Claudia Mangwegape hat viel gesehen. Die Frau mittleren Alters ist eine "Frontlinerin", wie sie sagt - eine jener Gesundheitsmitarbeiter, die jeden Tag mittels Contact Tracing gegen eine weitere Verbreitung des Coronavirus in Südafrika kämpfen, jenem Land, von dem aus eine neue Mutation des gefürchteten Virus auch Österreich erreicht hat. "Gefährlich, aber auch toll" sei ihr Job, sagt die resolut wirkende Mangwegape, die eine dominante runde Brille trägt, dem britischen Sender BBC.

Derzeit habe sie doppelt so viel Arbeit. Denn Südafrika befindet sich inmitten einer zweiten Welle der Ausbreitung des Virus - meist in seiner mutierten Variante B.1.351. Im Jänner waren dabei die Infiziertenzahlen am höchsten, man verzeichnete 20.000 Fälle pro Tag. Die Krankenhäuser in Südafrika erreichten ihre Kapazitätsgrenzen. Stellenweise gab es keine Betten in Intensivstationen mehr, mancherorts ging der Sauerstoff zur Neige.

Freiwillige Teilnehmer einer Impfstudie warten auf ihre Impfung in Soweto bei Johannesburg. - © APAweb / reuters, Siphiwe Sibeko
Freiwillige Teilnehmer einer Impfstudie warten auf ihre Impfung in Soweto bei Johannesburg. - © APAweb / reuters, Siphiwe Sibeko

 

Strenger Lockdown

Ein Lockdown, der mit strengen Strafen durchgesetzt wird, sollte die Krankheit eindämmen. Vergehen gegen die Anordnungen wurden oft nicht nur mit Geldbußen, sondern sogar mit Haftstrafen geahndet. Mangwegape selbst hat durch das Virus einen Kollegen verloren, der sich bei einem Patienten angesteckt hat. "Er war ein Freund von mir. Nach seinem Tod war es schwer für mich, wieder in die Arbeit zu gehen", sagt die Frau, die alleinerziehende Mutter zweier Kinder ist. "Ich dachte mir: Wenn ich tot bin, was wird dann aus meinen Kindern?" Dennoch entschied sie sich, ihrer Arbeit weiter nachzugehen.

Mittlerweile sind die Infiziertenzahlen in Südafrika etwas gesunken, was Staatspräsident Kyryl Ramaphosa dazu bewogen hat, die nächtlichen Ausgangsbeschränkungen zu lockern. Auch die Strände sind wieder geöffnet.

"Wollen Impfstoff teilen"

Dennoch sind die Menschen am Kap der guten Hoffnung entgegen ihrer Mentalität derzeit nicht allzu optimistisch. Kein Wunder: Vor etwas mehr als einer Woche hatte eine Studie der Witwatersrand-Universität in Johannesburg für Aufregung gesorgt. Die Forscher waren zum Schluss gekommen, dass der Impfstoff des Herstellers AstraZeneca nur einen "minimalen Schutz" gegen milde und moderate Infektionen mit dem mutierten "Südafrika-Virus" B.1.351 bietet. Zwar haben Experten - und AstraZeneca selbst - noch die Hoffnung, dass der Impfstoff schwere Infektionen verhindert. Klären konnte das die Studie, an der rund 2.000 relativ junge und gesunde Testpersonen teilgenommen hatten, allerdings nicht.

Obwohl die Weltgesundheitsorganisation WHO und namhafte Wissenschaftler den Einsatz des AstraZeneca-Impfstoffs weiterhin für sinnvoll halten, war der Imageschaden für das britisch-schwedische Unternehmen gewaltig. Das südafrikanische Gesundheitsministerium erklärte vergangene Woche, dass das Land die Einführung des Impfstoffs aussetzt. Laut einem Bericht der Zeitung "Economic Times" vom Dienstag forderte Südafrika das Serum Institute of India, den Produzenten des Impfstoffes, auf, eine Million AstraZeneca-Dosen zurückzunehmen. Südafrika ließ umgehend dementieren: Der Bericht sei falsch, man wolle den Impfstoff, den man erhalten habe, mit anderen afrikanischen Ländern teilen.

 

Angst vor Corona-Winter

Die Hoffnungen am Kap richten sich nun auf das Vakzin des US-Herstellers Johnson&Johnson, von dem man neun Millionen Dosen bestellt hat. Es soll laut ersten Studien auch gegen das mutierte Virus wirksam sein. Dazu hat sich Südafrika auch 20 Millionen Dosen von Biontech/Pfizer gesichert. Auch in Russland und China könnte eingekauft werden.

Die Zeit drängt: Wissenschaftler warnen vor einer weiteren Welle der Krankheit gegen Juni hin, einer Zeit, in der in Südafrika Winter ist. Bis dahin breite Schichten der Bevölkerung zu impfen, wird schwer. Rund 80 Prozent der Bevölkerung sind auf das fehleranfällige staatliche Gesundheitssystem angewiesen, viele leben unter slumähnlichen Bedingungen dicht nebeneinander - was ideal für die Ausbreitung des Virus ist.

HIV zusätzliches Problem

Dazu kommt, dass in Südafrika die Immunschwächekrankheit Aids weit verbreitet ist. Einer Schätzung aus dem Jahr 2014 zufolge sollen rund 19 Prozent der 15- bis 49-Jährigen davon betroffen sein. Die hohe Zahl an Immunschwachen erschwert den Kampf gegen das Coronavirus.

Fast 1,5 Millionen Menschen sind in Südafrika seit Beginn der Pandemie erkrankt, mehr als 46.000 Menschen sind gestorben - das ist, zumindest was die offiziellen Zahlen betrifft, mehr als in irgendeinem anderen afrikanischen Land. "Ich träume davon, dass ich irgendwann in den Nachrichten höre, dass es kein Coronavirus mehr gibt", fasst Mangwegape einen weit verbreiteten Wunsch zusammen. (leg)