Genau weiß keiner, wie wichtig der bei einem Anschlag getötete Atomforscher  Mohsen Fakhrizadeh für den Iran gewesen ist. "Diejenigen, die seine genaue alltägliche Rolle bei den nuklearen Aktivitäten des Iran wirklich verstanden haben, reden nicht", schrieb der Experte Karim Sadjadpour vom US-Institut Carnegie Endowment for International Peace auf Twitter. "Und diejenigen, die reden, wissen es nicht."

Dem Iran war offenbar klar, dass der Mann, der von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu einst als Vater des iranischen Atomprogramms bezeichnet wurde, eine Zielscheibe war. "Wir wussten, dass ihm bei mehreren Gelegenheiten ein Attentat angedroht worden war und dass er verfolgt wurde", sagte Verteidigungsminister Amir Hatami.

Nach offiziellen Angaben war der 59-jährige Atomwissenschaftler, der am Freitag bei einem gezielten - und technisch offenbar höchst ausgeklügelten - Anschlag nahe Teheran getötet wurde, Leiter der Forschungs- und Innovationsabteilung des iranischen Verteidigungsministeriums. Laut Hatami war der Forscher der ranghöchste Beamte, der "die Atomverteidigung leitete". Er habe "eine bedeutende Rolle bei Innovationen im Verteidigungsbereich" gespielt.

In Israel, dem Erzfeind Teherans, und den USA wird ein etwas anderes Bild von dem Wissenschafter mit Brille gezeichnet: US-Medien bezeichnen ihn als "das Ziel Nummer eins" des israelischen Geheimdienstes Mossad und als "Kopf des iranischen Atomprogramms", dessen Existenz Teheran vehement abstreitet. Für den Iran stecken Israel, die USA und die Exil-Oppositionsbewegung der Volksmujaheddin hinter dem Anschlag.

Bilder, die nach Fakhrizadehs Tod veröffentlicht wurden, zeigen ihn 2019 bei einem Zusammentreffen mit dem obersten geistlichen Führer des Irans, Ayatollah Ali Khamenei - ein Indiz für seine mögliche Stellung im iranischen Machtgefüge. Es werde "wahrscheinlich Monate, wenn nicht Jahre dauern, um die volle Tragweite seines Todes zu ermessen", schrieb Carnegie-Experte Sadjadpour weiter.

Vom UN-Sicherheitsrat mit Sanktionen belegt

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) verdächtigte Fakhrizadeh, seit Anfang der 2000er Jahre "Aktivitäten zur Unterstützung einer möglichen militärischen Dimension des Atomprogramms" zu leiten, die nach Angaben der UN-Organisation Ende der 1980er Jahre begonnen hatten. Im März 2007 wurde Fakhrizadeh zusammen mit anderen "Personen, die an nuklearen oder ballistischen Raketenaktivitäten" für den Iran beteiligt waren, vom UN-Sicherheitsrat mit Sanktionen belegt. In der Resolution 1747 des Sicherheitsrates wurde er als "leitender Wissenschafter" des Verteidigungsministeriums und "ehemaliger Leiter des Forschungszentrums für Physik" bezeichnet. Eine Befragung des Forschers durch die IAEO/IAEA lehnte der Iran ab.

Die Sanktionen gegen Fakhrizadeh wurden im Zuge des internationalen Atomabkommens mit dem Iran 2015 aufgehoben. Unter US-Präsident Trump traten die USA jedoch 2018 einseitig aus dem Abkommen aus. Seither verhängte Washington zahlreiche neue Sanktionen gegen Teheran - auch gegen Fakhrizadeh. Der Iran rückte seinerseits schrittweise von dem Vertrag ab.

Laut Irans Vizepräsident Ali Akbar Salehi, der auch die Atomorganisation des Irans (AEOI) leitet, promovierte Fakhrizadeh in "Atomphysik und -technik" und promovierte bei Fereydoon Abbasi-Davani, einem ehemaligen Leiter der AEOI, der selbst ein Attentat im Jahr 2010 überlebte. Abbasi-Davani nannte den getöteten Wissenschafter einen "engen Freund", mit dem er "34 Jahre enger beruflicher Zusammenarbeit" teilte. Beide hätten während des Iran-Irak-Krieges 1980 bis 1988 Seite an Seite an der Front gekämpft.

Im Gespräch mit den staatlichen Medien sagte Abbasi-Davani, Fakhrizadeh habe "in allen Bereichen gearbeitet, um die atomaren Aktivitäten des Landes zu unterstützen", insbesondere die Urananreicherung. Er beschrieb ihn als "einen fähigen Manager und angesehenen Wissenschafter, der auf dem Gebiet der Wissenschaft und Technologie in den gleichen Rang wie der Märtyrer Soleimani erhoben werden kann". Der iranische Spitzengeneral Qassem Soleimani war im Jänner bei einem US-Drohnenangriff im Irak getötet worden. Die Tötung führte beide Länder an den Rand eines Krieges. (apa,afp)