Berlin/Brüssel/Wien. Kurz nach Beginn der Impfkampagne gibt es in Großbritannien die ersten Komplikationen: Die britische Arzneimittelaufsicht hat dazu geraten, vorerst niemanden mit einer "signifikanten" Allergiegeschichte den Biontech-Pfizer-Impfstoff zu spritzen. Der Grund: Zwei Mitarbeiter des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS mit einer entsprechenden Vorgeschichte hätten nach ihrer Impfung am Dienstag allergische Reaktionen gezeigt und behandelt werden müssen.

Die Betroffenen seien allerdings sehr anfällig für Allergien. Die Behörde rät nun, einstweilen "niemanden zu impfen, der in der Vergangenheit signifikante allergische Reaktionen auf Impfstoffe, Arzneimittel oder Lebensmittel" hatte. Das sei eine reine Vorsichtsmaßnahme, wird betont.

In Deutschland hat indessen die Ständige Impfkommission (genannt Stiko) einen Entwurf für die Priorisierung von Personengruppen bei den Impfungen vorgelegt. Der Entwurf gilt für Österreichs Impfstrategie laut hiesigen Experten als eine Art Blaupause.

Der Plan der Stiko sieht eine Unterscheidung der zu impfenden Personengruppen vor. "Sehr hohe Priorität" genießen dabei Bewohner von Seniorenheimen, Menschen über 80 Jahre oder auch Personal in medizinischen Einrichtungen mit Kontakt zu Risikogruppen. Danach folgen unter anderem Menschen mit Vorerkrankungen und Personen in Asylbewerberunterkünften, danach Lehrer und Erzieher.

Norden sichert sich Zugang

"Gering erhöhte Priorität" genießen unter anderem Beschäftigte im Einzelhandel und in kritischer Infrastruktur (Feuerwehr, Polizei, Heer oder Müllentsorgung). Gesunde unter 60 Jahren, die in keine besonders zu schützende Gruppe fallen, werden zuletzt geimpft - wohl erst Mitte kommenden Jahres oder gar später.

Wesentlich länger auf eine wirkungsvolle Impfung warten müssen Menschen in den einkommensschwachen Ländern des "Globalen Südens". "Jene reichen Länder, die nur 13 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, haben sich schon jetzt mehr als die Hälfte der verfügbaren Impfdosen gesichert", sagt die Politologin Anna Holzscheiter von der TU Dresden der "Wiener Zeitung". Dabei drohen, wie die Expertin für globale Gesundheitspolitik betont, in vielen einkommensschwachen Ländern multiple Pandemien: Neben dem Kampf gegen das Covid-19-Virus hat man es dort oft auch mit Malaria, HIV oder Tuberkulose zu tun. "Durch den Lockdown werden jetzt oft wirtschaftliche Lebensadern unterbrochen, Malaria- und HIV-Mittel kommen nicht mehr an", erläutert Holzscheiter.

Um auch ärmeren Ländern Zugang zu Impfstoffen zu gewähren, hat die Weltgesundheitsorganisation WHO vor Monaten die Covax-Initiative gegründet, die diesen Staaten helfen soll, genügend Impfstoffdosen zu bekommen. Dutzende Länder haben sich der Initiative bisher angeschlossen, auch die EU hat ihre Unterstützung zugesagt und 400 Millionen Euro in den Topf eingezahlt. Covax verspricht den ärmeren Ländern genug Impfstoffdosen, um bis zu 20 Prozent der Bevölkerung zu impfen.

Für Marcus Bachmann von "Ärzte ohne Grenzen" ist das ein bescheidenes Ziel. "Dazu kommt, dass die Covax-Initiative derzeit nur zu 20 Prozent finanziert ist. Gegenwärtig könnte man also aufgrund der mangelnden Finanzierung nur 4 Prozent der Bevölkerung des Globalen Südens impfen", sagt der Einsatzleiter der Nichtregierungsorganisation. Damit könne man gerade einmal das Gesundheitspersonal schützen, nicht aber die Risikogruppen.

Kosten ein Problem

Ein weiteres Problem für die ärmeren Länder seien laut Bachmann die hohen Kosten der Impfstoffe. "Die vereinbarten Preise werden in den Verträgen zwar nicht offengelegt. Wenn man sich aber ansieht, wie viel Geld die EU jetzt in die Hand nimmt, um bis zu zwei Milliarden Impfstoffdosen zu bestellen, kommt man auf Kosten pro Dosis, die sehr hoch sind", analysiert Bachmann. "Die Industrieländer können sich das noch irgendwie leisten. Die einkommensschwachen Länder nicht."