Geht es nach einem der führenden Intellektuellen Asiens, Kishore Mahbubani, dann hat mit dem Ausbruch der Pandemie das Jahrhundert Asiens begonnen. In einem Essay im "Economist" sieht Mahbubani, Professor für Politikwissenschaft an der Lee Kuan Yew School of Public Policy der Nationalen Universität Singapur, gar die Ära westlicher Dominanz am Ende. Der Aufstieg Asiens in der internationalen Politik und der Weltwirtschaft werde in einer Post-Covid-19-Weltordnung nach der Krise einzementiert, so der Politologe. Die Krise habe den krassen Gegensatz zwischen den "kompetenten Krisenbewältigung" ostasiatischer Regierungen und der Inkompetenz westlicher Regierungen gezeigt.

Tatsächlich mehren sich die Stimmen in Europa, die das Versagen der eigenen Regierungen und der Gesellschaften europäischer Länder anprangern und Europa und dem Westen mangelnde Lernbereitschaft konstatieren: Die Asien- und Politikwissenschafter Marina Rudyak, Maximilian Mayer und Marius Meinhof veröffentlichten unlängst einen Gastkommentar in der "Neuen Zürcher Zeitung", in dem sie feststellten: "Statt einer gesunden Portion Neugier darauf, welche politischen, organisatorischen, technischen und medizinischen Maßnahmen den fulminanten Erfolg gegen Covid-19 in Asien ermöglicht haben, dominiert Ignoranz."

Es gibt viel zu lernen

Tatsächlich ist die Situation nicht vergleichbar. Asien musste schon im Jahr 2003 - im Gegensatz zu Europa oder den USA - Bekanntschaft mit dem Sars-Virus machen. Südkorea kann praktisch nur auf dem See- oder Luftweg erreicht werden, nachdem entlang der Grenze zu Nordkorea ein Todesstreifen verläuft, China hat ein anderes Herrschaftssystem, und Taiwan ist - ebenso wie Singapur - eine Insel.

Doch trotz dieser Unterschiede gibt es genügend Anschauungsmaterial: Ostasiatische Regierungen haben von Anfang an massenhaft getestet - in Österreich erreichte man erst nach dem Sommer eine ähnliche Testinfrastruktur. Die App zur Kontaktverfolgung hat sich bis heute in Österreich nicht wirklich durchgesetzt, während die Länder Ostasiens von Anfang an auf konsequentes Infektionsketten-Tracing gesetzt haben. Und während auch in Österreich Experten - wie etwa der Cybersicherheitsexperte Alexander Klimburg in einem Interview mit der "Wiener Zeitung" - schon zu Beginn der Pandemie in Österreich den Einsatz von Big Data und Geofencing forderten, hinkt Österreich bis heute bei der digitalen Vernetzung von Regierungsdaten hinterher.

Wie schreiben Rudyak, Mayer und Meinhof in der "Neuen Zürcher Zeitung": "Lieber alle wieder in den Lockdown als eine wirksame App auf dem Handy oder die digitale Überwachung der Quarantäne einiger weniger."