Der Kreml hat dem vergifteten Moskauer Oppositionspolitiker Alexej Nawalny nach dessen Anschuldigungen gegen den russischen Geheimdienst FSB "Größenwahn" und "Verfolgungswahn" vorgeworfen. "So muss man sich wahrscheinlich dazu verhalten", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag der Agentur Interfax zufolge.

Nawalny hatte FSB-Agenten vorgeworfen, sie hätten ihn jahrelang verfolgt und dann im August in der sibirischen Stadt Tomsk mit einem Nervengift der Nowitschok-Gruppe vergiftet. Der chemische Kampfstoff ist international verboten. Nawalny hatte zudem am Montag ein Telefonat veröffentlicht, in dem er nach eigener Darstellung mit einem FSB-Agenten über den Mordanschlag spricht. Demnach räumte der mutmaßliche Agent die Tat ein und nannte Details des Verbrechens, die von vielen Beobachtern in Russland als glaubwürdig eingestuft wurden. Der FSB hatte den Mitschnitt allerdings als eine "Fälschung" bezeichnet.

Peskow sagte, Nawalny versuche mit seinen Veröffentlichungen, dem Ansehen des FSB zu schaden. "Der FSB erfüllt nach der Verfassung eine sehr wichtige Rolle: Er schützt uns vor Terrorismus, vor Extremismus und vor verschiedenen tödlichen Gefahren", so Peskow. "Diese Rolle erfüllt der FSB sehr gut und sehr effektiv." Politologen hingegen nannten Nawalnys Veröffentlichungen eine beispiellose Bloßstellung des FSB.

Kremlchef Wladimir Putin hatte in der vergangenen Woche in einer Reaktion auf die Mordvorwürfe nahegelegt, dass Nawalny zu unbedeutend für einen Giftanschlag sei. Putin sagte am Donnerstag: "Wenn das jemand gewollt hätte, dann hätte er das auch zu Ende geführt." Der russische Präsident hatte auch mehrfach darauf hingewiesen, dass er selbst Nawalnys Rettungsflug nach Deutschland zur Behandlung in der Berliner Charité genehmigt hatte.

Russland hat im Fall des vergifteten Oppositionspolitikers Alexej Nawalny gegen weitere EU-Vertreter Einreiseverbote verhängt. Die Erweiterung der Liste sei eine Antwort auf die Sanktionen gegen das Land. Das russische Außenministerium habe zwar keine Personen genannt, meldete die Nachrichtenagentur Tass am Dienstag. Es habe aber hochrangige Diplomaten der Botschaften Deutschlands, Frankreichs und Schwedens einbestellt, um über den Schritt zu informieren. Die EU hatte im Oktober vor allem auf Druck der Regierungen in Berlin und Paris Sanktionen gegen Personen im Umfeld von Russlands Präsident Wladimir Putin verhängt.

Mutmaßlicher Täter soll gestanden haben

Der Oppositionelle veröffentlichte am Montag auf Youtube den Mitschnitt eines Telefonats mit einem angeblichen Agenten des russischen Inlandsgeheimdiensts FSB, der darin den Anschlag einräumte. Nawalny gab sich in dem Gespräch als Assistent des Chefs des russischen Sicherheitsrats aus, um das Vertrauen des FSB-Mitarbeiters zu gewinnen.

Der Anruf erfolgte im Zuge einer Recherche mehrerer Medien, darunter des Nachrichtenmagazins "Spiegel". Demnach war ein "Killerkommando" des FSB jahrelang auf Nawalny angesetzt gewesen. Nawalny war im August auf einem Inlandsflug in Sibirien zusammengebrochen. Die Befunde mehrerer westlicher Labore wiesen später in seinem Organismus den Kampfstoff Nowitschok nach. Der mutmaßliche FSB-Mann sagte in dem nun veröffentlichten Telefonat, das Gift sei an der Innenseite von Nawalnys Unterhose angebracht gewesen.

Der 44-jährige Oppositionelle habe wohl nur deshalb überlebt, weil der Flug nicht lange genug gedauert habe und Sanitäter ihn so schnell versorgt hätten, erzählte der Mann. Als Nawalny zusammenbrach, brachte der Pilot das Flugzeug in Omsk auf den Boden, wo der Kremlgegner ins Krankenhaus gebracht wurde. Eine solche "Verkettung von Ereignissen" sei "der schlimmste Faktor, der bei unserer Arbeit passieren kann", meinte der Mann am Telefon.

Nawalny hatte seinem Gesprächspartner am 14. Dezember erklärt, dass er für Sicherheitsratschef Nikolai Patruschew das missglückte Attentat aufarbeiten müsse. Er führte das Telefonat von Deutschland aus, weil er sich dort nach einer wochenlangen Behandlung in der Berliner Charité noch zur Reha aufhält, um wieder zu Kräften zu kommen.

FSB spricht von Fälschung

Der FSB reagierte am Abend auf die Veröffentlichung: Es handle sich um eine Fälschung, teilte der Geheimdienst nach Angaben der Staatsagentur Ria Novosti mit. Die "sogenannten Untersuchungen" Nawalnys seien eine "geplante Provokation zur Diskreditierung des russischen FSB". Es würden Ermittlungen eingeleitet.

Nawalny hatte Präsident Wladimir Putin immer wieder als Drahtzieher des Auftragsmordes bezeichnet. An der Wohnadresse des bloßgestellten Tatverdächtigen in Moskau gab es ein großes Polizeiaufgebot, wie Nawalnys Mitarbeiterin Ljubow Sobol bei Twitter zeigte. Später am Abend wurde Sobol festgenommen, auch das filmte sie. Auf dem Video ist außerdem zu sehen, dass mehrere Journalisten vor Ort waren.

In der vergangenen Woche hatten mehrere Medien Rechercheergebnisse veröffentlicht, denen zufolge mindestens acht russische Geheimdienstagenten den Anschlag auf Nawalny verübt haben sollen. Auf seiner großen Jahrespressekonferenz sprach Präsident Putin anschließend zwar von einer Beobachtung Nawalnys durch russische Geheimdienstler - eine Vergiftung wies er aber klar zurück. "Wenn das jemand gewollt hätte, dann hätte er das auch zu Ende geführt", sagte Putin.

Nawalny selbst, sein Stab, aber auch viele Experten werteten bereits diese Worte Putins als Teilgeständnis. Russland hatte eine Vergiftung des Putin-Gegners bestritten und erklärt, alle Nowitschok-Vorräte vernichtet zu haben. Teile der russischen Führung warfen sogar westlichen Geheimdiensten vor, den Fall konstruiert zu haben, um Moskau international an den Pranger zu stellen und zu bestrafen. Die EU hat wegen der Vergiftung Sanktionen gegen Russland erlassen.

Deutschland, Österreich und andere Länder hatten Russland wiederholt aufgerufen, das Verbrechen aufzuklären. Russland hingegen forderte Beweise dafür, dass es eine Vergiftung mit Nowitschok gegeben habe. Nawalny verlangte auch die Rückgabe seiner Kleidung, die er an dem Tag seiner Vergiftung getragen hatte und die in Russland zurückgeblieben sei. "Die haben wir auch ausgewaschen", sagte der mutmaßliche FSBler am Telefon auf Nawalnys Frage nach der Hose. "Sie ist auch sauber, alles ist okay damit."

Deckname Maxim

Das Video mit dem Telefonat selbst war drei Stunden nach der Veröffentlichung bereits mehr als eine halbe Million Mal aufgerufen worden. Immer wieder gerät der Mann in dem rund eine Dreiviertelstunde dauernden Gespräch ins Stocken, doch Nawalny - Deckname Maxim - bleibt beharrlich: Er brauche nur "zwei Absätze" für einen ersten, vorläufigen Bericht. Ob er auch andere Männer anrufe? - "Aber natürlich." Und ob es nicht ausmache, über solche Dinge am Telefon zu sprechen? -"Aber wir haben doch nichts Besonderes besprochen." (apa, dpa)