Über welches Potenzial Twitter verfügt, hat Donald Trump schon früh erkannt. "Ich liebe Twitter... Es ist, als würdest du deine eigene Zeitung besitzen - ohne die Verluste", schrieb Trump, damals primär noch Reality-TV-Star und Immobilien-Tycoon, im Jahr 2012 auf dem zu dieser Zeit noch jungen Kurznachrichtendienst.

Und wie kaum ein zweiter Politiker auf der Welt hat Trump es verstanden, dieses Potenzial auszunutzen. Der Twitter-Account des scheidenden US-Präsidenten ist während seiner Amtszeit nicht nur von 20 Millionen auf knapp 90 Millionen Follower gewachsen, der Kanal @realdonaldtrump war in der vergangenen vier Jahren auch das zentrale Politikinstrument des Republikaners, mit dessen Hilfe er seine Botschaften unter Umgehung der als Fake News verunglimpften klassischen Medien an seine Anhängerschaft bringen konnte. Weltpolitische Entscheidungen wurden von Trump ebenso auf Twitter verkündet wie die Entlassung des früheren FBI-Chefs James Comey oder die Kündigung von Ministern.

In den verbleibenden zwölf Tagen bis zur Amtseinführung seines Nachfolgers Joe Biden dürfte es für Trump allerdings schwierig bis unmöglich werden, sein digitales Sprachrohr so zu benutzen wie bisher.

Denn dass sowohl Twitter als auch Facebook die Konten von Trump nach dem vom Präsidenten befeuerten Sturm auf das Kapitol für zunächst einmal 24 Stunden gesperrt haben, war weit mehr als ein Schuss vor den Bug gewesen. So hat Facebook am Donnerstag angekündigt, die Sperre frühesten nach der Amtsübergabe an Joe Biden am 20. Jänner aufheben zu wollen. Trump habe mit seinen jüngsten Botschaften das "Risiko der andauernden Gewalt verstärkt, anstatt es zu verringern", erklärte der Konzern.

Auch Twitter drohte Trump wegen "wiederholten und schwerwiegenden" Verstößen einen dauerhaften Ausschluss an. Am Donnerstag teilte der Konzern aber mit, dass die Sperre von Trumps Konto aufgehoben sei. Twitter werde Trumps Aktivitäten und Aussagen jedoch weiterhin "in Echtzeit auswerten", fügte der Konzern hinzu.

Kurswechsel im Frühjahr

Den Umgang mit Trump hatten die beiden sozialen Netzwerke bereits in den vergangenen Monaten geändert. Ließ man den Präsidenten, dessen Tweets laut Analyse der "New York Times" zu 60 Prozent Angriffe sind und oft Lügen beinhalten, bis zum Wahlkampfbeginn im Frühjahr noch weitgehend gewähren, häuften sich in den vergangenen Monaten die Beiträge Trumps, die von Twitter und Facebook als irreführend oder gewaltverherrlichend eingestuft und mit Warnhinweisen versehen wurden.

So wurden etwa in der Wahlnacht gleich mehrere von Trumps Tweets als "umstritten" markiert. Facebook entschied sich zudem zur Löschung von Einträgen Trumps, in denen er das Coronavirus als Grippe bezeichnete. Trump reagierte auf diesen Kurswechsel auf seine eigene Art. Er warf Twitter nicht nur vor, sich in die Wahlen einzumischen, sondern drohte dem Dienst sogar mit Schließung.(rs)