Viele Länder haben die Corona-Krise bisher besser gemeistert, als im Frühjahr befürchtet wurde - insbesondere in Afrika. Doch die sogenannten sekundären Folgen der Pandemie bereiten große Probleme: Lebensmittelpreise steigen, Jobs im informellen Sektor fallen weg, Transportengpässe entstehen. Und Geberländer, die hohe Corona-Kosten daheim stemmen müssen, zeigen sich bei Hilfszahlungen zurückhaltend.

Dabei ist Unterstützung dringend gefragt: 235 Millionen Menschen werden im kommenden Jahr auf humanitäre Hilfe angewiesen sein. Laut dem vom UN-Nothilfebüro veröffentlichten Bericht "Global Humanitarian Overview" bedeutet das einen Anstieg um 40 Prozent im Vergleich zu Beginn des heurigen Jahres. Damals befanden sich 170 Millionen Menschen aufgrund von Krisen, Konflikten oder Naturkatastrophen in einer akuten Notlage, die sie aus eigener Kraft nicht mehr bewältigen konnten. Ihnen gilt es, Zugang zu Nahrung, Wasser und sanitären Einrichtungen zu ermöglichen.

"Die Krise ist noch lange nicht vorbei", warnt auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres angesichts der positiven Nachrichten der vergangenen Tage, vor allem in Bezug auf einen baldigen Impfstoff. Im Gegenteil, erstmals seit den 1990er Jahren werde die Zahl der Menschen steigen, die extrem arm seien. Als solcher gilt, wer mit 1,90 Dollar pro Tag oder weniger auskommen muss.

Hilfe droht kriminalisiert zu werden

Besonders betroffen sind laut den Vereinten Nationen Syrien, Afghanistan, die Demokratische Republik Kongo, Äthiopien und der Jemen. Dabei sticht die Lage in einem Land auf der Arabischen Halbinsel hervor: Im Jemen hat sich zusammengebraut, was Beobachter als "perfekten Sturm" beschreiben: ein bewaffneter Konflikt mit inzwischen 128.000 Kriegstoten sowie 131.000 weiteren Opfern, die wegen eines Mangels an Lebensmitteln oder der schlechten Gesundheitsversorgung gestorben sind. Drei Viertel der Bevölkerung leben gemäß Schätzungen der Weltbank in Armut. Dazu kommen neben dem Coronavirus eine kollabierte Wirtschaft, Cholera, knappes Trinkwasser und Überschwemmungen.

Im Bürgerkrieg zwischen der Regierung und den schiitischen Houthi-Rebellen - der auch ein Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran ist - haben die Houthis im Nordjemen faktisch einen Staat im Staat errichtet. In den von ihnen kontrollierten Gebieten leben bis zu 80 Prozent der Bewohner des gesamten Landes. Der scheidende US-Präsident Donald Trump plant, dass die schiitische Miliz als Terrororganisation eingestuft werden soll, schreibt das Magazin "Foreign Policy".

Damit würde jedoch die Arbeit von Organisationen wie dem UN-Welternährungsprogramm, Care, Oxfam oder dem UN-Flüchtlingshilfswerk vor Ort schwierig bis unmöglich. "Ich könnte für schlichte humanitäre Hilfe kriminalisiert oder strafrechtlich verfolgt werden", sagt Sultana Begum, die für die Norwegische Flüchtlingshilfe (NRC) in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa arbeitet. "Humanitäre Arbeit im Jemen könnte faktisch illegal werden."

NRC und andere Organisationen müssen mit den Houthis verhandeln, um etwa Lebensmittel, Wasser oder Medizin ins Land bringen und sich dort sicher bewegen zu können. Die Helfer bereiten sich schon auf den Ernstfall vor. Die UN ließen Berichten zufolge einige US-amerikanische Mitarbeiter aus dem Jemen evakuieren, um sie vor den Houthis zu schützen. Noch aber hoffen NRC und andere Organisationen auf eine Ausnahmegenehmigung der US-Regierung, sollten die Houthis auf der Terrorliste landen.

Große Sorge vor Hungersnot im Jemen

Mit einer derartigen Einstufung könnte auch der Strom von Geld, Benzin und Nahrung aus dem Ausland - der Jemen importiert 90 Prozent seiner Lebensmittel - versiegen und eine Hungersnot näher rücken. Die Situation erinnert an Somalia im Jahr 2008, als die USA die radikalsunnitische Miliz Al-Shabaab zur Terrororganisation erklärten. Aus Sorge vor US-Sanktionen haben Hilfsorganisationen daraufhin von bestimmten Gebern kein Geld mehr angenommen. 2010 bis 2012 folgte eine Hungersnot, dabei starben mehr als eine Viertelmillion Menschen. Eine Katastrophe möglicherweise noch schlimmeren Ausmaßes könnte auch im Jemen drohen, fürchtet Guterres.

Hilfszahlungen bleiben bereits jetzt aus. Von den benötigten 3,4 Milliarden Dollar für heuer fehlt im Jemen immer noch mehr als die Hälfte. Global gab es mit 17 Milliarden Dollar zwar einen Rekordbetrag. Die UN betonen jedoch, dass sie weniger als die Hälfte der eigentlich benötigten 35 Milliarden Dollar aufgebracht habe. Mehr finanzielles Engagement aller Länder und Geber, die wirtschaftlich dazu in der Lage sind, forderte Deutschlands Außenminister Heiko Maas am Dienstag ein.

Die Bundesrepublik leistet unter den europäischen Staaten den größten Beitrag humanitärer Hilfe; 2,7 Milliarden Euro waren es im vergangenen Jahr. Mehr gaben weltweit nur die Türkei und die USA. Österreichs Beitrag fiel mit knapp 95 Millionen Euro deutlich geringer aus als jener vergleichbarer europäischer Staaten. Die Schweiz gab 423 Millionen Euro, Dänemark 601 Millionen Euro und Schweden sogar 965 Millionen Euro. (apa/reu/dpa/da)