Ob  Donald Trump will oder nicht, er wird das Weiße Haus für den Sieger der US-Präsidentschaftswahl räumen müssen. Es gibt also einen neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika - aber wer ist dieser Joe Biden eigentlich? Der US-Journalist Evan Osnos, ein profunder Kenner der amerikanischen innenpolitischen Szene, hat den Versuch gestartet, den designierten Staatschef in einem kompakten 260-Seiten-Buch zu porträtieren.

Osnos hat Biden im Verlauf  dessen politischer Karriere begleitet und  mit Angehörigen, Freunden und Kollegen des Demokraten gesprochen. Etwa mit Trumps Vorgänger Barack Obama, dessen "Vize" Biden von 2009 bis 2017 war. Osnos weiß auch um die dramatischen Schicksalsschläge und prägenden Wendungen des mittlerweile 78-Jährigen, in dessen Werdegang sich die Veränderungen der politischen Kultur in den USA spiegeln. So hat Biden 1972 knapp vor seiner Angelobung zum US-Senator seine Frau und ein Kind bei einem Autounfall verloren. Biden, schreibt Osnos, dachte damals an Selbstmord. Die Sorge um seine zwei verbliebenen Kinder verhinderten das. 1988 wurde in Bidens Gehirn nach einem Kollaps eine erweiterte Arterie festgestellt, nur  eine Notoperation konnte ihn damals retten. Vielleicht, so der Sukkus des Buches, versetzen gerade diese Krisen Biden jetzt in die Lage, eine zerrissene Nation wieder zu vereinen.

Keine reine Huldigung

"Joe Biden – ein Porträt" ist nicht als Huldigung eines künftigen US-Präsidenten konzipiert. So weist Osnos etwa wiederholt darauf hin, dass Biden große Probleme damit hat, sich kurz zu fassen. Das sorgte unter anderem bei seinem Ex-Chef Barack Obama für Unmut. Ehemalige Mitarbeiter Bidens legten sich verschiedene Tricks zu, um zu verhindern, dass sie bei Vorträgen des Vizepräsidenten einschliefen. Zumal dieses Amt  protokollarisch zwar wichtig, real aber eher unbedeutend ist. Diese relative Bedeutungslosigkeit machte Biden durch sein platzgreifendens Wesen wett: "Bei all seinem authentischen Charme ist es doch frustrierend, dass man das Gefühl hat, er lässt nicht genug Sauerstoff im Raum, dass man die eigenen Argumente rüberbringen könnte", schreibt Buchautor Osnos.

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Dazu kommt, dass dem designierten US-Präsidenten verbale Ausrutscher und unbedachte Äußerungen nicht fremd sind. Entsprechend groß war die Besorgnis der Biden-Berater während des Wahlkampfes und vor allem während der TV-Debatten mit Donald Trump. Generell gilt:  Die Freude über den Wahlsieg Bidens ist bei vielen wohl zu einem großen Teil der Erleichterung über den Abgang Trumps geschuldet.