Nach einem Interregnum haben die OSZE-Mitgliedsstaaten beim Ministerrat am Freitag die Führungspositionen der Organisation neu besetzt. Mit der deutschen Spitzendiplomatin Helga Schmid kürte die in Wien beheimatete Organisation für Sicherheit für Zusammenarbeit in Europa (OSZE - https://www.osce.org) ein außenpolitisches Schwergewicht zur Generalsekretärin.

Die 59-Jährige war auch maßgeblich bei den Wiener Verhandlungen zum Iraner Atomdeal beteiligt. - © APAweb / AFP, Alex Halada
Die 59-Jährige war auch maßgeblich bei den Wiener Verhandlungen zum Iraner Atomdeal beteiligt. - © APAweb / AFP, Alex Halada

Die 59-Jährige gehört zu den profiliertesten deutschen Diplomatinnen; in der EU wird sie unter anderem wegen ihrer maßgeblichen Rolle bei der Aushandlung des in Wien abgeschlossenen Atomabkommens mit dem Iran geschätzt.

Frauen seien die besseren Verhandler, soll Schmid einmal gesagt haben. Als künftige OSZE-Chefin und erste Frau auf diesem Posten wäre vor allem ihre Fähigkeit zum Ausgleich gefragt: fortwährende Streitigkeiten zwischen den 57 Mitgliedstaaten haben der OSZE eine Führungskrise beschert.

An der Spitze der Organisation herrscht ein Machtvakuum, seit im Sommer die Verlängerung des Mandats des damaligen Generalsekretärs Thomas Greminger und dreier weiterer Spitzenvertreter am Widerstand einzelner Teilnehmerstaaten scheiterte.

Für Schmid, die am kommenden Dienstag ihren 60. Geburtstag feiert, würde die Berufung zur OSZE-Chefin den Eintritt in eine breitere internationale Öffentlichkeit bedeuten. Die höchste deutsche EU-Beamtin gilt als Kopfarbeiterin, die für Brüssel schon viele schwierige Verhandlungen geführt hat.

Bekannt für ihre Iran-Expertise

Wegbegleiter bescheinigten ihr gleichermaßen Sachkenntnis und Fingerspitzengefühl; der deutsche Bundespräsident und frühere SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier beschrieb sie als beharrliche und besonnene Persönlichkeit.

Untrennbar mit Schmids Namen verbunden ist für viele in Europa das internationale Atomabkommen mit dem Iran: Als damalige Vize-Generalsekretärin des EAD saß die für ihre Iran-Expertise bekannte Deutsche in Wien mit der Delegation aus Teheran am Verhandlungstisch. Seit dem Abschluss des Abkommens im Juli 2015 sitzt sie der gemeinsamen Kommission vor, die über die Einhaltung der Vereinbarungen wacht.

1960 in Dachau geboren, studierte Schmid von 1980 bis 1987 Romanistik, Literaturwissenschaft, Geschichte und Politik in München und Paris. 1988 trat sie in den auswärtigen Dienst ein, drei Jahre später wurde sie Pressesprecherin der deutschen Botschaft in Washington.

1994 wechselte Schmid als politische Referentin von Außenminister Klaus Kinkel (FDP) in die Zentrale des Auswärtigen Amtes nach Berlin. Kinkels Nachfolger Joschka Fischer (Grüne) machte sie zur Büroleiterin.

2006 wechselte Schmid nach Brüssel - zunächst als Direktorin der Strategieplanungs- und Frühwarneinheit des damaligen EU-Außenbeauftragten Javier Solana. Nach der Gründung des EAD im Jahr 2010 berief dessen erste Chefin Catherine Ashton die Deutsche zur Stellvertretenden Generalsekretärin für Politische Fragen. Die Entstehungsphase des EAD beschrieb Schmid als "einen der aufregendsten Momente meiner Karriere".

Im September schickte die deutsche Regierung Schmid ins Rennen um das Amt der OSZE-Generalsekretärin. Dort steht der Spitzendiplomatin die nächste große Herausforderung bevor.

Eine Vermittlung in aktuellen Krisen etwa in Weißrussland (Belarus) und im Südkaukasus ist der Sicherheitsorganisation zuletzt nicht gelungen. Ob sich das unter Schmid als Generalsekretärin ändern kann, hängt auch von der Bereitschaft der 57 Mitgliedstaaten ab, die Führungskrise an der Spitze der Organisation zu überwinden.

Die aus nordamerikanischen, europäischen und zentralasiatischen Staaten bestehende OSZE mit Sitz in Wien hat sich die Förderung von Stabilität, Frieden und Demokratie auf die Fahnen geschrieben. Entstanden ist die Organisation - damals unter dem Namen Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) - Anfang der 70er Jahre als Block-übergreifendes Forum für Dialog und Vertrauensbildung im Kalten Krieg. Heute entsendet die OSZE Wahlbeobachter, wacht über die Einhaltung von Menschenrechten und Pressefreiheit und engagiert sich bei der Verhütung und Überwindung von Konflikten. (apa,afp)