Normalerweise, so heißt es, bestimme der erste Eindruck, was und wie man über einen Menschen denkt. Bei Mike Pence könnte nun der - vorerst - letzte Eindruck sein Image bestimmen. Inmitten der schockierenden Stunden am Dreikönigstag, als ein Mob angestachelt vom amtierenden US-Präsidenten das Kapitol stürmte, erwies sich der bisher eher farblose Vizepräsident als stabiler wie belastungsfähiger Verteidiger der US-Demokratie.

Dabei wollte Donald Trump selbst, dass sein Vize in dessen Funktion als Vorsitzender des Senats die Zertifizierung des Wahlsiegs des künftigen US-Präsidenten Joe Biden kippt. Doch der 61-jährige Vizepräsident verweigerte sich öffentlich und machte in der Nacht auf Donnerstag die Niederlage Trumps - und damit auch seine eigene - offiziell. Anschließend tat Pence das zuvor undenkbare: Ein "Elbow-Bump", das Äquivalent zum Handschlag in Corona-Zeiten, mit der Demokratin Nancy Pelosi, der Vorsitzenden des Repräsentantenhauses und erbitterten Gegnerin der Trump-/Pence-Präsidentschaft. Pelosi garnierte diese Geste sogar noch mit einem "Daumen hoch" und bekundete ihrem politischen Widersacher Respekt für dessen entscheidende Rolle in der prekären Übergangsphase.

Schon in den traumatischen Stunden zuvor wurde klar, dass Pence nun in der ersten Reihe stand: Er war es, der mit Armee und Verteidigungsministerium per Telefon über das weitere Vorgehen beriet, nicht Trump - eigentlich unvorstellbar in normalen Zeiten.

Dass Pence in dieser offenen Form mit Trump bricht, war so nicht absehbar. Widerspruch war in den vergangenen vier Jahren von dem stets loyalen Vize allenfalls zwischen den Zeilen zu vernehmen. Meistens schwieg er, wenn sein Chef die Emotionen via Twitter befeuerte.

Im Gegensatz zu Trump ist Pence ein ruhiger, erfahrener Berufspolitiker mit klaren ideologischen Überzeugungen. Seit 35 Jahren ist er mit derselben Frau, Karen, verheiratet, mit der er drei Kinder hat. Politisch wurde er, obwohl in seiner Jugend ein Demokrat, unter dem Einfluss Ronald Reagans zum strammen Konservativen, der Abtreibung, die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partner, Steuererhöhungen und eine gesetzliche Krankenversicherung ablehnt und für einen schlanken Staat sowie das Recht auf Waffenbesitz eintritt; obwohl als Katholik aufgewachsen, ist er heute ein überzeugter Evangelikaler, die wichtigste und treueste Wählerbasis der Republikaner. Auch deshalb fiel die Wahl Trumps 2016 wohl auf Pence als Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten.

12 Jahre lang, von 2001 bis 2013, diente der studierte Jurist, der zuvor als Anwalt arbeitete, als Abgeordneter für seinen Heimatstaat Indiana im Repräsentantenhaus in Washington. Bei seiner ersten Wahl bezeichnete sich Pence als - in dieser Reihenfolge - "Christ, Konservativer und Republikaner". Schon damals werkte er am rechten Rand seiner Partei, von seinen 90 Gesetzesanträgen wurde kein einziger Gesetz. Von 2013 amtierte Pence, der in den 1990er Jahren auch eine national ausgetragene politische Radioshow moderierte, als Gouverneur seines stramm republikanischen Heimatstaates, bis ihn eben 2016 der Ruf Trumps ereilte.

Was aus Mike Pence künftig wird, lässt sich derzeit kaum abschätzen. Möglicherweise hat er mit seinem Handeln in den letzten Tagen seine mangelnde Strahlkraft so weit wettgemacht, dass er in einer republikanischen Partei nach Trump noch eine Rolle zu spielen vermag.