Die Häscher kommen in der Nacht. Dann rückt Myanmars Militär aus, um Demokratieaktivisten zu verhaften. Von diesen haben nun viele schlaflose Nächte, wechseln ständig ihren Standort, um einer Verhaftung zu entgehen. Mindestens 400 Festnahmen seien bereits bestätigt worden, erklärte am Montag die "Vereinigung zur Unterstützung politischer Gefangener".

Auch sonst verschärft die Armee ihre Gangart, um den Widerstand gegen den Militärputsch zu brechen. In Mandalay, der im Zentrum gelegenen zweitgrößten Stadt des Landes, schossen Sicherheitskräfte, um Demonstranten zu vertreiben. Wie viele Opfer es gab, war vorerst unklar. Und auch in anderen Städten marschiert immer mehr Militär bei den Demonstrationen auf - darunter gefürchtete Divisionen, die schon in der Vergangenheit Aufstände brutal niedergeschlagen haben. Außerdem hat die Junta über Nacht eine Verordnung erlassen, wonach für Handlungen, die gegen das Militär gerichtet sind, bis zu 20 Jahre Haft drohen.

"Sicherheitskomplex sieht sich von Feinden umgeben"

Trotzdem hält der Widerstand an. Viele Beamte sind weiter im Streik und erneut protestierten zehntausende Regimegegner in zahlreichen Städten - wobei am Montag allerdings weniger Demonstranten zu sehen waren als am Wochenende. Sie fordern weiter die Anerkennung der Wahlen, die die Nationale Liga für Demokratie (NLD) gewonnen hat, und die Wiedereinsetzung der festgesetzten Regierungschefin Aung San Suu Kyi.

"Wir wollen einfach unser Leben vor dem Putsch zurück", sagte ein Aktivist der deutschen "taz". Gleichzeitig betonte er, dass Polizisten und Soldaten die Seite wechseln müssten, damit der Aufstand erfolgreich sein kann. "Ohne sie haben wir keine Chance."

Während schon einige Polizisten offen Sympathie für die Demonstranten gezeigt haben, war das bei Soldaten noch nicht der Fall. Und auch wenn manch einfacher Soldat mit der Protestbewegung sympathisieren mag, sind die Chancen gering, dass es an der Spitze der Armee zu einer Spaltung kommt. "In den entscheidenden Momenten hat die Generalität bisher immer die Reihen geschlossen", sagt der Politologe und Myanmar-Experte Marco Bünte von der Universität Erlangen-Nürnberg der "Wiener Zeitung". Das hat viel mit der Geschichte des Landes und der Kämpfer- und Bunkermentalität des Militärs zu tun, dessen Wahlspruch "Ein Blut, eine Stimme, ein Befehl" lautet.

Erst in den vergangenen zehn Jahren hat eine zaghafte Demokratisierung im Land eingesetzt, davor hat das Militär seit 1962 durchgängig den Staat beherrscht. Ständig war es mit Aufständen konfrontiert - von kommunistischen Rebellen über Demokratiebewegungen bis hin zu ethnischen Minderheiten, die für mehr Rechte kämpfen. Seit der Unabhängigkeit 1948 herrschte nie ganzflächig Frieden in Myanmar, bis heute wird in dem Vielvölkerstaat in manchen Regionen gekämpft - und wie Militärführer Min Aung Hlaing war die gesamte Armeespitze direkt an der Front.

"Es hat sich ein Sicherheitskomplex gebildet, der sich von Feinden umgeben sieht" erklärt Bünte. Und der offenbar als Anschauung verinnerlicht hat: Politik wird durch Kampf und nicht durch Kompromisse entschieden. Wer dabei keine Geschlossenheit zeigt, ist geschwächt.

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Darüber hinaus hat die Armee während ihrer jahrzehntelangen Herrschaft den ganzen Staat durchdrungen und dabei auch große Wirtschaftskonglomerate gebildet. Bünte meint aber, dass wirtschaftliche Gründe für den Putsch nicht ausschlaggebend waren - vielmehr hätten auch diese Unternehmen, die etwa im Banken-, Tourismus und Immobiliensektor tätig sind, von der Öffnung des Landes profitiert. "Es geht um die politische Vorherrschaft."

Militär fürchtete Vormarsch der Zivilisten

Und diese sah die Armee offenbar gefährdet. Zwar hatte sie gemäß der 2008 verabschiedeten Verfassung den Sicherheitsapparat weiter in der Hand. Doch geriet die Verwaltung immer mehr unter zivile Kontrolle. Zudem hatte sich Suu Kyi, die die Parlamentsmehrheit anführte, durch geschickte Schachzüge mehr Einfluss gesichert, als es die Generäle vorgesehen hatten. Und mit dem überlegenen Wahlsieg hatte Suu Kyis NLD nun erneut ein überwältigendes Mandat vom Volk erhalten.

Unter dem Vorwand des Wahlbetrugs annullierte die Armee die Wahl. Sie präsentierte sich dabei als Wächter einer disziplinierten Demokratie. Was Demokratie ist, das bestimmt in Myanmar offenbar noch immer das Militär.