Zuerst wurde Kamala Harris als erste Frau zum Vizepräsidentin angelobt, dann sang Jennifer Lopez und dann war es die Zeit von Joe Biden: Der Demokrat wurde kurz vor 12 Uhr mittags Ortszeit zum 46. Präsidenten der USA angelobt.

Der Oberste Richter der USA, John Roberts, nahm dem 78-jährigen Demokraten am Mittwoch an der Westseite des US-Kapitols in Washington den Amtseid ab.

Biden beschwor bei seiner Amtseinführung die Stärke der amerikanischen Demokratie. "Zu dieser Stunde, meine Freunde, hat sich die Demokratie durchgesetzt", sagte Biden. Sein Vorgänger Donald Trump hatte die Wahl als Betrug dargestellt.

Biden sprach bei seiner Inauguration vor einem abgespeckten Publikum. Der Rasen war coronabedingt nicht voll.  - © REUTERS
Biden sprach bei seiner Inauguration vor einem abgespeckten Publikum. Der Rasen war coronabedingt nicht voll.  - © REUTERS

"Ein Tag der Demokratie"

"Dies ist der Tag der Demokratie, ein Tag der Geschichte und der Hoffnung auf Erneuerung und Entschlossenheit", so Biden weiter. Es gehe nicht um den Sieg eines Kandidaten, sondern der Herrschaft des Volkes.

Bill und Hillary Clinton geben sich erleichtert die Ehre. Hillary Clinton hat 2016 gegen Trump verloren. Bill Clinton diente zwei Amtszeiten und hatte ein Impeachment-Verfahren. Trump diente ein Amtszeit und hatte zwei.  - © AFP
Bill und Hillary Clinton geben sich erleichtert die Ehre. Hillary Clinton hat 2016 gegen Trump verloren. Bill Clinton diente zwei Amtszeiten und hatte ein Impeachment-Verfahren. Trump diente ein Amtszeit und hatte zwei.  - © AFP

Biden hat versprochen, das tief gespaltene Land zu versöhnen und politische Gräben zu überwinden. Und so klang es auch in seiner ersten Rede: "We are good people" - "Wir sind gute Menschen." Damit meint er nicht nur seine Frau und sich, sondern alle Amerikaner, die er zum nationalen Zusammenhalt aufrief und Rassismus verurteilte.

Barack und Michelle Obama nennen Joe Biden ihren Freund. Er arbeitete acht Jahre lang als Vize eng mit ihnen zusammen.  - © AFP
Barack und Michelle Obama nennen Joe Biden ihren Freund. Er arbeitete acht Jahre lang als Vize eng mit ihnen zusammen.  - © AFP

Zwei Wochen nach der Kapitol-Erstürmung durch radikale Anhänger seines Vorgängers versprach Biden zudem einen entschlossenen Kampf gegen  "inländischen Terrorismus".

Die Amtseinführung stand unter dem Eindruck der Corona-Pandemie. Anders als üblich gibt es für Biden kein Massenpublikum. Wegen der Erstürmung des Kapitols durch gewalttätige Anhänger seines Vorgängers Trump vor zwei Wochen wurden zudem die Sicherheitsvorkehrungen erheblich verschärft. Trump blieb der Vereidigung als erster scheidender Präsident seit 1869 fern. Die ehemaligen Präsidenten Barack Obama, George W. Bush und Bill Clinton waren anwesend.

Vizepräsident Mike Pence verteidigte zuletzt die Verfassung vor Trump. Nun hält er die Tradition des Besuchs der Amtseinführung hoch, auch wenn es ein politischer Gegner ist.  - © AFP
Vizepräsident Mike Pence verteidigte zuletzt die Verfassung vor Trump. Nun hält er die Tradition des Besuchs der Amtseinführung hoch, auch wenn es ein politischer Gegner ist.  - © AFP

Die Zeremonie am US-Kapitol fand zudem unter nie da gewesenen Sicherheitsvorkehrungen statt. Vor zwei Wochen hatten gewalttätige Anhänger des abgewählten Trumps das Parlamentsgebäude gestürmt. Die Angst vor neuerlicher Gewalt rund um die Vereidigung war groß.

Das Zentrum der US-Hauptstadt wurde weiträumig abgeriegelt. Neben zahlreichen Polizisten waren Tausende Mitglieder der Nationalgarde im Einsatz, die insbesondere das Kongressgebäude schützen sollten. Wegen der Corona-Pandemie fand die Amtsübergabe zudem ohne das übliche Massenpublikum statt. Anstelle der Hunderttausenden Menschen fanden fast 200.000 Flaggen auf der Freifläche zwischen dem Kapitol und dem Lincoln Memorial Platz, die die fehlenden Besucher repräsentieren sollten.

Der republikanische Fraktionsführer im Senat, Mitch McConnell (im Bild mit Gattin Elaine Chao), war mit Biden buchstäblich Jahrzehnte gemeinsam im Kongress.  - © AFP
Der republikanische Fraktionsführer im Senat, Mitch McConnell (im Bild mit Gattin Elaine Chao), war mit Biden buchstäblich Jahrzehnte gemeinsam im Kongress.  - © AFP

Der bekennende Katholik Biden schwor auf eine dicke Bibel seiner Familie - wie bei vergangenen Vereidigungen als Vizepräsident der Regierung von Ex-Präsident Barack Obama und als Senator.

Biden hatte die Präsidentenwahl im November mit deutlichem Abstand gewonnen. Er kann bei seinen geplanten Vorhaben auf die Unterstützung des Kongresses bauen, wo sich seine Demokraten bei den Wahlen die Kontrolle beider Kammern sicherten. Trump sieht sich durch massiven Wahlbetrug, für den es keine Belege gibt, um den Sieg gebracht. Er reiste am Morgen aus Washington ab. Er ist der erste scheidende Amtsinhaber seit 1869, der nicht an der Zeremonie am Kapitol teilnahm.

Trumps bisheriger Stellvertreter Mike Pence und seine Ehefrau Karen waren dagegen vor Ort. Im Publikum saßen auch die ehemaligen US-Präsidenten Obama, George W. Bush und Bill Clinton mit ihren Ehepartnerinnen. Mit ihnen wollte Biden unmittelbar nach der Amtseinführung einen Kranz am Grab des unbekannten Soldaten am Nationalfriedhof im an Washington grenzenden Arlington ablegen.

Biden übernimmt von Trump ein tief gespaltenes Land, in dem die Corona-Pandemie weiter wütet, die eine Erholung der angeschlagenen Wirtschaft erschwert und bestehende Ungleichheiten zwischen den ethnischen Bevölkerungsgruppen verstärkt. Im Hintergrund verschärft sich der Klimawandel, den Biden als "existenzielle Bedrohung" betrachtet.

Viele seiner geplanten ersten Amtshandlungen zielen auf die Bewältigung dieser Krisen ab. Noch am Mittwoch wollte Biden die geplante Abkehr von Trumps Regierungskurs einleiten, indem er einen Einreisestopp für Bürger überwiegend muslimisch geprägter Länder und die Aufkündigung des Pariser Klimaabkommens rückgängig machen wollte.

Wegen der Corona-Pandemie fällt auch die traditionelle Ballnacht in Washington aus. Stattdessen sollte es eine von Schauspieler Tom Hanks moderierte virtuelle Feier geben - mit Anmerkungen von Biden und Harris. Auftreten sollten unter anderem die Foo Fighters und Bruce Springsteen.

Massive Sicherheitsvorkehrungen

Nach der Kapitol-Erstürmung vor zwei Wochen findet die Vereidigungszeremonie unter drakonischen Sicherheitsvorkehrungen statt. Der Kongress wurde weiträumig abgesperrt, rund 25.000 Nationalgardisten sind im Einsatz.

Zuvor war Biden in die Kirche gegangen. Der Katholik Biden wurde dabei in der Cathedral of St. Matthew in Washington unter anderem von den Spitzen der Demokraten und Republikaner im US-Kongress begleitet. Auf Fernsehbildern war zu sehen, dass die Teilnehmer des Gottesdienstes Masken trugen und Abstand hielten.

Biden ist nach John F. Kennedy der zweite Katholik, der Präsident der Vereinigten Staaten wird. Mit ihm in die Kirche ging unter anderem auch der wichtigste Republikaner im US-Senat, Mitch McConnell. Er gehörte in den vergangenen Jahren zu den einflussreichsten Verbündeten Trumps. McConnell distanziert sich aber vom scheidenden Präsidenten nach dem Sturm von Trump-Anhängern auf das Kapitol in Washington.


Biden erhielt kurz vor seiner Vereidigung noch aufmunternde Worte von seinem einstigen Chef Barack Obama. "Glückwünsche an meinen Freund, Präsident Joe Biden. Jetzt ist deine Zeit", schrieb der Ex-Präsident am Mittwoch bei Twitter. Biden war acht Jahre lang Vizepräsident während Obamas Amtszeit. Er selbst schrieb bei Twitter: "Es bricht ein neuer Tag an in Amerika."

Twitter hat übrigens am Mittwoch die offiziellen Accounts des Präsidenten und des Vizepräsidenten der USA an Joe Biden und Kamala Harris übertragen. Anders als bei der vergangenen Machtübergabe vor vier Jahren starten sie nach Entscheidung des Dienstes ohne die Abonnenten, die sich zur Amtszeit ihrer Vorgänger Donald Trump und Mike Pence bei den Profilen angesammelt hatten.

Präsident Biden kam beim Account @POTUS (President of the United States) in der ersten halben Stunde auf 1,4 Millionen Follower, Vizepräsidentin Harris bei @VP auf 5,6 Millionen.


Trump hatte seinen offiziellen Account meist nur genutzt, um Tweets von seinem persönlichen Konto @realDonaldTrump zu wiederholen. Twitter hatte ihn nach der Attacke seiner Anhänger auf das Kapitol in Washington bis auf Weiteres gesperrt. Zur Begründung hieß es, Trump habe gegen Nutzungsregeln verstoßen und man wolle mit dem Schritt eine weitere Eskalation verhindern.

(apa,dpa,afp,reuters)