Isoliert wie nie zuvor - beinahe wie ein Geächteter - wird Donald Trump am Mittwoch das Weiße Haus und Washington verlassen. Stunden vor der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden wird der 74-Jährige sich mit der Air Force One zu seinem Anwesen Mar-a-Lago in Florida fliegen lassen, die Vereidigung seines Nachfolgers schwänzt er.

Es ist das Ende einer turbulenten und von Skandalen geprägten Amtszeit, die mit der Erstürmung des Kapitols durch militante Trump-Anhänger einen dramatischen Tiefpunkt erfahren hatte. Der brutale Angriff vom 6. Jänner hat Trump als erstem Präsidenten der US-Geschichte ein zweites Impeachment eingebracht.

Dem Rechtspopulisten drohen darüber hinaus strafrechtliche Konsequenzen. Trumps Zustimmungswerte haben ein historisches Tief erreicht, viele Republikaner wenden sich ab, Twitter hat ihn verbannt und ihm damit sein wichtigstes Sprachrohr abgeschaltet.

Doch abgeschrieben werden kann der scheidende Präsident noch lange nicht: Der Volkstribun hat nach wie vor Millionen glühende Anhänger und dürfte auf absehbare Zeit seinen gewaltigen Einfluss auf seine Partei bewahren. Und Trumps Dolchstoßlegende, wonach er die Präsidentenwahl vom 3. November nur durch massiven Betrug verlor, wird die US-Politik noch lange überschatten.

Tiefe Spaltung

Die Republikaner sind zutiefst gespalten, wie sie mit dem Erbe des New Yorker Immobilienmoguls umgehen sollen, der in seinen vier Amtsjahren für zahllose Affären sorgte, ungeniert Lügen und Halbwahrheiten verbreitete, offen mit Rechtsextremisten flirtete, demokratische Normen attackierte, politische Gegner beschimpfte, internationale Verbündete vor den Kopf stieß, Bewunderung für autoritäre Herrscher zeigte und im Corona-Krisenmanagement so sehr versagte, dass in den USA bereits rund 400.000 Menschen an den Folgen einer Infektion gestorben sind - ein trauriger weltweiter Höchstwert.

Viele Konservative, unter ihnen offenbar auch der mächtige Senator Mitch McConnell, würden gerne den Bruch mit Trump vollziehen. Doch viele in der Partei halten dem Verfechter des "America First" noch immer die Treue, sogar nach seiner aufwieglerischen Rede vor der Kapitol-Erstürmung. Die Republikaner fürchten die Basis, die Trump bei der Wahl mehr als 74 Millionen Stimmen beschert hatte, sich in Teilen immer mehr radikalisiert - und nach wie vor auf Trump hört.

Ob im anstehenden Impeachment-Prozess im Senat die notwendige Zweidrittelmehrheit für eine Verurteilung Trumps wegen "Anstiftung zum Aufruhr" zusammenkommt, ist deswegen vollkommen offen. Würde der 74-Jährige als erster Präsident der Geschichte schuldig gesprochen, könnte die Kongresskammer ihn von künftigen politischen Ämtern ausschließen. Das würde ihm den Weg zu einer möglichen Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl 2024 verbauen.

Trump droht auch juristisches Ungemach. Nicht nur wegen der Kapitol-Erstürmung, sondern auch wegen seiner Einflussnahme auf Wahlverantwortliche bei seinem Feldzug gegen seine Niederlage, wegen früherer Schweigegeldzahlungen an mutmaßliche Geliebte und wegen der teils undurchsichtigen Aktivitäten seines Geschäftsimperiums.

"Marke Trump" beschädigt

Die Marke "Trump" hat ohnehin schweren Schaden genommen. Unternehmen machen inzwischen einen weiten Bogen um den Geschäftsmann Trump, der zudem einen hohen Schuldenberg vor sich herträgt.

Dass der baldige Ex-Präsident fortan ein ruhiges Pensionistenleben genießt und sich mit Golfspielen in Florida zufrieden gibt, darf aber als ausgeschlossen gelten. Vom Sonnenschein-Staat aus dürfte der frühere Reality-TV-Star weiterhin versuchen, Einfluss auf die Politik zu nehmen.

Spekuliert wird immer wieder darüber, ob er ein neues rechtes Medienimperium schaffen könnte. Und seinem ältesten Sohn Donald Junior und seiner Tochter Ivanka werden große politische Ambitionen nachgesagt, die in Florida reifen könnten.

Bidens Vereidigung am Mittwoch wird deswegen einen Schlussstrich unter Trumps Präsidentschaft setzen. Das Kapitel Trump ist aber noch lange nicht geschlossen.