Zwanzig Jahre Krieg - und ein Ende ist nicht abzusehen. Die Nato wird dieser Tage einen Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan einmal mehr nicht beschließen, 10.000 Soldaten bleiben damit am Hindukusch. Und das, obwohl den Taliban von den USA eine Räumung des Landes bis zum 30. April in Aussicht gestellt worden war. Die Islamisten sollten so ermutigt werden, im Zuge der laufenden Friedensverhandlungen mit der afghanischen Regierung auf Gewalt zu verzichten und endlich friedliche Verhältnisse zu ermöglichen. Es hat nicht funktioniert.

Die Taliban haben weiter auf Anschläge und Angriffe gesetzt, die Nato muss befürchten, dass die Islamisten im Fall eines Abzugs aller ausländischer Truppen wieder die Herrschaft übernehmen. Die afghanische Armee wurde zwar mit westlichen Waffen und Know-how ausgestattet, sie ist aber korrupt, die Soldaten sind meist wenig motiviert. Westliche Militärexperten gehen nicht davon aus, dass sie, auf sich alleine gestellt, den Taliban auf Dauer standhalten könnten.

Leiden und töten

Mit dem Beschluss, über den April hinaus in Afghanistan zu bleiben, nimmt die Nato in Kauf, dass die Taliban nach langer Pause auch wieder internationale Truppen angreifen. Ein Horrorszenario, nicht nur für die USA, sondern auch für Deutschland, das im Rahmen der Mission "Resolute Support" der zweitgrößte Truppensteller ist. Fast 160.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten waren inzwischen am Hindukusch, die dort gemachten Erfahrungen waren für viele fürchterlich. 59 deutsche Soldaten fanden den Tod, Experten gehen von mindestens 4.800 psychisch schwer Traumatisierten aus.

Die Bundeswehr leidet am Hindukusch - aber sie tötet dort auch. Zumindest in den vergangenen Jahren. Als Schlüsseltag gilt hier der 4. September 2009. Auf Befehl des deutschen Oberst Georg Klein bombardierten US-Kampfflugzeuge südlich von Kunduz zwei Tanklaster. Zuvor hatten die Taliban einen der afghanischen Chauffeure ermordet und die Fahrzeuge entführt. Klein befürchtete, dass die Islamisten die Fahrzeuge als rollende Bomben benutzen und im nahe gelegenen Feldlager Kunduz ein Inferno anrichten könnten.

Bei der Bombardierung starben mehr als 100 Menschen, genauere Zahlen gibt es nicht. Unter den Toten befanden sich Zivilisten und Kinder, die sich aus Neugier, oder um Benzin abzuzapfen, um die Tanklaster versammelt hatten. Der Luftangriff war der blutigste deutsche Einsatz seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Falsche Erwartungen

Ein afghanischer Vater klagte Deutschland, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilte jetzt, dass die Ermittlungen der deutschen Justiz in dieser Sache ausreichend gewesen seien. Das Verfahren gegen Oberst Klein war eingestellt worden, weil es zu wenige Anhaltspunkte für einen Verdacht gab.

Als der Afghanistan-Einsatz nach den Terrorangriffen vom 11. September in Berlin beschlossen wurde, war niemandem klar, auf was man sich da einlässt. Immerhin waren die Taliban von den USA bereits scheinbar geschlagen, die Rede war von einem "Friedenseinsatz". Die Bundeswehr wollte den Aufbau der Demokratie in Afghanistan unterstützen und schützend dafür sorgen, dass nach den düsteren Taliban-Jahren Menschenrechte und Wohlstand Einzug halten.

Diese Erwartungen erfüllten sich nicht. Die Taliban waren nur kurzfristig von der Bildfläche verschwunden und sickerten auch in die von der Bundeswehr kontrollierten Gebiete ein. Nach und nach sahen sich die Soldaten mit Krieg konfrontiert. Darauf war man nicht vorbereitet, weder hinsichtlich der Bewaffnung, noch mental. Lange Zeit durfte in Deutschland nicht offiziell von "Krieg" die Rede sein, auch wenn die Tatsachen das nahelegten.

Nichts anderes als Krieg war jedenfalls das, was am 2. April 2010 beim mittlerweile historischen Karfreitagsgefecht in der Nähe von Kunduz geschah. Deutsche Fallschirmjäger hatten den Auftrag, Sprengfallen zu räumen, als sie von Taliban angegriffen wurden. Drei Bundeswehr-Soldaten und eine unbekannte Zahl an Taliban wurden bei dem stundenlangen Gefecht getötet. Hauptfeldwebel Philipp P., der an dem Kampf beteiligt war, erzählte der "Wiener Zeitung", dass manche Kameraden angesichts der Situation völlig perplex gewesen seien. Sie hätten ihren Helm abgenommen, sich langsam niedergesetzt und begonnen, eine Zigarette zu rauchen.

Kein Ausweg in Sicht

Ab dem Jahr 2013 ist man auch auf deutscher Seite dazu übergegangen, das Kämpfen der afghanischen Armee zu überlassen und beratend und überwachend im Hintergrund zu agieren. Ein völliger Abzug aus Afghanistan würde aber bedeuten, die kleinen Erfolge, die mit großem Aufwand erzielt wurden, preiszugeben. Das weiß die Politik in Berlin - und nach dem Ende der Donald-Trump-Jahre jetzt auch wieder in Washington. Nach einem Ausweg aus dem afghanischen Dilemma wird gefahndet - der ist aber nicht in Sicht.