden konnte - schon am 2. Mai 1945 Selbstmord begangen. Seine Leiche wurde 1972 bei Bauarbeiten in Berlin gefunden. Abwesend auch Robert Ley, Reichsleiter der NSDAP, der vor Beginn des Prozesses am 25. Oktober im Gefängnis Selbstmord begangen hat.

Göring vergiftete sich wenige Stunden vor der  geplanten Hinrichtung in seiner Zelle. Sein Antrag, erschossen statt erhängt zu werden, war abgelehnt worden. Woher er das Gift hatte, ist bis heute ungeklärt. Die ehemalige Nummer zwei in der NS-Hierarchie zeigte während des Prozesses keine Reue, er wollte als Märtyrer in die Geschichte eingehen. Hitlers Reichsmarschall war der Überzeugung, dass er später in einem Marmorsarg von den Deutschen verehrt würde. Wer unter den Mitangeklagten nur leiseste Kritik am NS-System äußerte, war für ihn ein Verräter. Als Göring am 20. November 1945 den Gerichtssaal betrat, meinte er gut hörbar " (…) ich wünschte, wir hätten alle die Courage, unsere Verteidigung auf vier einfache Worte zu beschränken: Leckt mich am Arsch".

Andere gaben sich schuldbewusst, etwa der Generalgouverneur der besetzten polnischen Ostgebiete, Hans Frank: "Wir haben den Kampf gegen das Judentum jahrelang geführt, und wir haben uns in Äußerungen ergangen - und mein Tagebuch ist mir selbst als Zeuge gegenübergetreten -, die furchtbar sind. (…) Tausend Jahre werden vergehen und diese Schuld von Deutschland nicht wegnehmen", so Frank.

Sieben der Angeklagten erhielten langjährige, teils lebenslange Haftstrafen, die sie in Berlin-Spandau absaßen. Rudolf Heß war jahrelang der einzige und letzte Häftling - er erhängte sich im Alter von 93 Jahren im Jahr 1987.

Holocaust nur am Rand Thema

Historiker zogen später ein gemischtes Fazit: So verstärkte der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess in Deutschland und Österreich die Tendenz, Schuld für NS-Verbrechen auf einige wenige Spitzenfunktionäre zu schieben und ansonsten einen schnellen Schlussstrich zu fordern. Auch blieben die Prozesse der Alliierten für viele willkürliche "Siegerjustiz". Dazu kam noch, dass die Ankläger den Kern des Verfahrens auf die Vorwürfe der Verschwörung gegen den Frieden legten, weil sie vor allem auf einen außenpolitischen Abschreckungseffekt setzten. Die Judenvernichtung wurde als ein Menschheitsverbrechen unter vielen eingeordnet. Tatsächlich wurde die Monstrosität des Holocausts in der breiten Öffentlichkeit erst ab den 1960er Jahren realisiert.

Immerhin: Überall, wo heute in international besetzten Gerichten etwa Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt werden, gehen die Rechtsgrundlagen auf Nürnberg zurück. In Den Haag, wo unter anderem Jugoslawiens Ex-Staatschef Slobodan Milosevic auf der Anklagebank saß, genauso wie im afrikanischen Ruanda.