Er kündigt ein schnelles Ende an: Der äthiopische Regierungschef und Krieg-führende Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed hat verlautbart, dass die finale Phase der Militäroffensive in der Region Tigray beginne. Und seine Regierung drohte der Zivilbevölkerung, dass sie sich besser schnell von der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) lossagen sollte - andernfalls drohe auch ihr Gewalt. Doch ob die Armee die TPLF tatsächlich schnell besiegen kann, ist fraglich - gelten doch die TPLF-Kämpfer als erfahren und gut ausgebildet. Zudem ist das oft bergige Gelände in Tigray laut Militärexperten nur schwer einzunehmen.

Abiy scheint aber alles auf diese Karte zu setzen und will offenbar den schon lange schwelenden Konflikt mit der TPLF am Schlachtfeld entscheiden. Eine Vermittlung von außen lehnt der 44-Jährige als Einmischung in interne Angelegenheiten ab. Dass die äthiopische Regierung am Mittwoch drei hochrangige Vertreter der Afrikanischen Union (AU) empfing, kann als Formalakt gewertet werden. Nach dem Motto: Jetzt haben wir mit euch einmal gesprochen, und nun lösen wir den Konflikt wieder auf unsere Weise.

Propaganda, aber keine Informationen

Aber auch die TPLF ist offenbar zu keinem Einlenken bereit - und war zunächst weit entfernt davon, wie von der Regierung gefordert, zu kapitulieren. Die Menschen der Region seien für die Verteidigung ihrer Heimat "bereit zu sterben", sagte Debretsion Gebremichael, der Anführer der TPLF, der Nachrichtenagentur AFP. Er wischte damit vorerst ein Ultimatum vom Tisch, das die Regierung der TPLF bis Mittwochabend gestellt hatte. Und auch wenn Teile der TPLF sich ergeben sollten, droht von anderen Verbänden ein Guerillakrieg.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Die TPLF und mit ihr Angehörige der Ethnie der Tigray haben lange Zeit zahlreiche entscheidende Posten in Politik, Verwaltung und Militär besetzt. Abiy hat die Vormachtstellung der Tigray gebrochen. Diese verloren an Einfluss und gingen deshalb in Opposition. Der Konflikt schaukelte sich immer mehr hoch, bis Anfang November die Armee in Tigray einmarschierte - wobei bis heute nicht ganz klar ist, ob nicht vorher die TPLF einen Militärposten überfallen hatte.

Wie überhaupt vieles unklar ist in diesem Konflikt. Was sich bei den Kämpfen genau abspielt, weiß kaum jemand von außerhalb. Internet- und Telefonverbindungen sind großteils gekappt, unabhängige Beobachter kommen nicht in die Region. Beide Seiten betreiben jedenfalls kräftig Propaganda und verkünden, dem Gegner herbe Verluste zugefügt zu haben. Erste Berichte von Massakern an der Zivilbevölkerung lassen das Schlimmste vermuten - wobei auch hier die genaue Täterschaft noch ungeklärt ist.

Humanitäre Katastrophe bahnt sich an

Humanitär bahnt sich eine immer größere Katastrophe an: Laut den wenigen Augenzeugenberichten, die nach außen dringen, ist in Tigray das Benzin knapp und sind Lebensmittel rationalisiert. Zudem ist bereits eine Fluchtbewegung im Gange.

Mehr als 40.000 Vertriebene wurden im angrenzenden Sudan schon gezählt, und die UNO geht davon aus, dass es bald 200.000 sein könnten. Schnelle internationale Hilfe ist nun notwendig, um den Ausbruch von Krankheiten und eine Ernährungskrise unter den Flüchtlingen zu verhindern. Für den Sudan selbst wird es schwer sein, die Ressourcen dafür aufzubringen. Nicht nur ist er selbst teils bitterarm, sondern das Land befindet sich nach jahrzehntelanger Diktatur auch in einer heiklen Übergangs- und Demokratisierungsphase, die viele Kapazitäten bindet.

Auch nach Eritrea ist der Äthiopien-Krieg bereits übergeschwappt, der Nachbarstaat wurde gar in die Kämpfe hineingezogen. Das arme aber hochmilitarisierte Eritrea hatte sich 1993 die Unabhängigkeit von Äthiopien erkämpft, danach haben sich die beiden Staaten Grenzkonflikte geliefert. Für die Aussöhnung mit Eritrea erhielt Abiy den Friedennobelpreis. Nun wirft ihm die TPLF vor, dass Eritreas Armee an seiner Seite kämpft. Dies sei auch der Grund gewesen, warum die TPLF Raketen Richtung Eritrea abgefeuert habe.

Äthiopien zieht Soldaten aus Somalia ab

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell warnte bereits, dass die Kämpfe in Äthiopien ganz Ostafrika zu destabilisieren drohen und forderte ein Ende der Feindseligkeiten. Äthiopien ist einer der wichtigsten Verbündeten des Westens im Anti-Terror-Kampf und - mit Kenia - der einflussreichste Staat in der Region.

So hat die Regierung in Addis Abeba UN-Blauhelme in den Südsudan entsandt und äthiopische Militärs sind ein wichtiger Bestandteil der Mission der Afrikanischen Union (AU) in Somalia. Im Südsudan ist nach jahrelangem Bürgerkrieg ein äußerst fragiler Waffenstillstand in Kraft - wobei aber immer wieder regionale Kämpfe aufflammen. Und in Somalia führt die radikal-islamitische Miliz Al Shabaab schon seit Jahren mit Selbstmordattentaten und Militäroffensiven einen blutigen Kampf gegen den Staat.

Auch hier zeigen sich schon Spuren der inneräthiopischen Krise. In Somalia hat Äthiopien offenbar hunderte Soldaten nach Hause beordert und auch aus dem Südsudan wurden drei Blauhelme abgezogen. Es handelt sich dabei um Tigray, denen Verbindungen zur TPLF vorgeworfen werden.

Ostafrika ist eine fragile Region mit zahlreichen Konflikten, die immer wieder in Kämpfen münden. Äthiopien galt bisher als ein starker Staat, der die Möglichkeit besitzt, in andern Ländern zu intervenieren. Nun droht aber Äthiopien selbst in einem Strudel der Gewalt zu versinken.