Erst seine Anhänger dazu ermutigen, das Kapitol zu stürmen, und dann treuherzig die Gewalt verurteilen. Dieser Spagat gelang Donald Trump diese Woche mühelos. Wie groß auch immer die Widersprüche des Noch-Präsidenten der Vereinigten Staaten sind und wie weit seine Behauptungen von der Realität entfernt sind: Millionen US-Bürger halten ihm bedingungslos die Treue. Denn Trump schafft es, sich als Gegenpol einer vermeintlichen Elite zu inszenieren - obwohl er mit dem goldenen Löffel aufgewachsen ist und sich stets mit Größen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Scheinwerferlicht gesonnt hat. Mehr Elite geht kaum.

Aber Trump kämpft aus Sicht seiner Anhänger gegen jene, die Amerika seiner vermeintlichen Kernwerte berauben wollen. Welche das sein sollen, kann beliebig im argumentativen Satzbaukasten ausgetauscht werden, solange die Worte "Freiheit", "Sozialismus", "Unterdrückung" und "unamerikanisch" fallen.

Auf diese Weise kann sogar die Erstürmung des Kapitols gerechtfertigt werden, schließlich zwangen jene, die die "amerikanischen Werte" verraten, den Mob zum Widerstand. "Das ist unser Land", schrien einige in Kameras, als sie nach dem Motiv für ihr Eindringen in die Herzkammer des amerikanischen Parlamentarismus gefragt wurden. Und sie stoßen auf Verständnis: 45 Prozent der republikanischen Anhänger befürworten laut einer Umfrage des Instituts YouGov den Parlamentssturm, nur 43 Prozent sprachen sich dagegen aus - bei Sympathisanten der Demokraten waren es 96 Prozent.

Für Trumps Anhänger hat das System, gegen das sie mit aller Gewalt anrennen, den Präsidenten klein bekommen, bevor ihr Idol das System kippen konnte. Sie werden ihm oder jemanden andern, der eine Komplettänderung der Verhältnisse verspricht, weiterhin die Treue halten. Solange Trump sich kämpferisch gibt und seine Niederlage nicht direkt einräumt, bleibt er attraktiv: Laut Studien strahlt Trump aus Sicht seiner Anhänger Macht, Größe, Dominanz und siegreiche Männlichkeit aus.

"Schon alles egal"

Für Republikaner, die kritischer denken, offenbart sich in den letzten Tagen seiner Amtszeit wie in einem Brennglas der wahre Trump, der ganz andere Eigenschaften auf sich vereint. Kommentatoren erkennen just in der Stunde, in der das Wahrwerden der eigenen Niederlage nicht mehr aufschiebbar war, in Trump eine hilflose, schwache, fast tragische Figur: Denn eine realistische Chance, die Abwahl doch noch zu verhindern, bestand zuletzt nicht.

Einige Trump-Fans fühlen sich nach dem Einlenken ihres Idols verraten und machten via Twitter ihrer Enttäuschung Luft: Sie hätten ihr Leben und ihre Zukunft für Trump aufs Spiel gesetzt, beklagt ein Aktivist. Zum Dank haben Trump die Nationalgarde auf sie gehetzt. "Gesteh doch Deine Niederlage ein und gib einfach auf, jetzt, wo alles schon egal ist", so der bittere Kommentar auf Twitter.

Andere beschwören dort ihr Idol, sie jetzt nicht im Regen stehen zu lassen: "Tritt jetzt nicht ab! Das bist nicht Du! Hörst Du mich!", so der verzweifelte Appell via Twitter. "Wir haben ihn nach Washington geschickt, um den Sumpf loszuwerden, aber der Sumpf ist ihn losgeworden", sagt ein weiterer Trump-Fan. "Und was mich betrifft: Die Republikaner gehören jetzt genauso zum Sumpf wie die Demokraten."

Zu diesem Sumpf zählen für den Noch-Präsidenten immer mehr die bereits etablierten Sozialen Medien. Über die Sperrung seiner Konten auf Twitter und Facebook unter der Woche soll Trump erzürnt gewesen sein, berichtete das Online-Portal "Daily Beast". Das überrascht nicht, ein Blick auf die Zahl der Follower stellt die Wirkmacht klar: Mehr als 88 Millionen Menschen folgen Trump auf seinem wichtigsten Kanal, Twitter. Nachdem der Dienst mit dem Vogel im Logo den Account des Präsidenten wieder freigegeben hatte, postete Trump in der Nacht auf Freitag ein Video mit seiner Sicht der Vorfälle am Kapitol. Binnen eines halben Tages wurde es 34 Millionen Mal angeklickt.

Mag die "New York Times" eine der renommiertesten Zeitungen der Welt sein und Trump in Grund und Boden schreiben. Mag selbst sein TV-Liebkind Fox News dem Präsidenten mittlerweile nicht mehr völlig distanzlos gegenüberstehen: Das politische Lebenselixier Trumps sind die Sozialen Medien. Hier konnte er über Jahre völlig ungefiltert seine Lügen verbreiten und Hass in die Gesellschaft tragen - unter dem Deckmantel des uramerikanischen Wertes der Meinungsfreiheit. Weil der erste Zusatz zur Verfassung diese garantiert, ebenso wie die Presse- und Versammlungsfreiheit, herrscht unter vielen US-Bürgern die Sichtweise, es dürfe überhaupt keine Einschränkungen geben.

Twitter sperrt Trump

Wenn Twitter und Facebook diese Spielweise nicht garantieren, dann ziehe ich eben weiter. Diese Drohung Trumps steht seit längerem im Raum, und er bewirbt entsprechende Portale eifrig, etwa das "One America News Network" - Eigendefinition: "Unsere Nation. Unsere Nachrichten." Doch all diese Kanäle verfügen - noch - nicht über hohe Reichweiten und Zugriffszahlen. Trump braucht Twitter, damit die Flamme des Zorns auf das Establishment weiter so stark brennt.

Was von Trumps Twitter-Account übriggeblieben ist. - © Screenshot Twitter
Was von Trumps Twitter-Account übriggeblieben ist. - © Screenshot Twitter

Doch in der Nacht auf Samstag schickte sich Twitter an, die Flamme zum Erlöschen zu bringen. Aufgrund des "Risikos einer weiteren Anstiftung zur Gewalt" wurde Trumps Account gesperrt – und zwar "dauerhaft", teilte der Konzern mit.