Trotz einer extrem angespannten Sicherheitslage sind in der Zentralafrikanischen Republik am Sonntag Präsidentschafts- und Parlamentswahlen abgehalten worden. UNO-Friedenstruppen, zentralafrikanische und ruandische Soldaten sicherten die Straßen ab; vor vielen Wahllokalen standen nach Angaben von Reportern der Nachrichtenagentur AFP gepanzerte Fahrzeuge und Sicherheitskräfte mit Maschinengewehren. Aus mehreren Landesteilen wurden Schießereien und Unregelmäßigkeiten gemeldet.

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In der Hauptstadt Bangui öffneten mehrere Wahllokale mit rund einstündiger Verspätung. Grund dafür waren fehlende Wahlunterlagen, wie Vertreter der Wahlbehörden sagten. Der Urnengang werde in den betroffenen Wahllokalen entsprechend verlängert. "Für mich ist es sehr wichtig, als Bürger hier zu sein", sagte der Lehrer Hortense Reine. "Ich denke, diese Wahl wird unser Land verändern, wer auch immer Präsident wird."

Als Favorit bei der Präsidentschaftswahl gilt der seit 2016 amtierende Staatschef Faustin Archange Touadéra. Beobachter rechneten allerdings mit einer geringen Wahlbeteiligung. Mehr als zwei Drittel des Landes werden von Milizen kontrolliert, die Touadéra vorwerfen, die Wahlen manipulieren zu wollen. Vor gut einer Woche hatten sich die drei größten Milizen des Landes zu einer Koalition zusammengeschlossen und eine Offensive auf die Hauptstadt Bangui gestartet.

Experten und die Opposition stellten bereits im Vorfeld der Wahl die Legitimität des künftigen Staatschefs und des Parlaments infrage. Anträge mehrerer Politiker auf eine Verschiebung der Wahl hatte das Verfassungsgericht des Landes am Samstag jedoch abgelehnt.

Der Vormarsch der Milizen auf die Hauptstadt konnte nach Angaben der UNO-Mission MINUSCA zwar gestoppt werden. Eine zuvor verkündete 72-stündige Waffenruhe hatte das Rebellenbündnis am Freitag aber einseitig aufgekündigt. Am Sonntag wurden bis zum frühen Mittag vereinzelte Zwischenfälle gemeldet.

Wahlberechtigte wie Robert aus dem 80 Kilometer von der Hauptstadt entfernten Boali sagten, dass sie angesichts der Sicherheitslage zu Hause bleiben wollten. "Alle fliehen im Moment", sagte er in einem Telefonat mit AFP. "Ich verstecke mich zu Hause."

Der frühere Präsident François Bozizé rief die Menschen am Sonntag auf, nicht wählen zu gehen und erklärte seine Unterstützung für die Rebellen. Bozizé galt als aussichtsreicher Gegenkandidat, wurde jedoch vom Verfassungsgericht von der Wahl ausgeschlossen. Bozizé, ein Christ, war 2013 von der überwiegend muslimischen Rebellengruppe der Séléka gestürzt worden.

Tausende Menschen hatten in der instabilen Lage nicht rechtzeitig ihre Wählerkarten erhalten, wie UNO-Beamte mitteilten. Am vergangenen Dienstag war zudem die viertgrößte Stadt Bambari, 380 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt, von Rebellen eingenommen worden. UNO-Friedenstruppen und nationale Sicherheitskräfte erlangten zwar am Folgetag die Kontrolle über die Stadt zurück. Am Sonntag blieben aber dennoch mehrere Wahllokale in Bambari wegen Schusswechseln zunächst geschlossen, wie eine örtliche Friedensinitiative mitteilte.

In Loui im Nordwesten des Landes rissen Rebellengruppen nach Angaben der UNO und lokaler Behörden Wahlunterlagen an sich. In Ngaoundaye hätten Wahl-Organisatoren Todesdrohungen bekommen. In mehreren Gegenden drohten Rebellengruppen auch Wählern, falls diese ihre Stimme abgeben sollten.

Für das Präsidentenamt bewerben sich insgesamt 16 Kandidaten. Als wichtigster Herausforderer Touadéras gilt der frühere Ministerpräsident Anicet George Dologuélé, der von Bozizé unterstützt wird. Am 14. Februar könnte es zu einer Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten kommen. Um ein Mandat im Parlament mit seinen 140 Sitzen bewarben sich 1.500 Kandidaten.

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Putsche prägten die Geschichte der Zentralafrikanischen Republik

Seit der Errichtung der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) bzw. der Unabhängigwerdung der ehemaligen französischen Kolonie Oubangui-Chari im Jahr 1960 war die Geschichte des Landes von Unruhen sowie zahlreichen gescheiterten wie geglückten Putschen geprägt. Zum zweiten Mal ist eine UNO-Truppe eingeschritten, um für Ruhe zu sorgen.

Das zentrale Afrika war in der Zeit des Sklavenhandels Durchzugs-und Fluchtgebiet für verschiedene Ethnien. Als europäische Kolonialmächte im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in der Region ankommen, herrscht dort der ägyptische Sultan Rabah, der 1903 von den Franzosen militärisch geschlagen wird.

1910 - Das französische "Militärterritorium" Oubangui-Chari wird zur Kolonie innerhalb Französisch-Äquatorialafrikas. Mehrere Revolten gegen die ausländische Herrschaft.

1958 - Der katholische Priester Barthélemy Boganda, Gründer der Bewegung für die Soziale Evolution Schwarzafrikas (MESAN), wird im Zuge der sogenannten inneren Autonomie Premierminister.

1960 - Unabhängigkeit der Zentralafrikanischen Republik. David Dacko, Cousin des mittlerweile bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Boganda, wird erster Präsident des Landes. Die MESAN wird Einheitspartei.

Jahreswechsel 1965/66: Militärputsch unter der Führung von Generalstabschef Jean Bédel Bokassa (Neffe Bogandas wie auch Dackos). Der neue Machthaber hebt die Verfassung auf und reißt die gesamte legislative und exekutive Gewalt an sich. Beginn einer 14 Jahre dauernden Terrorherrschaft.

1972 - Bokassa zum Präsidenten auf Lebenszeit erklärt.

4. Dezember 1976 - Bokassa wandelt die Republik in eine Monarchie um. Exakt ein Jahr danach lässt er sich in einer mehrere Millionen Dollar teuren Zeremonie in einer umfunktionierten Turnhalle nach seinem Vorbild Napoleon I. als Bokassa I. zum Kaiser krönen. Zahlreiche ausländische Staatsgäste waren zugegen, und auch Österreich schickte einen Sonderbotschafter. Des Herrschers Hermelin-verbrämter Purpurmantel wurde in Vorarlberg gefertigt.

1979 - Ermordung Dutzender Studenten und Schüler nach Unruhen. Frankreich gibt seine auf Rohstoffinteressen basierende Unterstützung für das untragbar gewordene Bokassa-Regime nach Vorwürfen des Kindermordes und des Kannibalismus gegen den Kaiser persönlich auf. Ein Putsch bringt mit französischer Hilfe erneut David Dacko an die Macht. Wiedereinführung der Republik.

20. September 1981 - Putsch, nachdem Dacko die wirtschaftliche, administrative und politische Krise des Landes, die sich seit der Unabhängigkeit fortgesetzt und verschärft hatte, nicht beenden kann; das Militärkomitee für den nationalen Wiederaufbau (CMRN) unter General André Kolingba übernimmt die Macht. Allmähliche Einleitung eines Demokratisierungsprozesses, der die Wiedereinführung einer Volksvertretung sowie eines Mehr-Parteien-Systems bringt.

1993 - Der Oppositionspolitiker Ange-Félix Patassé wird zum Präsidenten gewählt. Zuvor hatte der ehemalige Premier unter Bokassa den gewaltsamen Sturz Kolingbas geplant.

2000 - Die nach mehreren Aufständen und Militärrevolten eingesetzte UNO-Friedenstruppe MINURCA verlässt nach zwei Jahren das Land. Sie hatte die afrikanische Mission MISAB abgelöst.

15. März 2003 - Putsch gegen den 1999 wiedergewählten Patassé mit Unterstützung aus dem Tschad; die Aufständischen unter General Francois Bozizé ziehen in der Hauptstadt Bangui ein. Bozizé war Patassé bei den Wahlen 1993 unterlegen und nach einem missglückten Umsturzversuch in den Tschad geflohen. Ein Demokratisierungsprozess wird eingeleitet.

8. Mai 2005 - Bozizé wird in Stichwahl zum Präsidenten gewählt.

2007-09: Nach Niederschlagung von Rebellionen Friedensverträge unterzeichnet.

23. Jänner 2011 - Nach mehrmaliger Verschiebung des Urnengangs finden Präsidenten- und Parlamentswahlen statt. Amtsinhaber Bozizé wiedergewählt. Die Opposition erkennt das Ergebnis nicht an.

Dezember 2012 - In der Allianz Séléka zusammengeschlossene Milizen greifen zu den Waffen und stellen Bozizé ein Ultimatum. Der Tschad entsendet auf Bitten Bozizés umgehend Truppen. Die Regierung bittet auch die im Land stationierten französischen Soldaten, die Armee im Kampf gegen die auf dem Vormarsch befindliche Séléka zu unterstützen. Frankreichs Präsident Francois Hollande lehnt die Unterstützung der zentralafrikanischen Regierung im Kampf gegen die Rebellen zunächst ab.

24./25. März 2013 - Die Rebellen nehmen den Präsidentenpalast in Bangui ein, Bozizé flieht nach Kamerun. Séléka-Führer Michel Djotodia erklärt sich zum Übergangspräsidenten. Später löst er die Séléka auf, die aber in Teile zersplittert bis heute weiter kämpft.

Oktober 2013 - Nachdem die Afrikanische Union bereits die Militärmission MISCA entsandt hat, beschließt die UNO die Entsendung von Truppen. Frankreich entsendet sogleich in Vorbereitung darauf Soldaten.

2014 - Djotodia, der die Gewalt nicht stoppen konnte, tritt zurück. Cathérine Samba-Panza wird Interims-Staatschefin. Die UNO erhöht die Zahl der Friedenstruppen, die Mission wird in MINUSCA (United Nations Multidimensional Integrated Stabilization Mission in the Central African Republic) umbenannt.

2015 - Christen und Muslime bekämpfen einander weiter. Zehntausende sind auf der Flucht. Der Papst ruft bei einem Besuch in der Zentralafrikanischen Republik zu Frieden auf. Nach einer Verfassungsreform verlaufen Präsidenten- und Parlamentswahlen friedlich.

2016 - Der Gewinner der Präsidentenwahl, Faustin-Archange Touadéra, tritt sein Amt an.

2017 - Die Gewalt steigt angesichts immer wieder scheiternder Friedensgespräche wieder an, die UNO verlängert MINUSCA und stockt die Mission auf 13.000 Sicherheitskräfte auf.

2020 - Vor den Präsidenten- und Parlamentswahlen am 27. Dezember kommt es zu einer Offensive von Milizen gegen die Regierung.(apa/afp)