Dass es keine Beweise für seine Behauptungen gibt, ficht Donald Trump nicht an. Erneut verkündet er in einem Video, dass ihm die Präsidentenwahl von den Demokraten gestohlen wurde. "Das ist vielleicht die wichtigste Rede, die ich je gehalten habe", sagt Trump. Doch er präsentiert nichts Neues, sondern nur alte Vorwürfe, die durch ständiges Wiederholen nicht wahrer werden.

Mittlerweile distanzieren sich selbst die einst Loyalsten der Loyalen von Trump. Es gebe keine Belege dafür, dass es Betrug in einem Maße gegeben habe, der das Wahlergebnis und damit den Sieg von Joe Biden in Frage stellt, sagte nun Justizminister William Barr. Trotzdem hält Trump unbeirrt an seiner Erzählung fest. Als Erklärung für sein Verhalten reicht wahrscheinlich nicht aus, dass sein Selbstbild Niederlagen nicht vorsieht.

Es ist auch eine typische Taktik für jemanden, der Prozesse führt. Es sind noch Klagen von Trumps Anwälten anhängig, und so lange das so ist, wird der einstige Reality-TV-Star den Teufel tun, irgendetwas zu unternehmen oder sagen, was die Grundlage seiner Klagen, also die Betrugsvorwürfe, in Frage stellt. Zudem hat der Immobilientycoon schon in seiner Zeit als Geschäftsmann von seinen Staranwälten gelernt: Egal ob es stimmt, wenn du Anschuldigungen und Angriffe auf deine Gegner nur oft genug wiederholst, bleibt etwas hängen.

Und hier setzt nun eine weitere Spekulation an, die durch internationale Medien geistert: Dass Trump zum Abschluss seiner Präsidentschaft den ultimativen Deal will. Denn als gewesener Präsident verliert er mit der Amtsübergabe an Biden seine Immunität. Und ihm droht viel juristisches Ungemach, angefangen von der Russland-Affäre rund um mögliche Manipulationen bei der Wahl vor vier Jahren bis hin zu seinen Steuerakten. Trumps Angebot an Biden würde dann lauten: Ich beruhige mich, und du ersparst mir Anklagen.

Abwegig ist diese Theorie nicht: Zuerst maximalen Druck aufbauen, um dann zu verhandeln und sich vielleicht zu einigen – so ging Trump auch als Geschäftsmann und immer wieder als Präsident vor.

Falls aber Trump bei den nächsten Präsidentenwahlen ein politisches Comeback plant oder das Feld für seinen Sohn Donald Trump jr.beziehungsweise Tochter Ivanka bereiten will, wird er an dem Opfermyhtos, an der gestohlenen Wahl festhalten. Und ganz abgesehen davon, ist Biden an den Rechtsstaat gebunden und kann Trump nicht einfach so begnadigen – auch wenn Trump, der sich ständig über politische Konventionen und Gepflogenheiten hinwegsetzt, das vielleicht anders sieht.

Biden hat jedenfalls verkündet, dass er die Spaltung der USA überwinden will. Doch ob ihm das gelingt, liegt nicht nur an ihm. Trump liegt wie ein Schatten über seiner anstehenden Präsidentschaft. Und dieser Medienprofi und begnadete Selbstvermarkter ist sich wahrscheinlich bewusst: Je lauter er gegen Biden anschreit, je mehr Anschuldigungen, und mögen sie noch so unwahr sein, er in den Raum stellt, desto mehr zieht er sein Lager in seine Wirklichkeit.