Paul Niland sieht aus, als hätte er zu wenig Schlaf bekommen. Er trinkt Tee aus einer Tasse mit der Aufschrift "Fuck you Putin". Der 48-Jährige ist der Mitbegründer von "Lifeline Ukraine", der ersten Suizid-Präventionshotline des Landes. Das Pilotprojekt richtet sich an die mehr als 370.000 Veteranen, die noch bis vor kurzem im Osten gegen von Russland unterstütze Separatisten kämpften.

Seit Mitte Oktober 2019 sind die Telefone im Kiewer Büro rund um die Uhr besetzt, vor allem nachts, denn dann gehen die meisten Anrufe ein. Das Konferenzzimmer, in dem ein Bücherregal und einige Topfpflanzen stehen, wurde längst zu einem Schlafraum umfunktioniert. An der Wand lehnen zwei Klappbetten. "Die sind für die Mitarbeiter, wenn sie eine Pause brauchen", sagt Niland.

Der gebürtige Ire Paul Niland leitet "Lifeline Ukraine", eine Hotline für selbstmordgefährdete Kriegsveteranen. - © Daniela Prugger
Der gebürtige Ire Paul Niland leitet "Lifeline Ukraine", eine Hotline für selbstmordgefährdete Kriegsveteranen. - © Daniela Prugger

Der gebürtige Ire lebt seit Jahren in der Ukraine, er ist eigentlich Schriftsteller. Doch als seine Bekannte, die ehemalige ukrainische Gesundheitsministerin Ulana Suprun, ihn darum bat, das Projekt zu übernehmen, sagte Niland zu. "Ich hatte keine Erfahrung in diesem Bereich, genauso wenig wie die meisten, die hier arbeiten." Niland und sein 30-köpfiges Team haben sich monatelang eingelesen und internationale Workshops besucht. "Die israelischen Experten, mit denen wir uns ausgetauscht haben, sagten: Ihr seid noch nicht so weit. Aber gleichzeitig gibt es niemanden in diesem Land, der unseren Job zu diesem Zeitpunkt besser oder überhaupt machen würde." Immerhin: Die Hälfte der Mitarbeiter sind Veteranen und wissen, was die Anrufer erlebt haben.

Es haben bereits Menschen angerufen, die kurz davor standen, sich das Leben zu nehmen. "In so einer Situation haben wir ein Zeitfenster von 15 Minuten. Wenn diese Person dann noch immer dran ist, haben wir ein Leben gerettet, das wissen wir aus dem internationalen Vergleich", sagt Niland. Das Ziel jedes Telefonats sei es, den Anrufenden bewusst zu machen, dass sie nicht alleine sind. Sie an ihre eigenen Eltern, Freunde, Kinder, Geschwister zu erinnern, die sie im Falle ihres Selbstmordes traumatisiert zurücklassen würden. "Jemand, der sich das Leben nehmen will, sieht nur noch schwarz-weiß. Wir versuchen im Gespräch, dieses Schema zu durchbrechen: Ja, es ist gerade Winter. Aber auf den Winter folgt der Frühling."

Jedes Gespräch beginnt und endet auf dieselbe Art, mit: "Lifeline Ukraine, ich höre Ihnen zu", und: "Wenn dieses Gespräch nun endet, kann ich davon ausgehen, dass Sie sich nichts antun?" Wird diese Frage mit ja beantwortet, antwortet der Mitarbeiter: Rufen Sie uns so oft an, wie Sie möchten. "Lautet die Antwort ,Nein‘, haben wir unseren Job noch nicht erledigt", sagt Niland. Während der ersten Monate wurde die Nummer "7333" mehr als 800 Mal gewählt.

Coronavirus verschärft die Lage

Nicht alle Anrufer waren suizidal. Manche leiden unter Depressionen oder sind alleine und suchen einfach jemanden zum Reden. Aber Niland sagt, die Anzahl der Selbstmorde wird weiter zunehmen, eine ähnliche Entwicklung sei in den USA zu beobachten. Er geht davon aus, dass es seit Kriegsausbruch mehr als 1.000 Freitode gab. "Es ist schon tragisch, dass wir jede Woche ein paar Fälle haben. Aber in drei oder fünf Jahren könnte das zu einer nationalen Tragödie werden."

Seit mehr als einem Jahr gibt es die Veteranen-Hotline jetzt, und in den letzten Monaten hat sich die Arbeit für die Helfer rund um Paul Niland noch vermehrt. Schuld daran ist auch das Coronavirus, das für das fragile Gesundheitssystem der Ukraine ebenso eine Belastung darstellt wie für die angeschlagene Wirtschaft des Landes. "Dass wir mehr zu tun haben, liegt zum einen an der wachsenden Bekanntheit der Hotline und zum anderen an der schwierigen Situation, in der sich das Land befindet. Wir haben Anrufer, die sagen: ,Ich werde sowieso an Covid sterben, also warum soll ich mich nicht gleich umbringen?‘ Besonders während des ersten Lockdowns im Frühjahr haben wir mehr Anrufe verzeichnet." Oft ging es dabei um häusliche Gewalt. Aber auch Depressionen, die durch die Isolation und die fehlenden beruflichen Perspektiven geschürt werden, sind ein Thema.

Niemand zählt die Selbstmorde

Aus dem Ministerium für Veteranenangelegenheiten heißt es, dass es keine valide Selbstmordstatistik gibt, schlichtweg deshalb, weil in der Ukraine niemand diese Suizidfälle zählt oder als solche kategorisiert. Vor einem Jahr hat das Ministerium gemeinsam mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) eine von der EU finanzierte Studie durchgeführt, für die 1780 Veteranen und 750 Familienmitglieder interviewt wurden.

Etwa 30 Prozent der Befragten gaben an, sich von der Gesellschaft ausgeschlossen zu fühlen. Und als die Partner der Veteranen gefragt wurden, wie oft sie gemeinsam über die Erinnerungen und das Erlebte im Krieg sprächen, gaben 55 Prozent an: nie oder fast nie. Etwa 26 Prozent der Veteranen erklärten, dass sie ihren Stress mit Alkohol bewältigen. Beinahe die Hälfte der Befragten erklärte, auf psychosoziale Unterstützung und Beratung ganz zu verzichten. "Leider fehlt in der Ukraine das Bewusstsein für psychische Erkrankungen", sagt Anton Kolumbet, der stellvertretende Minister für Veteranenangelegenheiten. "Für viele Ukrainer ist es schwierig, um Hilfe zu bitten. Es fällt ihnen schwer, mit diesem Tabu zu brechen. Psychische Krankheiten werden nicht als echte Krankheiten verstanden."

Dazu komme, dass sich die meisten Therapeuten und Ansprechpartner in den großen Städten befinden, nicht in den Dörfern. Wenn Kolumbet gefragt wird, was in der Ukraine für die Veteranen gut funktioniert, sagt er: "Nichts." Der 34-Jährige hat selbst im Osten gekämpft und ist vor einigen Monaten aus dem NGO-Sektor ins Ministerium gewechselt, um die Gesetze und das Sozialsystem aus den 1990er Jahren zu reformieren.

"Der Staat besitzt nichts mehr"

Damals, in der sozialistischen Ukraine, wurde den Veteranen des Zweiten Weltkrieges und des Afghanistan-Krieges zum Beispiel eine kostenlose Unterkunft zugesprochen. "Aber jetzt, in kapitalistischen Zeiten, besitzt der Staat nichts mehr", sagt Kolumbet. Aber um alle Versprechen in Bezug auf die medizinische Versorgung, das Wohnen, die Stipendien für die Kinder und so weiter umzusetzen, braucht das Land Geld. Kolumbet spricht von Milliarden und davon, gezielt Projekte aus der Zivilbevölkerung fördern zu wollen.

Alle Länder, die Soldaten in einen Krieg schicken, stehen nach deren Rückkehr vor ähnlichen Schwierigkeiten. Für jemanden, der im Krieg gedient hat, ist es sehr schwierig, in ein "normales" Leben zurückzukehren. Plötzlich wieder Ehepartner oder Elternteil zu sein und innerhalb eines Tages nach der Rückkehr wieder der gewöhnlichen Erwerbsarbeit nachzugehen. Doch gerade, wenn es um den Umgang mit Veteranen geht, könne man viel von anderen Ländern lernen, sagt Niland. Lifeline Ukraine hat sich in seiner Konzeption an der gleichnamigen Hotline in Australien orientiert. "Man muss das Rad nicht neu erfinden", sagt Niland.